Schicksal

Ehemalige Taliban-Geisel: Daniela Widmer ist seit zwei Wochen Frau Gemeindeammann von Bellikon

Daniela Widmer (35) war acht Monate in der Gewalt der Taliban. Heute engagiert sie sich als Frau Gemeindeammann von Bellikon in der Lokalpolitik – und sagt: «Die Entführung gehört zu mir.»

«Daniela Widmer stellt sich zur Wahl als Gemeindeammann.» Das stand am 19. Dezember 2018 in den Gemeindenachrichten von Bellikon. Nach dem Rücktritt des langjährigen Ammanns Hans Peter Kurth unterstützten Vizeammann Roger Keller sowie die beiden Gemeinderäte Josef Karpf und Alexander Schibli «einstimmig die Nomination von Gemeinderätin Daniela Widmer als neue Frau Gemeindeammann und danken ihr, dass sie sich bereit erklärt hat, sich der Wahl am 10. Februar 2019 zu stellen», war in der Mitteilung zu lesen.

Man werde die Kandidatin «gerne in ihrem Bestreben unterstützen, Bellikon als Frau Gemeindeammann in eine gute und erfreuliche Zukunft zu führen». Widmer, 35-jährig, parteilos und erst seit 2018 im Gemeinderat, wurde dann auch klar gewählt. Als einzige offizielle Kandidatin erzielte sie 376 Stimmen und ist seit gut zwei Wochen offiziell Gemeindeammann von Bellikon.

Acht Monate in Geiselhaft

Dass sich eine junge Frau wie Daniela Widmer in der Lokalpolitik engagiert, ist im Aargau ziemlich selten, wie eine kürzlich veröffentlichte Studie zeigt (die AZ berichtete). Doch bei der neuen Frau Gemeindeammann von Bellikon ist dies nur ein Nebenaspekt. Bemerkenswerter ist Widmers persönliches Schicksal: Die heutige Lokalpolitikerin war einst eine Geisel der Taliban.

Im Sommer 2011 reiste sie mit ihrem damaligen Freund David Och im VW-Bus nach Indien. Auf der Rückfahrt durch Pakistan wurden sie in der Stadt Loralai entführt. Sie sassen mehr als acht Monate in Geiselhaft, bevor ihnen im März 2012 die Flucht gelang. Lösegeld an die Taliban sei dabei keines geflossen, sagte der damalige Schweizer Aussenminister Didier Burkhalter.

Rückkehr der freigekommenen Geiseln nach Zürich:

Die Rückkehr der freigekommenen Schweizer Geiseln nach Zürich

Tele-M1-Nachricht vom März 2012.

Basierend auf Tagebucheinträgen veröffentlichten Daniela Widmer und ihr damaliger Partner im August 2013 ein Buch, das zum Bestseller wurde: «Und morgen seid ihr tot: 259 Tage als Geiseln der Taliban». Die zwei Entführungsopfer hielten warnende Vorträge an Fachhochschulen und gaben dem Reisemagazin «Globetrotter» ein grosses Interview. Dies geschah im Rahmen einer Abmachung mit dem Aussendepartement, im Gegenzug wurden dem Paar rund 20'000 Franken erlassen. Mit diesem Betrag hätten sie sich an den Kosten der Schweiz während ihrer Entführung beteiligen sollen.

Ein leichtes Kriegstrauma

Widmer war zu Gast bei TV-Stationen, trat mit ihrem Buch bei Lesungen auf, nahm an Talkshows teil und hielt Referate. «Wir haben sicher ein leichtes Kriegstrauma», sagte sie in einem Interview mit der «SonntagsZeitung». 2013 referierte Widmer bei einer Personenschutzkonferenz vor Sicherheitsexperten. «Sie wirkt gefasst und zerbrechlich zugleich», heisst es im Bericht der Veranstalter. In einer «SRF»-Kultursendung im selben Jahr beschrieb sich Daniela Widmer selber als «sehr ängstlich».

Den Ton der US-Drohnen, die über dem Kriegsgebiet kreisten und Jagd auf Taliban machten, wird sie nicht los: Sie fühle sich nicht wohl, wenn sie sich in geschlossenen Räumen mit surrenden Geräuschen, und seien es nur PCs, aufhalten müsse, sagte Widmer im Frühling 2017 bei einer Lesung in Glarus.

Den Grund dafür hatte sie im Dezember 2014 im «SRF-Club» erklärt. «Wir waren mit hohen Taliban-Kommandeuren im selben Zimmer, die Tür war von aussen abgeschlossen, die Drohnen flogen tiefer, das Geräusch wurde lauter, dann wussten wir, dass ein Angriff bevorstand. Wir wussten nicht, ob er uns gelten würde, diese Ungewissheit auszuhalten, war sehr schwer», sagte sie.

Weiterhin auf Reisen

In der Talksendung mit dem Titel «Zurück ins Leben» sagte Widmer, sie könne es manchmal selber gar nicht glauben, dass sie überlebt hätten. «Ich bin sehr dankbar, dass ich heute ziemlich normal, unbeschwert und glücklich leben kann.» Es gebe viele Tage, an denen sie im Leben angekommen sei, aber auch schlimme Momente, zum Beispiel nach Meldungen, dass Geiseln hingerichtet wurden.

Vor einer Lesung im Dezember 2017 sagte Widmer den «Weinfelder Nachrichten», ihr Leben sei heute viel selbstbestimmter als früher. «Ich liebe es, den Moment zu leben, und lasse mich ungern einengen von Terminen.» Vom Reisen lasse sie sich trotz der Entführung nicht abhalten. Eben sei sie in Thailand gewesen, wo teilweise ein höllischer Verkehr herrsche. Selbst hier könne einem schnell etwas passieren.

Seit ihrem Einstieg in die Lokalpolitik sprach sie öffentlich nicht mehr über ihr Schicksal. Auch auf eine erste Anfrage reagiert Widmer ablehnend. «Die Entführung ist und bleibt für mich ein emotionsbehaftetes Thema», sagt die 35-Jährige, die sich schliesslich doch entscheidet, ein Interview zu geben.

Frau Widmer, welche Rolle spielt die Entführung durch die Taliban in Ihrem heutigen Leben noch?

Daniela Widmer: Sie gehört zu mir, und ich habe relativ schnell realisiert, dass es nicht möglich wäre, die Entführung nicht zu akzeptieren. Wenn ich die Geschichte weggestossen hätte, dann hätte sie mich zerstört. Also habe ich sie willkommen geheissen, in einen Rucksack gepackt, nun trage ich sie mit mir herum. Ich habe gar keine andere Wahl, als die Geschichte zu akzeptieren, gern zu haben. Würde ich den ganzen Tag schlecht über die Entführung denken, würde mir das nicht guttun.

Sie leben seit einigen Jahren wieder in Bellikon, wo Sie aufgewachsen sind. Was sagen Menschen, die Sie schon lange kennen: Wie haben Sie sich seit der Entführung verändert?

Für Menschen, die mich schon lange kennen, meine Eltern zum Beispiel, bin ich dieselbe wie vorher. Gerade sie hatten Bedenken, wie es mir nach den Erlebnissen geht. Aber ich glaube, schon im ersten Moment nach der Rückkehr war ich in vielem wie früher. Wir hatten eine gute Behandlung, soweit dies in einem Kriegsgebiet als Gefangene möglich ist. Mein Weltbild hat sich nicht grundsätzlich verändert, aber ich habe Einblick erhalten in eine abgeschiedene patriarchale Gesellschaft. Die Rolle der Frauen und Kinder ist sehr schwierig in dieser Region. Dies hat mein Bewusstsein für einiges verändert.

Zum Beispiel?

Essen und Wasser haben eine ganze andere Bedeutung. Ich ertrage es nicht, wenn Essen weggeworfen wird, habe fast schon eine posttraumatische Belastungsstörung, weil ich in einer Region lebte, in der es kaum Nahrung gab. Und ich lebe inzwischen sicher nicht mehr in der naiven Rosa-Wolken-Welt wie früher. Das merke ich zum Beispiel beim Joggen: Früher konnte ich während des Laufens Luftschlösser bauen, heute bin ich mit den Gedanken am Boden, bei der Realität. Das hat nicht nur mit der Entführung allein zu tun, sondern auch damit, dass ich eine Region gesehen habe, die sich im Krieg befand. Und vielleicht auch ein wenig mit dem Alter.

Wie ging es mit Ihrem Leben weiter in den letzten Jahren, nach der Rückkehr aus der Geiselhaft?

Ich habe die Matura gemacht. Während der Gefangenschaft sprachen wir viel über Bildung. In der Region, in der wir festgehalten wurden, war Bildung quasi inexistent. Wir haben Leute getroffen, die nicht wussten, dass die Erde rund ist. Es gibt zwar Koranschulen, aber sie sind geprägt durch die Mullahs, freie Meinungsbildung gibt es nicht wirklich. Die meisten Menschen dort sind Analphabeten, es gibt kein Internet, keine Bücher, die meisten übernehmen die Meinung des Dorfältesten. Darum sind so viele Leute anfällig für Radikalisierung. Ich habe gemerkt: Bildung ist das Allerwichtigste. Dass wir hier in der Schweiz ein selbstbestimmtes Leben führen dürfen, erachte ich als das höchste Gut. Zurück zur Frage, wie es weiterging: Zwei Jahre nach der Rückkehr haben David und ich uns getrennt. Dank meines neuen Partners kehrte ich dann zurück in die Region, zurück zu meinen Wurzeln. 2015 wurde ich Mutter einer Tochter mit meinem Partner. Daneben halte ich Referate.

Wie kam es dazu, dass Sie in die Politik einstiegen?

Der Vater meines Partners, den ich vor sechs Jahren kennen lernte, hörte Ende 2017, dass ein Sitz im Gemeinderat von Bellikon frei wurde. Ich hatte mich vorher noch nicht mit dieser Möglichkeit auseinandergesetzt. Als ich jünger war, glaubte ich, es würde Sinn machen, mich zum Beispiel für ein Hilfsprojekt zu engagieren. Aber dafür hätte ich wohl internationale Beziehungen studieren müssen. Nach der Wahl habe ich gemerkt: Hier im Dorf kann ich viel bewirken und mitgestalten. Im Gemeinderat zu arbeiten, gibt mir sehr viel.

Hat Ihr politisches Engagement auch damit zu tun, dass Sie der Allgemeinheit etwas zurückgeben wollen? Es gab Kritik, Sie hätten sich fahrlässig in Gefahr begeben und die öffentliche Hand viel Geld gekostet.

Die Frage nach Fahrlässigkeit und Geld wurde uns häufig gestellt. Das Eidgenössische Departement für Auswärtige Angelegenheiten EDA hat uns in jener Zeit nach Möglichkeit unterstützt, und dafür sind wir dankbar. Nach der Rückkehr haben wir im Sinn einer Gegenleistung zusammen mit dem EDA Aufklärungsarbeit geleistet. Diese Thematik ist längst abgeschlossen. Für mich steht jetzt die Arbeit für unser Dorf im Vordergrund, und ich freue mich, ein Teil davon sein zu dürfen.

Haben die Gemeinderatskollegen Sie auf Ihre Vergangenheit angesprochen?

Kein einziges Mal.

Sie sind parteilos. Warum?

Von allen Parteien finde ich verschiedene Dinge gut, aber für mich stimmt es, parteilos zu sein. Mehrere Parteien haben mich schon angefragt, doch im Moment will ich mich auf die Arbeit in der Gemeinde konzentrieren. Ich freue mich sehr, dass ich gewählt wurde. Ich kenne viele Menschen im Dorf, weil ich hier aufgewachsen bin. Und es freut mich sehr, dass mir viele Menschen das Vertrauen geschenkt haben.

Streben Sie eine politische Karriere an?

Das kann ich noch nicht sagen. Aber politisches Engagement macht für mich definitiv Sinn. Ich mag die Tätigkeit im Gemeinderat sehr. Ich wollte immer eine Arbeit, die ich gerne mache, für die ich am Morgen gerne aufstehe. Ich habe schöne und spannende Ressorts erhalten, Gesundheit, Soziales und Kultur. Hier habe ich mit Menschen zu tun, man kann viel bewirken. Wir wollen eine Kulturkommission gründen, zudem läuft die Planung für das Dorffest. Ich kann mich auf ein super Organisationskomitee verlassen. Das Dorffest mitzugestalten, mit all den Menschen im Dorf, macht riesigen Spass.

Der Blick geht in die Zukunft

Bellikon war bei Daniela Widmer auch präsent, als sie Taliban-Geisel war. Der «Spiegel» berichtete, sie habe mit ihrem Partner damals Stadt-Land-Fluss gespielt und nennt ein Beispiel: «Schweizer Dorf mit B: Bellikon, Danielas Heimatort. Sie zeichnet einen Strassenplan von Bellikon, einen Detailplan des Wohnviertels ihrer Kindheit, kartografiertes Heimweh.»

Schon vor der Wahl zeigten sich ihre Gemeinderatskollegen in einer Mitteilung überzeugt, dass ihre Kandidatur im Interesse von Bellikon liege, und hielten fest, sie freuten sich «auf eine zukunftsgerichtete Zusammenarbeit mit Daniela Widmer». Es scheint, als sei diese Formulierung auch Programm für die junge Frau Gemeindeammann: Daniela Widmer schaut im neuen Amt in die Zukunft und nicht zurück.

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