Birmenstorf

Edith Saner wird heute als Grossratspräsidentin gewählt – eine Politkarriere war nie der Plan

Edith Saner (CVP) wird heute als Grossratspräsidentin gewählt. Eine Politkarriere war nie der Plan der Birmenstorferin.

Die politischen Abläufe kennt Edith Saner aus dem Effeff. Während 20 Jahren war sie zuerst Gemeinderätin und später Frau Vizeammann und Gemeindeammann von Birmenstorf. Seit 2014 ist sie Grossrätin und wird heute aller Voraussicht nach vom Parlament als Grossratspräsidentin gewählt.

Damit ist die 59-Jährige während eines Jahres die höchste Aargauerin, leitet die Sitzungen des Grossen Rats und repräsentiert den Kanton. «Ich freue mich. Aber ich habe auch grossen Respekt vor diesem Amt», sagt Edith Saner. «Ich wünsche mir und dem Grossen Rat, dass es uns gelingt, die Geschäfte gut zu beraten und vor allem so zu beraten, dass wir mit einem guten Gefühl aus dem Saal hinausgehen.»

Das sind die Präsidentinnen und Präsidenten des Grossen Rates Aargau seit dem Amtsjahr 2009/10:

Aufgewachsen ist Edith Saner in Oberkirch im Kanton Luzern. Als Bauerntochter mit sieben Geschwistern. «Das hat mich natürlich geprägt», sagt sie. «Als eines von acht Kindern lernt man zurückzustehen genauso wie sich durchzusetzen.» In ihrem Elternhaus wurde auch politisiert.

Ihre Mutter war Schulpflegerin, ihr Vater hatte einige öffentliche Ämter inne und war Präsident der FDP- Ortspartei. Das habe sie immer fasziniert. Eine Karriere als Politikerin hat Edith Saner trotzdem weder geplant noch angestrebt.

Sie wäre fast eine zweite Mireille Mathieu geworden

Als 5.-Klässlerin träumte sie davon, Schlagersängerin zu werden. Ihre Schulgspändli erinnern sich bis heute daran, wie sie auf der Bühne in der Schule den «Pariser Tango» von Mireille Mathieu vorgesungen und mit diesem Auftritt den schulinternen Wettbewerb gewonnen hatte. «Ich dachte, dass ich jetzt bestimmt entdeckt werde. Aber es ist natürlich nichts passiert», erzählt Edith Saner und lacht.

Anstatt als Schlagersängerin die Bühnen der Welt zu besingen, hat sie eine Ausbildung zur diplomierten Pflegefachfrau gemacht. Schon kurz nach der Ausbildung absolvierte sie die höhere Fachschule Gesundheit und hat danach in Bern ein Spitex- Zentrum aufgebaut und geleitet.

Dabei sind ihr Themen aufgefallen, die man aus ihrer Sicht angehen sollte. Kurzerhand wandte sie sich an die zuständige Regierungsrätin und merkte, dass man etwas erreichen kann, wenn man sich einsetzt. Dies als Politikerin zu tun, kam ihr aber damals noch nicht in den Sinn.

1987 zog Edith Saner mit ihrem Mann nach Birmenstorf. Den Aargau kannte sie bis dahin schlecht. «Ich war sogar eher skeptisch», sagt sie. Aber schon bald merkte sie, was der Kanton alles zu bieten hat, mit seinen Regionen, Flusslandschaften, Hügeln, Burgen und Heilbädern. «Der Aargau wird in seiner Vielfalt unterschätzt», findet Edith Saner.

Deshalb hat sie ihr Grossratspräsidiumsjahr unter das Motto «Vielfalt Aargau» gestellt. «Ich möchte die Vielfalt im nächsten Jahr noch besser kennen lernen und dies auch den Menschen näherbringen. Ich wünsche mir, dass die Vielfalt stärker als etwas Verbindendes und nicht als etwas Trennendes wahrgenommen wird.»

Nach einem Abend in der Beiz der CVP beigetreten

In Birmenstorf fühlten sich Edith Saner und ihr Mann schnell wohl. Sie engagierte sich bei der lokalen Spitex-Organisation und war im Vorstand des Kulturvereins. Dass sie in die kommunale Politik einstieg, ist einem Telefonanruf von Ruth Humbel zu verdanken, die ebenfalls in Birmenstorf wohnt. Sie fragte Edith Saner an, ob sie nicht Lust hätte, sich politisch zu engagieren.

Warum eigentlich nicht, dachte diese und kandidierte für den Gemeinderat. 1998 wurde sie gewählt, zwei Jahre später wurde sie Frau Vizeammann und nochmals zwei Jahre später Frau Gemeindeammann. «Die politische Arbeit hat mir von Anfang an gefallen», sagt Saner. Es habe zu ihrer Person gepasst, dass es im Gemeinderat um die Sache und nicht um Parteipolitik ging. Entsprechend hat es sie lange nicht gestört, dass sie – auch noch als Frau Gemeindeammann – parteilos war.

Aus Jux wurde ernst

Erst als das Gefühl aufkam, dass es vielleicht gut wäre, eine Gruppe im Rücken zu haben, die einen reflektiert oder unterstützt, trat sie der CVP bei. «Nach einem Abend mit Kollegen in der Beiz. Eigentlich mehr aus Jux», sagt sie und lacht, um gleich anzufügen, dass sie sich die Sache anschliessend schon noch einmal überlegt habe und zum Schluss gekommen sei, dass die CVP zu ihr passe. «Ich bin in der politischen Mitte Zuhause. Mir gefällt es, über Parteigrenzen hinaus Lösungen zu suchen.»

2014 rückte Edith Saner in den Grossen Rat nach und musste sich zunächst umgewöhnen. Im Parlament stand Parteipolitik plötzlich viel stärker im Fokus. Bis heute nehme sie sich aber das Recht heraus, auch mal anders zu stimmen als ihre Fraktion. Letztlich müsse sie ja den Entscheid vertreten können. Zum Amt der Grossratspräsidentin gehört auch, falls nötig, den Stichentscheid zu fällen.

Sie entscheide gerne, wenn sie gut vorbereitet sei, sagt Edith Saner. Und gut vorbereitet zu sein, gehört für sie zur Politik dazu. «Ich habe den Anspruch an mich und mein Umfeld, dass man sich seriös mit einem Thema auseinandersetzt.»

Den Spielraum nutzen, anstatt sagen, er sei zu klein

An der Politik gefällt Edith Saner, dass sie sich für Themen und die Allgemeinheit einsetzen kann. Mit einer gewissen Besorgnis beobachtet sie deshalb, dass sich die Gesellschaft immer stärker individualisiert. «Dabei sind wir doch nur erfolgreich, wenn verschiedenste Menschen den Mut haben und sich Zeit nehmen, sich zu engagieren.» Sie hofft sehr, dass gerade junge Menschen weiterhin Lust darauf und Freude daran haben. «Ich möchte ihnen zeigen, dass es sich lohnt und etwas bringt.»

Sie selber habe oft gehört, dass sie schon sehen würde, dass Politik frustrierend sei, weil man nichts erreichen könne und «die da oben» sowieso alles selber entscheiden würden. «Ich habe das Gegenteil erlebt», sagt Edith Saner.

Die Frage sei immer, was man mit dem Spielraum mache, den man habe. «Sagt man, er ist viel zu klein, da kann ich gar nichts ausrichten oder sagt man, immerhin habe ich diesen Spielraum und den nutze ich jetzt aus.» Edith Saner gehört zur zweiten Gruppe und war damit erfolgreich.

Aus diesem Grund hat sie auch Freude an den jungen Menschen, die sich für die Umwelt und den Klimaschutz einsetzen. «Einige von ihnen merken wohl gerade, dass sie etwas bewegen können», sagt Edith Saner. Selber war sie als Jugendliche nie Teil einer Bewegung. «Die 68er habe ich durch meine älteste Schwester miterlebt. Aber beobachtend. Ich war zu jung, um selber Teil davon zu sein.»

Weder Zürckerchen noch krönender Abschluss

Dem Gesundheitswesen und der Gesundheitspolitik ist Edith Saner treu geblieben. Sie arbeitet als diplomierte Betriebsausbilderin am Kantonsspital Baden und ist seit Sommer 2017 Präsidentin des Verbands der Aargauer Spitäler, Kliniken und Pflegeinstitutionen.

Als es darum ging, eine Nachfolgerin für die zurückgetretene Gesundheitsdirektorin Franziska Roth zu finden, fiel auch ihr Name. «Ich habe mir gut überlegt, ob ich für dieses Amt kandidieren möchte», sagt Edith Saner. Sie hat sich dagegen entschieden, weil sie wusste, was auf sie zukommen würde.

Als Frau Gemeindeammann hat sie viele Abende und Wochenenden ihrem Amt gewidmet. «Das habe ich sehr gerne getan und gleichzeitig habe ich mich gefreut, wieder mehr Luft und Freiraum für persönliche Interessen zu haben, als ich das Amt Ende 2017 übergab.»

Ist das Amt der Grossratspräsidentin also ein Zückerchen für eine langjährige Politkarriere oder gar deren krönender Abschluss? «Weder noch», sagt Edith Saner. Es sei einfach eine Ehre, dass sie diese Möglichkeit habe.

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