Interview

Ehemaliger Flugplatzleiter: «Interesse am Motorflug ist ungebrochen»

Heinz Wyss verfügt über eine reiche Flugerfahrung, er hat bis heute insgesamt 6550 Flugstunden sowie 26'600 Landungen absolviert.

Heinz Wyss verfügt über eine reiche Flugerfahrung, er hat bis heute insgesamt 6550 Flugstunden sowie 26'600 Landungen absolviert.

Der ehemalige Flugplatzleiter und Safety-Officer Heinz Wyss erinnert sich im grossen Interview an den Mann, der einen Piloten als «jungen Schnoderi» bezeichnete, an den «Jumbo», der über das Birrfeld flog und an das Bündnerstübli, das einst als Beiz diente.

Ganz von der Aviatik lassen wird er nicht. Zwar ist Heinz Wyss kürzlich als ehemaliger Flugplatzleiter sowie Safety-Officer in den wohlverdienten Ruhestand getreten. Dem Birrfeld bleibt er mit seiner 48-jährigen Flugplatz-Erfahrung trotzdem erhalten als Pilot, Fluglehrer sowie – an den Wochenenden – Flugplatzchef-Stellvertreter.

Auch die Redaktion der «Birrfelder Flugpost» gehört nach wie vor zu seinen Aufgaben. Er freut sich aber, dass er die grosse Verantwortung seinem Nachfolger Martin Andenmatten abgegeben konnte, keine festen Arbeitszeiten mehr hat und seinen Aufenthalt im Birrfeld ohne feste Verpflichtungen geniessen kann.

Frisch zurück aus den Skiferien, erscheint der bald 66-jährige zum Kaffee im Flugplatz-Restaurant an diesem wolkenverhangenen, stürmischen Wintermorgen. Wyss ist ein aufgestellter, aufmerksamer und angenehmer Gesprächspartner.

Was macht den Reiz des Fliegens aus?

Heinz Wyss: Die Weite des Horizonts, das freie Bewegen in der dritten Dimension, die Welt – und insbesondere die schöne Schweiz – mit all den vielen Stimmungen von oben zu sehen, das übt auf mich seit jeher eine unglaubliche Faszination aus. Interessant ist auch die Verbindung von Natur und Technik. Ich bin dankbar für die wunderschönen und einzigartigen Erlebnisse, zu denen mir die Fliegerei verholfen hat.

Haben Sie brenzlige Situationen erlebt?

Wenige. Und wenn, dann war es wegen des Wetters.

Auf dem Flugplatz Birrfeld haben Sie anspruchsvolle Tätigkeiten ausgeübt, arbeitsintensive Ämter innegehabt. Welche der zahlreichen Aufgaben haben am meisten Freude bereitet?

Als Verwaltungsrat der Fliegerschule Birrfeld waren es die betriebswirtschaftlichen und technischen Herausforderungen. Dabei hat mir meine militärische und berufliche Führung­serfahrung viel geholfen. Als Vereinspräsident des Aero-Clubs Aargau und Verantwortlicher des Flugplatzes Birrfeld hatte ich grosse Freude an den politischen Herausforderungen, am Kontakt zur Bevölkerung und zu den Vereinsmitgliedern.

Stichwort Bevölkerung: Ein Thema war stets der Fluglärm.

Ein grosses Anliegen war – und ist mir immer noch – das Gespräch mit den Menschen, die sich durch den Fluglärm gestört fühlen. Ich besuchte sie zu Hause oder erklärte ihnen auf dem Flugplatz den Betrieb.

Sie leisteten viel Informationsarbeit. Hat das gefruchtet?

Ich denke schon. Mit Menschen das persönliche Gespräch suchen und Vertrauen schaffen ist wichtig. In bester Erinnerung bleibt mir das Treffen mit einem Einwohner aus Mägenwil, der sich immer wieder lautstark über den Fluglärm beschwerte. Ich lud ihn zu einem Flug ein. Dieses Erlebnis hat ihn derart begeistert, dass er mit der Flugausbildung im Birrfeld begann und später sogar die Helikopterausbildung absolvierte. Oder einmal bezeichnete ­jemand den Piloten eines Schleppflugzeugs am Telefon als «junge Schnoderi». Zusammen mit dem Piloten, einem 63-jährigen Gewerbeschullehrer, besuchte ich den Anrufer zu Hause. In der Stube, bei einem Glas Wein, entwickelte sich ein konstruktives Gespräch. Der Mann entschuldigte sich beim Piloten für seine Wortwahl. Der gute Kontakt blieb über viele Jahre bestehen. Solche und ähnliche Geschichten gäbe es noch viele zu erzählen.

Neben dem guten Einvernehmen mit der Bevölkerung und den Behörden waren Ihnen die Flug- sicherheit sowie die Einhaltung von Flugwegen und Volten wichtig. In welchen Bereichen haben sich die Fliegerei und der Flugplatz am stärksten entwickelt in den letzten Jahrzehnten?

Im stetigen Ausbau der Infrastruktur. Den Flugplatz kannte ich schon, als noch keine Hartbelagspiste bestand. Es gab drei alte Holzhangars und zwei Hangars für Motorflugzeuge sowie ein kleines, aber gemütliches Flugplatz-Beizli – ein Pavillon, der einst an der Schweizerischen Landes­ausstellung Landi in Zürich als Bündnerstübli im Einsatz war. Der Zusammenhalt und der Vereinsgedanke waren stark ausgeprägt. Nach wie vor pflegen wir im Aero-Club Aargau ein kollegiales Verhältnis, aber der Konsumgedanke hat zugenommen. Trotzdem werden Probleme auch heute sachlich diskutiert und angegangen, das Wohl des Flugplatzes steht im Vordergrund.

Ab den Siebzigerjahren erfolgte eine schrittweise Erweiterun der Infrastruktur.

Der Ausbau zum Regionalflugplatz erfolgte im Einvernehmen mit den Flugplatzgemeinden und den Vereinsmitgliedern. Der Erhalt der bundesrätlichen Konzession brachte dann einerseits zwar viel Planungssicherheit, andererseits aber auch strenge Vorschriften und wachsende Auflagen durch das Bundesamt für Zivilluftfahrt. Das einst kleine Birrfeld hat sich zu einem bedeutenden KMU entwickelt. Moderner und leiser geworden sind die Motor- und Schulungsflugzeuge, die Segelflugzeuge wurden ebenfalls stetig weiterentwickelt.

Welches waren die Höhepunkte in der Zeit im Birrfeld?

Es gab viele schöne Momente. 1993, während meiner Präsidialzeit, durfte ich nach langer, umfangreicher und geduldiger Vorarbeit unseres heutigen Ehrenpräsidenten, Werner Neuhaus, die langersehnte Konzession in Empfang nehmen. Die spürbare Unterstützung von kommunalen, kantonalen und eidgenössischen Behörden erfüllte mich mit Genugtuung. Auch die Tage der offenen Türen, die Segelflug- Schweizer-Meisterschaften und natürlich die grossen Flugtage 1984, 1997 und 2012 bleiben in allerbester Erinnerung – vor allem der Sonntagmorgen Ende August 1997, als ein «Jumbo» der Swissair im Tiefflug über das Birrfeld flog, als ein russischer Pilot mit seiner Suchoi Su-27 unglaubliche Figuren an den Himmel zauberte oder als die Patrouille Suisse die Zuschauer begeisterte. Alt Bundesrat Moritz Leuenberger schrieb in seinem Grusswort: «Der Flugplatz Birrfeld erfüllt eine wichtige Funktion im Netz der schweizerischen Luftfahrt-Infrastruktur. Er ist regionales Zentrum für Flugausbildung, Sport- und Touristikfliegerei.»

Wie steht es um den Pilotennachwuchs?

Das Interesse am Motorflug ist ungebrochen, im Segelflug leider rückläufig. Mit grosser Freude durfte ich immer wieder die Aus- und Weiterbildung vieler Birrfelder Jungpilotinnen und Jungpiloten miterleben, die ich später im Cockpit von Swiss-, Edelweiss- oder Easy-Jet-Flugzeugen antraf. Auch viele Militärpiloten haben ihre Grundausbildung im Birrfeld absolviert.

Neben der Sonnenseite: Welches waren die schwierigen Momente?

Natürlich gab es Tiefpunkte. Unfälle, insbesondere der Verlust von Fliegerkameraden, haben mich sehr betroffen gemacht. Nerven kosteten manchmal auch die vielen Auflagen, die oftmals komplexen und langdauernden Verfahren im Zusammenhang mit der Konzessionierung, Zertifizierung und dem Ausbau der Infrastruktur. In wenig guter Erinnerung bleibt zudem der 3. Januar 2018, als ein Sturm zwei Hangardächer wegfegte und mehrere Flugzeuge beschädigte. Glücklicherweise wurden keine Menschen verletzt. Grundsätzlich aber überwiegen die positiven Erlebnisse und die vielen bereichernden Begegnungen bei weitem.

Welche Herausforderungen kommen in Zukunft auf den Flugplatz Birrfeld zu?

Ich bin der festen Überzeugung, dass wir im Birrfeld heute über einen wunderschönen und funktionalen Regionalflugplatz verfügen. Zu einem beliebten Treffpunkt für Aviatiker, aber auch für weitere Besucherinnen und Besucher, machen ihn die hervorragende Lage, die Infrastruktur mit dem zertifizierten Naturpark, die Fliegerschule Birrfeld mit ihrer modernen Flugzeugflotte und den qualifizierten Fluglehrern, der neue Unterhaltsbetrieb – die Maintenance – sowie das gut geführte Restaurant mit dem grossen Kinderspielplatz. Die Führungsgremien wollen den Flugplatz in der bestehenden Form weiterführen, ein Ausbau oder eine Verlängerung der Piste sind nicht geplant. Rasant weitergehen wird die Entwicklung im technischen Bereich. So hoffe ich, dass leisere Triebwerke und der Einsatz von Elektromotoren dazu führen, dass die Lärmthematik in nächster Zukunft auf ein Minimum reduziert werden kann. Sorgen bereiten mir die immer wachsenden Auflagen, die damit verbundene Kostenentwicklung, die gestiegenen Anforderungen bei der Pilotenausbildung sowie der seit Jahren spürbare Rückgang der Segelflugaktivitäten.

Was sind die Ursachen?

Segelflug ist ein Teamsport, der zeitintensiv ist. Diesen Aufwand wollen offenbar immer weniger betreiben, obwohl Segelfliegen lautlose und faszinierende Erlebnisse vermittelt. Auch ist  – im Vergleich – eine Gleitschirm-Ausbildung wesentlich einfacher.

Wann sind Sie in Zukunft anzutreffen auf dem Flugplatz?

Wenn es die Gesundheit erlaubt, möchte ich meine fliegerischen Aktivitäten gerne noch einige Jahre ausüben, meine vielfältige Erfahrung weitergeben und meine Kolleginnen und Kollegen bei Bedarf unterstützen. Aber auch wenn ich einmal nicht mehr selber fliege, werde ich sicher gerne im Birrfeld sein und die einmalige Ambiance geniessen.

Abgesehen vom Birrfeld: Auf was freuen Sie sich denn besonders im neuen Lebensabschnitt als Pensionär?

Auf dem Programm stehen Reisen, die nächste führt Ende Februar nach Finnisch-Lappland, sowie Mehrtageswanderungen, Motorradausflüge und Schwyzerörgelispielen.

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