«Eva, du kannst doch sicher der Klasse etwas darüber erzählen, wie es in Afrika ist», sagt die Lehrerin zur Schülerin. Eva ist 13 Jahre alt, in Zürich geboren. Ihre Mutter ist Schweizerin, ihr Vater Kubaner. Ihre Haut ist dunkel. Alltagsrassismus, wie er vorkommt – unüberlegt und oft auch unbewusst. Eva ist nur ein Beispiel aus einem der vier neuen Kurzfilme, die die Anlaufstelle Integration Aargau am Donnerstagabend im Kulturhaus Royal in Baden vorgestellt hat. Die Filme handeln von subtilem Rassismus, von Situationen, die im Alltag geschehen und bei Betroffenen ein ungutes Gefühl hinterlassen.

Dabei gehe es nicht um die bösen Beschimpfungen, um die öffentlichen Erniedrigungen oder um den triefenden Hass, sagt Lelia Hunziker in ihrer Abschiedsrede. Sie bestreitet ihren vorletzten Arbeitstag als Geschäftsleiterin der Anlaufstelle Integration Aargau (AIA).

Ab dem 1. April tritt ihr Nachfolger Michele Puleo an ihre Stelle – Hunziker übernimmt die Geschäftsleitung der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration in Zürich. «Es sind die vielen kleinen Pfeile, Kratzer und Hinweise, die sagen: Du bist nicht von hier. Du gehörst hier nicht dazu», sagt Hunziker. Mit den Kurzfilmen will die AIA Bewusstsein für die Problematik dieses subtilen Rassismus schaffen, weil dieser die Betroffenen auch schmerzt.


Zwischen den Kurzfilmen geht im Kulturhaus Royal immer wieder das Licht an. Schauspieler präsentieren in szenischen Interventionen Formen des eigentlich nicht böse gemeinten Alltagsrassismus. «Woher kommst du?», fragt eine Darstellerin die andere. «Aarau», antwortet diese. «Nein, ich meine woher kommst du wirklich. Du hast so dunkle Haare.»

Wahre Geschichten

Der zweite Kurzfilm zeigt eine eritreische Frau und ihren Sohn. Dieser will zum Unterricht nur noch langärmlige Pullover tragen. Die anderen Kinder fassen ihn an, lassen ihn spüren, dass er anders ist. «Was soll ich denn sagen, er ist ja anders. Er ist Afrikaner», ist die Antwort der Lehrerin. Der eritreische Bub weint nach dem Unterricht oft und muss zum Schulsozialdienst. Die Mutter fühlt sich nicht ernst genommen.


Die Kurzfilme basieren auf wahren Geschichten. «Sie sind aus Gesprächen mit Menschen entstanden, die in ihrem Alltag in der Schweiz mit Rassismus konfrontiert wurden», erklärt Maja Bagat Mitarbeiterin der AIA. Gespielt wurden die Protagonisten von Schauspielern. Bei allen Gesprächen habe sich dasselbe herauskristallisiert: Die Betroffenen suchten die Schuld für das ungute Gefühl bei sich selbst und fragten sich, ob sie zu sensibel reagierten.


Samuel hat aufgehört, leer zu schlucken. Er ist nicht weiss, hat einen Schweizer Pass und ist adoptiert. Im Film erzählt der 30-jährige Zugbegleiter, dass er mittlerweile seinen Mitmenschen sagt, wenn ihn etwas verletzt. Rassismus komme am meisten in der Sprache vor, denn im Kopf klinge vieles nicht wie eine Beleidigung. Erfahrungen mit Rassismus, der auf der Arbeit stattfindet, leitet er aus Prinzip dem Rechtsdienst der SBB weiter. Seinem Sohn bringe er nun bei, sich von Anfang an gegen Rassismus zu wehren.

Thema im Unterricht

Man müsse sich bewusst sein, dass eine weisse Mehrheitsgesellschaft ständig Signale aussendet, dass weiss die Norm und das Ideal sei, sagt Lelia Hunziker abschliessend: «Wir glauben, dass wir alle nicht rassistisch sind. Wir bilden uns etwas auf unseren Respekt ein», dabei könnten wir Weissen nicht damit umgehen, dass unser Weiss-Sein unsere Ansichten formt.»

Sie ruft dazu auf, aufmerksam und reflektierender durch das Leben zu gehen: «Macht Verwaltungen, Organisationen und Behörden auf Alltagsrassismus aufmerksam.»
Die Filme sind online zugänglich und für die Auseinandersetzung mit Rassismus – besonders für Schulen – geeignet. Die AIA stellt einer beschränkten Anzahl Schulklassen Personal und Unterlagen für Workshops zur Verfügung.