Restaurative Justiz

«Du hast sie genötigt, mit geladenen Waffen»: Wie das Gefängnis Lenzburg eine wichtige Pionierrolle spielt

Nach der Vorpremiere im Kino Trafo Baden diskutierten Claudia Christen, Marcel Ruf, Christoph Decker und Christine Jaeggi (v.l.) unter der Leitung von Stephan Lehmann-Maldonado (Mitte).

Nach der Vorpremiere im Kino Trafo Baden diskutierten Claudia Christen, Marcel Ruf, Christoph Decker und Christine Jaeggi (v.l.) unter der Leitung von Stephan Lehmann-Maldonado (Mitte).

Die Restaurative Justiz ermöglicht Begegnungen zwischen Opfern und Tätern. Im Gefängnis Lenzburg finden seit einiger Zeit solche Dialoggruppen statt. Fachpersonen sehen einen klaren Nutzen in den Gesprächen.

Opfer: «Ich kann dir nicht vergeben. Das war brutal. Die Kinder. Du hast sie genötigt mit geladenen Waffen. Du hättest umkehren können.» Täter: «Das hätte ich sollen. Aber ich konnte es nicht. Ich habe im Kopf gehabt, dass wir da rein- und wieder rausgehen. Wir wollten nicht euch etwas antun, wir wollten nur das Geld. Aber ich habe nicht bedacht, was das Menschen antut. Es tut mir sehr leid, dass ich das gemacht habe.»

Der Dialog ist eine Szene aus dem Dokumentarfilm «Je ne te voyais pas», der am Donnerstag in den Kinos anläuft (siehe nachfolgende Box). Opfer und Täter sitzen sich an einem Tisch gegenüber. Mehr als 20 Jahre nach dem Raubüberfall sprechen sie über die Tat und ihre Gefühle. Restaurative Justiz nennt sich dieser Ansatz, bei dem Opfer und Täter in den Dialog treten. Es ist der Versuch, die Wunden zu heilen, die ein Verbrechen verursacht hat.

Der Kanton Aargau gehört zu den Pionieren

Im Gefängnis Lenzburg finden seit einiger Zeit solche Dialoggruppen zwischen Opfern und Tätern statt. Normalerweise treffen die Opfer aber nicht auf «ihre» Täter, sondern auf Gefangene, die ein ähnliches Verbrechen verübt haben. An acht Abenden sitzen sie zusammen im Kreis, erzählen, was sie beschäftigt, und hören zu. Der Dokumentarfilm beleuchtet das Thema der Restaurativen Justiz. Er zeigt, dass Vergeben nicht immer möglich ist. «Aber ich glaube, dass wir es mit der Restaurativen Justiz fertigbringen, dass die Täter immer wieder an die Opfer zurückdenken und nicht mehr rückfällig werden», sagt ein Opfer im Film.

Der Film zeigt auch Täter und Opfer aus Belgien, wo die Restaurative Justiz längst etabliert ist. Auch in der Schweiz könnte sich etwas bewegen: Das nationale Parlament debattiert demnächst darüber, ob die Restaurative Justiz gesetzlich verankert werden soll. Die Mehrheit der Kommission für Rechtsfragen des Nationalrats beantragt, das Konzept in die Strafprozessordnung aufzunehmen.

Dialog soll Opfern helfen, rüttelt aber auch Täter auf

Fachpersonen sehen einen klaren Nutzen in den Gesprächen zwischen Opfern und Tätern. Marcel Ruf, Direktor der Justizvollzugsanstalt Lenzburg, sagte anlässlich des Podiums nach der Vorpremiere von «Je ne te voyais pas», er habe von den Teilnehmern nur positive Rückmeldungen erhalten. Die Gespräche hätten bei vielen Gefangenen einen Hebel in Bewegung gesetzt, sagte Ruf.

Die Initiative sollte von der Opferseite kommen, sagte Claudia Christen, Präsidentin des Forums Restaurative Justiz Schweiz. Die Idee des Dialogs sei ja, Bedürfnisse der Opfer zu stillen. «Bei Anfragen vonseiten der Täter muss man sich das immer sehr gut überlegen», sagte sie.

Bevor sich Täter und Opfer das erste Mal begegnen, braucht es eine gründliche Vorbereitung. «Wir müssen mit beiden sprechen, herausfinden, inwiefern die Geschichten, die sie erzählen, kompatibel sind und uns fragen, ob der Täter Verantwortung für seine Tat übernimmt», so Christen. Es gebe immer auch die Möglichkeit abzubrechen, wenn sich abzeichne, dass ein Dialog für die Opfer nicht hilfreich ist.

Christen hat den Ansatz der Restaurativen Justiz in Chile kennen gelernt und nach ihrer Rückkehr in die Schweiz versucht, ihn hier zu etablieren. Sie habe verschiedene Gefängnisse angeschrieben – unter anderem die Justizvollzugsanstalt Lenzburg. Marcel Ruf erinnerte sich, dass er den Brief länger liegengelassen hatte, bevor er – ermuntert von Psychologinnen und Psychiatern, die den Ansatz spannend fanden – zusagte.

Auf dem Podium sass auch Staatsanwalt Christoph Decker. Er befürwortet eine gesetzliche Verankerung der Restaurativen Justiz. Im Strafverfahren würde sich dadurch nichts ändern, dort werden Opfer und Täter befragt und es wird nicht der Dialog gesucht. Er treffe aber im Strafverfahren auf Opfer, welche bereits da die Konfrontation mit dem Täter suchten oder aktiv danach fragten, ob sie ihm etwas sagen dürften. «Deshalb sollte das Opfer – wenn auch nicht im Strafverfahren – die Möglichkeit haben, mit dem Täter in den Dialog zu treten, wenn es das wünscht», sagte er.

«Ich weiss jetzt, wie sich die Opfer fühlen»

Restaurative Justiz habe nichts mit «Kuscheljustiz» zu tun, so der Staatsanwalt. «Den Straftätern winkt ja keine Straferleichterung, wenn sie an solchen Dialogen teilnehmen. Sie tun es freiwillig und während ihrer Freizeit.» Gefängnis-Direktor Ruf fügte an, vor den Treffen seien nicht nur die Opfer nervös: «Auch die Gefangenen stehen unter Druck, weil sie nicht wissen, was sie erwartet und womit sie konfrontiert werden.»

Vielleicht kommen sie – wie ein Täter im Dokumentarfilm – zum Schluss: «Ich war ein Täter. Ich wollte keiner werden. Aber ich war einer. Ich weiss jetzt, wie sich die Opfer fühlen, und muss damit fertig werden. Ich kann die Vergangenheit nicht ändern. Aber in Zukunft werde ich ein besserer Mensch.»

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