Verdingbub

Ein Aargauer erzählt von seinen schlimmsten Jahren als Verdingbub

Ein trauriges Stück Schweizer Geschichte: Trailer zum Film «Der Verdingbub»

Ein trauriges Stück Schweizer Geschichte: Trailer zum Film «Der Verdingbub»

«Der Verdingbub» ist zweifellos der Schweizer Kinofilm des Jahres. Der Filmemacher Markus Imboden gab in Muri Auskunft. Die az hat ein Verdingbub besucht: Ernst Lütolf hat viele der bösen Geschichten erlebt, die man sich von Verdingkindern erzählt.

Es ist ein düsteres Kapitel in der Schweizer Geschichte: Im 19. und 20. Jahrhundert wurden in der Schweiz Hunderttausende Kinder fremdplatziert, viele davon «verdingt». Das bedeutet, sie mussten bereits im Kindesalter für ihren Lebensunterhalt arbeiten. Im neuen Schweizer Film «Der Verdingbub» (siehe Trailer als Video) von Markus Imboden wird die Geschichte aufgerollt. Der Filmemacher selbst gab im Kino Mansarde in Muri Auskunft über Dreharbeiten und Hintergründe des Drehbuchs.

Die schlimmen Erlebnisse der Film-Hauptfiguren - Schläge, Vergewaltigungen, Schikanierungen - sind dabei keineswegs übertrieben, sondern gehören zu den allerschlimmsten Erinnerungen unzähliger Menschen.

«Ich habe Rückmeldungen von ehemaligen Verdingkindern bekommen. Eine Frau sagte, der Film zeige schlimme Szenen, aber in Wahrheit sei es noch viel schlimmer gewesen», beschrieb Imboden den Kinozuschauern nach dem Film. «Sie sagte mir, sie sei nicht nur manchmal, sondern jeden Tag geschlagen und missbraucht worden.»

Auch im Aargau sind zahlreiche Verdingkinder aufgewachsen oder heute wohnhaft. Doch viele wollen nicht darüber sprechen. Die az hat ein Verdingbub besucht. Er will unerkannt bleiben, weshalb die Redaktion auf Wunsch des Betroffenen der Name geändert hat. Wir nennen ihn Ernst Lütolf. Er erzählt:

«Meine Mutter konnte nicht um Hilfe rufen»

«Meine Mutter war taubstumm und ist beim Heubeerensammeln vergewaltigt worden. Sie konnte nicht um Hilfe rufen», hat Ernst Lütolf erfahren. Als er im Luzerner Spital zur Welt kam, starb seine Mutter. «Einige wussten, wer mein Vater war, aber es wurde nie bewiesen.» So kümmerte sich eine gütige Tante für ein Jahr um den Säugling. Diese hatte jedoch selber neun Kinder und musste den Buben weggeben.

Er wuchs in zwei Heimen auf. «Als ich 15 Jahre alt war, brachte mich mein Vormund zu einem Bauern, wo ich arbeiten musste», erinnert sich Lütolf. Doch er blieb nur drei Wochen. «Der Bauer hat mich schikaniert.

Ich wurde nicht geschlagen, aber immer wieder ausgelacht und beschimpft. Ich hatte Angst vor dem Bauern und vor den Kühen, denn ich arbeitete zum ersten Mal auf einem Hof.» Er hielt es nicht aus und ging zum Vormund. Der holte den Jungen ab und brachte ihn zurück ins Heim.

«Ich wäre noch heute dort»

Dann kam er wieder auf einen Bauernhof. «Die Leute waren sehr nett. Es gefiel mir sehr gut und ich wäre wohl noch heute dort, wenn es nach mir gegangen wäre», erinnert sich Lütolf. Doch so kam es nicht.

«Wir waren auf dem Feld, als ich eine schwarze Gestalt erblickte. Ich sagte zu meinem Meister, dass ich geholt werde.» Es war die Lehrerin des Kinderheims, die ihn von seinem lieben Hof wegholte.

«Anscheinend dachte sie, ich wäre in schlechter Gesellschaft, weil im Dorf Katholiken und Reformierte in dieselbe Kirche gingen», sagt er. Danach kam er zu einem Bauern, der selber 14 Kinder hatte.

«Dort war es nicht schlecht, ich hatte genug zu essen und ein Bett. Ich wurde wieder sehr oft schikaniert, aber mit den Kindern gab es auch gute Zeiten, zum Bispiel beim Jassen.» Drei Jahre hielt er es aus, dann holte ihn sein Vormund ab.

Muttertag war das Schlimmste

Ein Jahr machte er eine Gärtnerlehre in Zug, «aber mein Lehrmeister hat sich erhängt. Er hat viel gesoffen», sodass Ernst Lütolf wieder ins Heim kam. In den 60er-Jahren durfte er während neun Jahren bei seiner Tante wohnen. Er arbeitete bei verschiedenen Bauern als Aushilfe.

Seit jeher war der Muttertag für ihn das Schlimmste. «Einmal war ich mit meiner Tante am Muttertag essen. Da kam ein Kind und fragte seine Mutter: ‹Mami, darf ich …›, da rannte ich weg und weinte», beschreibt Lütolf. Heimweh und Sehnsucht nach seiner Mutter begleiteten ihn sein ganzes Leben lang.

Interesse an «Der Verdingbub»

«Als ich in den 20ern war, begann ich zu trinken», sagt er. Seine Lehrmeister hätten es ihm vorgelebt. Seit 1982 wohnt er nun im Murimoos, wo er mit anderen für die Blumenbeete und -kästen verantwortlich ist.

Den Kontakt zu den Bauern- oder Heimkindern hat er nie aufrechterhalten. «Aber in dem Kloster, in dem ich als Junge zur Schule gegangen bin, suchen sie jedes Jahr Leute, die beim Frühjahrsputz helfen. Ich würde sehr gern wieder einmal für eine Woche dorthin zurück», verkündet er.

Und auch die Geschichten von Leidensgenossen interessieren ihn. Vom Film «Der Verdingbub» schneidet er jeden Artikel aus, den er finden kann.

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