Sparpotenzial

Ein Aargauer Pflegefall kostet monatlich 6065 Franken – wenig im Schweizer Vergleich

Ein Aargauer Pflegefall verursacht im schweizweiten Vergleich deutlich weniger Kosten. (Symbolbild)

Die Kosten für die Pflegefälle steigen und steigen. Die Denkfabrik Avenir Suisse hat die Kosten der Kantone verglichen und ortet Sparpotenzial.

Die steigenden Kosten für die Pflege von Seniorinnen und Senioren sind eine Herausforderung für Gesellschaft und Politik. Laut der Denkfabrik Avenir Suisse werden sich die Ausgaben von 11,5 Milliarden Franken (Stand 2014) für die Alterspflege bis 2045 verdoppeln. Das wären 3,4 Prozent des Bruttoinlandproduktes.

Die Denkfabrik macht nun mehrere Vorschläge, um diese Entwicklung zumindest zu dämpfen. Nicht weniger als 1,9 Milliarden Franken Sparpotenzial ortet sie etwa in der Alterspflege-Organisation. Dies zeige ein Vergleich zwischen den Kantonen.

Damit dieses Sparpotenzial ausgeschöpft werden könnte, müssten die Alterspflege-Organisationen in allen Kantonen mindestens so effizient arbeiten wie im Schweizer Durchschnitt, heisst es weiter. Als Beispiel hierfür werden unter anderen die Personalkosten aufgeführt. Sie machen drei Viertel der Kosten in der Alterspflege aus - und haben ein entsprechendes Gewicht.

Aus dem Kantonsvergleich gehe hervor, dass die Lohnkosten des Pflegepersonals pro Vollzeitstelle im (teuren) Kanton Genf zwar 38 Prozent über dem Schweizer Durchschnitt liegen, im (ebenfalls teuren) Kanton Zürich jedoch lediglich 7 Prozent, während sie in Basel-Stadt ungefähr dem Schweizer Durchschnitt entsprechen.

Im Gesamtranking belegt der Kanton Aargau Platz 3, hinter Appenzell Innerrhoden und Thurgau. Die Gesamtkosten pro gepflegter Person und Monat liegen im Aargau bei 6065 Franken. Der Durchschnittswert aller Kantone beträgt 7597 Franken, jener der 10 besten Schweizer Kantone 6143 Franken.

Die Studie von Avenir Suisse nennt die drei wichtigsten Kostenträger.

  • 1) Vollkosten pro Stelle (Personalkosten und Sachkosten)

Vollkosten pro Stelle lassen sich weitgehend direkt steuern. Sie spiegeln vor allem die Lohnpolitik und zu einem geringeren Teil den Ausbaustandard der Pflege-Institutionen.

Auffallend: Während die Personalkosten pro Vollzeitstelle im Aargau deutlich tiefer ausfallen als im Schweizer Durchschnitt, liegen die jährlichen Sachkosten pro Bett mit zirka 26‘000 Franken über dem Durchschnitt von zirka 25‘000 Franken. Spitzenreiter ist hier Appenzell Innerrhoden mit zirka 11‘000 Franken.

Die Unterschiede bei den Sachkosten werden in der Studie mit unterschiedlichen Ausbaustandards erklärt. Diese wiederum erklären sich durch unterschiedliche qualitative Ausbaustandards sowie durch kantonale Bau- und Betriebsvorschriften, etwa Mindestvorgaben für Zimmergrösse, Anzahl Betten für Zimmer, Ausstattung der Nasszelle oder Vorschriften zu Feuerschutz, Lebensmittelzubereitung oder Hygiene.

Das Einsparpotenzial bei den Personal- und Sachkosten beziffert Avenir Suisse für die Schweiz auf jährlich fast zwei Milliarden Franken.

  • 2) Vollzeitstellen pro gepflegte Person (Betreuungsverhältnis)

Auch diese Kosten lassen sich weitgehend direkt steuern. Das Betreuungsverhältnis bildet Qualitäts-, aber auch Effizienzunterschiede in der Personalführung ab. Es ist im Aargau nicht nur deutlich tiefer als im schweizweiten Vergleich, sondern auch gegenüber den zehn Top-Kantonen. Das heisst also: Auf eine zu pflegende Person kommen im Aargau deutlich weniger Mitarbeiter als in den meisten anderen Kantonen. Das zahlt sich deshalb aus, weil die Pflege-Branche besonders personalintensiv ist und die Löhne 77 Prozent aller Kosten ausmachen.

  • 3) Anteil der gepflegten Personen ab 65 Jahren (Quote der Inanspruchnahme)

Die Quote der Inanspruchnahme ist im Aargau übermässig hoch. Sie lässt sich aber nur indirekt beeinflussen. Der Grund: Der Gesundheitszustand der Bevölkerung hängt gemäss der Studie stark von soziodemografischen Merkmalen wie Bildung, Einkommen, Arbeitslosigkeit oder Branchenstrukturen und kulturellen Gewohnheiten ab. Auf diese könnten die Politik oder die Leistungserbringer nur bedingt Einfluss nehmen.

Auch variiert die Alters- und Geschlechtsstruktur der Einwohner älter als 65 Jahre zwischen den Kantonen erheblich. Beim Kanton Baselland lag der Anteil der mindestens 85-Jährigen unter den Pensionierten 2014 bei 19 Prozent, im Aargau nur bei 11 Prozent.

Weiterer Lösungsvorschlag

Avenir Suisse schlägt ausserdem als langfristige Lösung zur Finanzierung der Alterspflege ein obligatorisches individuelles Pflegekapital vor. Die angesparten Mittel wären für Pflege oder Betreuung - zu Hause oder im Heim - einsetzbar. Nicht verwendete Ersparnisse würden im Todesfall vererbt. Das honoriere die Unterstützung der Angehörigen, motiviere zum schonenden Umgang mit Ressourcen und stärke die Eigenverantwortung, heisst es weiter. (pz/sda)

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