Bundesgericht

Ehefrau nicht glaubhaft: Aargauer muss nicht wegen angeblicher Vergewaltigung ins Gefängnis

Die Aussagen der Frau vor Gericht waren offenbar nicht glaubhaft. (Symbolbild)

Die Aussagen der Frau vor Gericht waren offenbar nicht glaubhaft. (Symbolbild)

Zu einer Freiheitsstrafe von 4½ Jahren verurteilte die Aargauer Justiz einen Ehemann, weil er seine Ehefrau mehrmals vergewaltigt haben soll. Die Aussagen der Ehefrau vor dem Bezirksgericht Lenzburg sind laut Bundesgericht jedoch nicht glaubhaft.

Der Gang ans oberste Gericht hat sich für den Ehemann aus dem Kanton Aargau gelohnt. Statt mehrere Jahre hinter Gittern zu verbringen, kommt er wohl mit einer bedingten Freiheitsstrafe davon. Dem Ehemann aus der Region Lenzburg war vorgeworfen worden, seine Ehefrau mehrmals gewaltsam zum Geschlechtsverkehr gezwungen, sie geschlagen, beschimpft und bedroht zu haben.

Das Obergericht des Kantons Aargau verurteilte den Mann im August 2015 wegen mehrfacher Vergewaltigung, sexueller Nötigung, Körperverletzung, Drohung und Nötigung zu einer Freiheitsstrafe von 4½ Jahren.

Das Obergericht stellte dabei unter anderem auf die Aussagen ab, welche die Ehefrau anlässlich der ersten polizeilichen Befragung gemacht hatte. Damals hatte die Frau erklärt, sie sei zwischen Mai 2009 und Juni 2009 von ihrem Gatten «sicherlich jeden zweiten Abend» vergewaltigt worden. Zuvor habe er ihr «jeweils» den Hinterkopf 20 bis 30 Mal auf den Boden geschlagen.

Widersprüchliche Aussagen

Der Ehemann akzeptierte diese Verurteilung nicht. Er warf dem Obergericht vor, willkürlich geurteilt zu haben, weil zwischen der ersten Aussage der Ehefrau vor der Polizei und den späteren Einvernahmen ein Widerspruch bestehe.

Tatsächlich hatte die Ehefrau bei der Befragung vor dem Bezirksgericht Lenzburg die Übergriffe relativiert und auf konkrete Fragen hinsichtlich der Zahl der Übergriffe und des Schlagens des Kopfes auf den Boden sehr ausweichend geantwortet.

So hatte die Frau – aufgefordert eine der Vergewaltigungen zu schildern – nur von Beschimpfungen, Ohrfeigen, Faustschlägen in den Bauch und Reissen an den Haaren berichtet; von Schlägen des Kopfes auf den Boden war demgegenüber keine Rede.

«Offensichtlich übertrieben»

Das Bundesgericht schliesst daraus, dass die Frau anlässlich der ersten polizeilichen Befragung in Bezug auf die sexuellen Übergriffe «eine offensichtlich übertriebene und mit der Realität nicht übereinstimmende Darstellung der Tatumstände» geliefert hatte.

Fraglich war für das Bundesgericht auch, warum sie angesichts der ursprünglich behaupteten Übergriffe – mehrfaches, hartes Aufschlagen des Hinterkopfes auf den Boden – keine Verletzungen davontrug. «Eine derartige Gewaltanwendung kann nicht folgenlos sein», heisst es im Urteil aus Lausanne. Die Aussagen der Frau sind deshalb für die Bundesrichter in Bezug auf das Kerngeschehen der behaupteten sexuellen Übergriffe nicht glaubhaft.

Konsequenz: Der Ehemann ist von den Vorwürfen der mehrfachen Vergewaltigung, sexuellen Nötigung und der versuchten schweren Körperverletzung freizusprechen. Der Fall geht an das Aargauer Obergericht zurück. Dieses wird die Strafe wegen der verschiedenen Vorkommnisse der häuslichen Gewalt – Körperverletzung, Drohung und Nötigung – neu festsetzen müssen.

Meistgesehen

Artboard 1