Wie stark haben die 6 Grad minus, die in den zwei Winternächten vom 20. und 21. April vielerorts im Aargau gemessen wurden, den Obstbäumen zugesetzt? Max Stenz, Präsident des Verbands Aargauer Obstproduzenten, sagt: «Je nach Region, Höhenlage und Wind gab es riesige Unterschiede.» Teilweise habe man innerhalb von 100 Meter Differenz «alles von Vollernte bis Totalschaden gehabt». Auch wurden nicht alle Sorten gleich fest in Mitleidenschaft gezogen.

Apfelernte: Frostschäden setzen auch Thurgauer Obst zu (September 2017)

Wer seine Plantage decken konnte, hatte einen Vorteil: durch die so erhaltene Wärme verfroren weniger Blüten. Auch das war aber kein Garant, glimpflich davonzukommen: Weil es mehrere Frostnächte innert kurzer Zeit gab, waren die Wärmekerzen bald niedergebrannt – und zuletzt landesweit ausverkauft. Deshalb wurden auch unter Plastik viele Blüten durch die Kälte zerstört. Für einen Betrieb kam es besonders bitter: Die Plantage wäre zwar gedeckt gewesen, doch das Dach brach unter dem unerwarteten Schnee zusammen.

Ernüchternder als erwartet

Othmar Eicher von der Fachstelle Obstbau am Landwirtschaftlichen Zentrum des Kantons Aargau auf der Liebegg hatte Mitte September in der AZ eine Schätzung abgegeben: Die Ernteausfälle bei den Tafeläpfeln dürften sich auf zwei Drittel belaufen, beim Mostobst auf etwa die Hälfte. Jetzt, wo es bei den Tafeläpfeln auf den Schluss der Ernte zugeht, sagt Eicher: «Es sieht noch ein wenig ernüchternder aus, als wir geschätzt hatten.» Beim Mostobst laufe die Ernte erst an – wie es momentan aussehe, gebe es etwas weniger Äpfel als Birnen.

Im Aargau verkauften viele Landwirte ihr Obst nicht über die Grossverteiler, sondern als Direktvermarkter. «Wir haben deshalb viele Anfragen von Betrieben, die von Berufskollegen gerne Äpfel zukaufen würden, weil sie selber zu wenig für den Verkauf haben», berichtet Eicher. Man versuche, womöglich einen Ausgleich innerhalb des Kantons zu schaffen – doch auch das sei schwierig: «Kaum einer hatte eine Vollernte.»

Süssmost-Reserven anzapfen

Heisst das für den Konsumenten, dass es zu wenig Äpfel und Süssmost in den Ladengestellen haben wird? Nein, sagt der Obstexperte des Kantons. Denn beim Süssmost – richtig verarbeitet sehr lange haltbar – habe man in den letzten Jahren eine Marktreserve anlegen können. «Diese wird jetzt angezapft.» Schwierig sei die Situation für Mostereien, die erst kürzlich in neue Produktionsanlagen investiert und jetzt kaum Kundschaft hätten.
Bei den Tafeläpfeln kommt dem Aargau respektive der Schweiz die Topografie zu Hilfe. Während das Mittelland, die Innerschweiz und das Bernbiet vom Frost stark betroffen waren, gab es im Wallis und in der Waadt eine sehr gute Ernte. Auch die Ostschweiz kam relativ glimpflich davon. «Wir gehen deshalb davon aus, dass der Bedarf landesweit gedeckt werden kann.»

Folge des Klimawandels?

Nach 2016 gab es heuer zum zweiten Mal in Folge scharfe Fröste, die zu einem grossen Ernteausfall bei Obst- und Weinbauern führten. Zufall? Eicher zögert, sagt dann: «Man kann es nicht eindeutig sagen. Aber ich schaue das schon als erste Auswirkungen des Klimawandels an.» Auffällig sei, dass das Muster gleich gewesen sei: Sehr früher Austrieb der Blüten, weil Winter und Frühling warm waren – und ein später Kälterückschlag. 2017 nenne man «zu Recht einen Jahrhundertforst».

In den Aufzeichnungen auf der Liebegg schaute Othmar Eicher nach, wann es zuletzt solch grosse Frostereignisse gegeben hatte. Vor 2016 waren es 1997, 1991 und 1981. Der Trost, der den Obstbauern bleibt: Die Bäume haben jetzt viel Energie auf Reserve. «Für 2018 dürfen wir dafür eine sehr gute Ernte erwarten», sagt Eicher.
Wenn es im nächsten Frühling nicht wieder zu Klimakapriolen kommt.

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