50 Jahre Dürrenäsch
Dürrenäsch-Opfer: «Ich habe seit dem Unglück nie wieder gebetet»

80 Menschen verloren beim Flugzeugabsturz von Dürrenäsch, gestern vor 50 Jahren, ihr Leben. Viele der betroffenen Angehörigen kämpfen bis heute mit der Katastrophe. So auch Myrta Schmid. Ihr Gottvertrauen ist nachhaltig erschüttert.

Drucken
Teilen
Myrta Schmid: «Es kommt alles wieder hoch»

Myrta Schmid: «Es kommt alles wieder hoch»

Screenshot SRF

«Ich habe seither nie mehr gebetet», bekennt Myrta Schmid im DOK-Film des Schweizer Fernsehens SRF, welcher heute Abend ausgestrahlt wird.

Filmemacherin Helen Arnet und Moderatorin Kathrin Winzenried gehen jenen Schicksalen nach, welche das Unglück auf unsägliche Weise verband.

Dürrenäsch bleibt ein Leben lang

«Es kommt immer wieder hoch», sagt Werner Schmid. Der Landwirt wohnte mit seiner Frau Louise direkt neben der Absturzstelle. Die Wucht des Aufpralls deckte das Dach ihres Hofes komplett ab.

Rettungsmannschaften an der Unglückstelle in der Gemeinde Duerrenaesch im September 1963
15 Bilder
Teile der Swissair Caravelle
Swissairpersonal im Trauerzug von Humlikon zum Trauergottesdienst in Andelfingen mit den sterblichen Überresten der Opfer des Flugzeugunglücks vom 4. September.
Die Unglücksstelle wird umgegraben
Rettungsmannschaften an der Unglueckstelle unweit der Ortstafel
Rettungsmannschaften an der Unglueckstelle bei Dürrenäsch
Die Unglückstelle in Dürrenäsch
Rettungsmannschaften an der Unglueckstelle bei Dürrenaesch im September 1963.
Journalisten und Fotografen an der Unglueckstelle in Dürrenäsch
Die Trauerfeier in Humlikon mit den aufgefundenen sterblichen Überresten der Opfer des Flugzeugunglücks.
Die Absturzstelle in Dürrenäsch aus der Luft gesehen
Die Caravelle HB-ICV Schaffhausen der Swissair stuerzte am 4. September ab.
Die Swissair Caravelle hatte sich richtiggehend in die Erde gebohrt
Der Krater an der Unglückstelle
Blumen an der Gedenkfeier in Dürrenäsch für die Opfer der Flugzeugkatastrophe vom 4. September.

Rettungsmannschaften an der Unglückstelle in der Gemeinde Duerrenaesch im September 1963

Keystone

Die schrecklichen Bilder, herumliegende Leichenteile und die totale Zerstörung, brannten sich unwiderruflich in ihr Gedächtnis ein.

Ihr Sohn erholte sich nie mehr vom Schock des Gesehenen – es verschlug im wortwörtlich die Sprache.

In feinfühligen Portraits zeigt der DOK-Film, wie der Absturz am 4. September 1963 die Biografie der Betroffenen knickte.

Allen voran die Bewohner der Gemeinde Humlikon im Zürcher Weinland. 43 der beim Crash getöteten Personen stammten aus diesem Dorf. 54 Jungen und Mädchen wurden somit zu Vollwaisen.

Gemeinsam Schweigen

So auch Silvia Werren. Als ältestes von vier Kindern blieb ihr nichts anderes übrig, als ihre Stelle als Verkäuferin aufzugeben und den Haushalt und die Obhut über ihre jüngeren Geschwister zu übernehmen.

«Um zu trauern, dafür haben wir keine Zeit» – dies war der Tenor unter den Humlikern. Eine Glocke des kollektiven Schweigens stülpte sich über die Leidensgemeinschaft.

Wohl ein Ausdruck des Zeitgeistes – öffentlich zu Trauern gestattete man sich nicht – andererseits auch die Reaktion auf die Sensationslust der in Scharen angereisten Journalisten.

Das Pendel schlägt zurück

Im Falle von Silvia Werren rächte sich diese Art der Vergangenheitsbewältigung, wenn auch erst spät.

Im Jahr 2009, bei der Mitarbeit an einem Buchprojekt zur Katastrophe, kam der Zusammenbruch. «Ich fühlte mich wie ein nasser, grauer Bodenlumpen.»

Was folgte waren Klinikaufenthalte, Medikamente und Therapien. Wenigstens, so Werren, habe sich die späte Aufarbeitung gelohnt. Sie wisse nun, woher die Schwermut, welche sie ihr Leben lang begleitete, herstamme.

Es gibt kein Warum

Wenn Beatrice Hitz wissen wollte, warum ihr Papi denn sterben musste, so hiess es meist: «Weil Gott das so wollte». Doch was für ein Herrgott muss das sein, der ihr solch ein Leid antut, fragte sie sich.

Diese Frage trieb sie derart um, dass sie später Theologie studierte. Heute, so sagt sie, habe sie ihr Schicksal akzeptiert, sei stärker geworden durch das Erlebte und helfe gar anderen Menschen bei der Trauerbewältigung.

Aber die Warum-Frage, welche Alles und Jeden in Zweifel zieht, die stelle sie sich nicht mehr. Dies, so Hitz, sei denn auch nichts als sinnlos. (rhe)

DOK „Das Trauma von Dürrenäsch":
Donnerstag – SRF 1, 20.05 Uhr.

Aktuelle Nachrichten