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Egerszegi redet Klartext: «Das schadet der Glaubwürdigkeit der FDP»

Die frühere FDP-Ständerätin Christine Egerszegi kritisiert ihre eigene Partei und wirbt für Maya Bally von der BDP. Im Interview sagt sie, warum sie Bally der SVP-Kandidatin Franziska Roth vorzieht.

Mathias Küng
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Christine Egerszegi unterstützt Maya Bally. Es ist nicht das erste Mal, dass die ehemalige Ständerätin eine Kollegin einer anderen Partei unterstützt. Sie half auch schon Pascal Bruderer von der SP.

Christine Egerszegi unterstützt Maya Bally. Es ist nicht das erste Mal, dass die ehemalige Ständerätin eine Kollegin einer anderen Partei unterstützt. Sie half auch schon Pascal Bruderer von der SP.

Sandra Ardizzone

Frau Egerszegi, was halten Sie vom Entscheid der FDP, jetzt doch SVP-Kandidatin Franziska Roth zu unterstützen?

Christine Egerszegi: Das ist für mich völlig unverständlich.

Warum?

Wenn man vor dem ersten Wahlgang zum Schluss kam, dass Franziska Roth Mängel hat, gehe ich davon aus, dass diese Aussage überlegt ist. Dann ist dieser Mangel aus taktischen Gründen plötzlich nicht mehr da. Glaubwürdigkeit ist in der Politik etwas vom Allerwichtigsten.

Dann ist die FDP für Sie mit der Pirouette zu Franziska Roth nicht glaubwürdig?

Jedenfalls schadet das der Glaubwürdigkeit der FDP.

War es für Sie denn schon ein Fehler, dass die FDP mit Blick auf die Wahl den Anspruch der SVP auf einen zweiten Sitz akzeptiert hat?

Es ist eine Frage der Prioritäten. War es wirklich richtig, nur mit Wähleranteilen zu argumentieren? Aus Sicht des Kantons Aargau ist doch viel wichtiger, dass eine Persönlichkeit entsprechend qualifiziert ist.

Die Kandidatinnen für den zweiten Wahlgang vom 27. November:

Die Kandidatinnen für den zweiten Wahlgang vom 27. November

Die Kandidatinnen für den zweiten Wahlgang vom 27. November

Was fehlt Franziska Roth denn aus Ihrer Sicht für das Regierungsamt?

Sie hat zu wenig politische Erfahrung. Frau Roth kommt täglich nur mit einem kleinen Spektrum der Bevölkerung in Kontakt. Nämlich mit Leuten, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind. Sie hat auch wenig Kontakte zur Politik auf eidgenössischer Ebene.

Seien wir ehrlich, das hatten vor der Wahl andere auch nicht.

Das ist richtig, aber ein breiter Rucksack ist eine gute Startbasis.

Daraus kann man aber nicht schliessen, dass es Franziska Roth nicht könnte?

Man lernt das Ringen um Mehrheiten in der Politik. Man lernt den Umgang mit anderen Meinungen, sie einzuordnen, gemeinsam Lösungen auszumehren. Wer das nicht aus eigenem Erleben kennt, hat ein Manko. Die Politik folgt eben auch nicht immer den Regeln der Justiz.

Franziska Roth hat dafür – gerade auch als Richterin – eine grosse Lebenserfahrung.

Ja, sie ist bestimmt eine gute Bezirksrichterin und Gerichtspräsidentin. Dafür gilt aber auch ein anderes Anforderungsprofil.

Sie werben jetzt in einem Inserat für Maya Bally (BDP). Warum?

Ich kannte sie vorher nur schlecht. Daher habe ich sie zu einem Treffen eingeladen und ihr Denken und Handeln kennen gelernt. Ich habe ihr meine Unterstützung zugesagt.

Warum setzen Sie auf Maya Bally?

Sie überzeugt mich. Sie ist eine Persönlichkeit mit Sozialkompetenz, sie hat Führungserfahrung in der Politik und in der Wirtschaft. Sie ist Fraktionspräsidentin der BDP im Grossen Rat. Sie beherrscht den Umgang in der Politik. Und sie hat Lebenserfahrung. Sie könnte sich in die Dossiers verschiedener Departemente einarbeiten. Zudem ist sie bereit, über die Parteiparole hinaus zu denken, was ich aus Interviews in den Medien mit Franziska Roth wenig herausgespürt habe.

Auf die neue Regierungsrätin wartet wahrscheinlich das Gesundheitsdepartement.

Ja, dort hat man keinen grossen Gestaltungsspielraum. Umso wichtiger ist es, diesen mit einer Persönlichkeit zu nutzen. Hier spielt die Bundesgesetzgebung eine sehr wichtige Rolle. Der Aargau hatte hier immer eine wichtige Stimme, die in Bern gehört wurde –aktuell mit Susanne Hochuli. Ich möchte, dass das so bleibt.

Die drei Kandidatinnen Feri (SP), Bally (BDP) und Roth (SVP) und die begehrte Mitte:

Aber wie soll das gehen? Ballys BDP ist massiv geschrumpft. In vier Jahren gibt es sie vielleicht nicht mehr. Eine Magistratin braucht aber eine Partei, die ihr den Rücken stärkt.

Es stimmt, die BDP ist geschrumpft. Sie hat im Grossen Rat keine Fraktionsstärke mehr. Sie muss sich einer Fraktionsgemeinschaft mit einer anderen Partei anschliessen. Das ist für mich aber kein Wahlhindernis.

Warum nicht, das funktioniert doch nicht?

Wir hatten in Bern acht Jahre lang mit BDP-Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf eine ausgezeichnete Finanzministerin, die über die Parteien hinweg geachtet wurde. Auch sie hatte eine kleine Parteibasis. In jenen struben Zeiten war eine Gratwanderung nötig für die Rettung der UBS, in der Finanz- und Bankenkrise. Sie hat dies mit Bravour geleistet.

Sie empfehlen als frühere freisinnige Ständerätin eine BDP-Kandidatin. Würden Sie nicht lieber eine FDP-Kandidatin unterstützen?

Natürlich. Die FDP hatte sehr gute Kandidatinnen, die bereit gewesen wären anzutreten. Das hätte man aber sofort nach der Bekanntgabe des Rücktritts von Susanne Hochuli tun müssen. Jetzt, im zweiten Wahlgang, ist es zu spät.

Der Aargau hat keine Zauberformel. Aber wäre es nicht logisch, dass die mit Abstand grösste Partei zwei Regierungsräte stellt?

Sicher, aber wir wählen ja keine Prozentsätze, sondern Persönlichkeiten, denen wir zutrauen, dass sie das Amt bestmöglich ausführen.

Wen hätten Sie denn gewählt, wenn sich Maya Bally im zweiten Wahlgang zurückgezogen hätte?

Dann hätte ich die Kompetenz einer Gemeinderätin gewählt. Damit meine ich Yvonne Feri. National gilt sie zwar als links. Es ist aber auch die Aufgabe einer SP-Nationalrätin, Parteipolitik zu machen. Sie hat aber auf Gemeindeebene bewiesen, dass sie sich für das Wohl aller einsetzen kann. Auch mit ihrer grossen Erfahrung könnte sie eine Gesamtschau in ein Regierungsgremium hineinbringen.

Sie gewichten das Ziel von SVP, FDP und CVP, es brauche wieder vier bürgerliche Regierungsräte, augenscheinlich nicht hoch?

Die bürgerliche Mehrheit ist jetzt schon in jedem Fall gewährleistet. Man wird von einer Partei aufgestellt, von einer Mehrheit gewählt. Und dann ist man für die Sache da.