Gerichtsprozess

Drogensüchtiger legt Feuer in seiner Zelle, wird verurteilt – und erreicht trotzdem sein Ziel

In einer Zelle im Zentralgefängnis Lenzburg legte ein Häftling Feuer.

In einer Zelle im Zentralgefängnis Lenzburg legte ein Häftling Feuer.

Ein Drogenabhängiger, der im Gefängnis Lenzburg einsass, legte Feuer und gefährdete damit seine Mithäftlinge. Nun hat ihn das Bezirksgericht Lenzburg veruteilt.

In der Nacht vom 12. auf den 13. Juli 2013 mussten Feuerwehr und Ambulanz zum Zentralgefängnis Lenzburg ausrücken. Der damals 20-jährige Thomas (Name geändert) hatte in der Toilette seiner Zelle «mit seinem Feuerzeug abgewickeltes WC-Papier, sein T-Shirt und seine Bettdecke angezündet», wie es in der Anklageschrift heisst. Für den Staatsanwalt ein klarer Fall von Brandstiftung: Thomas habe gewusst, dass durch das Feuer und den Rauch seine Mitgefangenen und die Wärter «an der Gesundheit und womöglich auch am Leben gefährdet würden».

Thomas – kurzes, blondes Haar, kräftige Oberarme, Jeans und T-Shirt – gab vor dem Bezirksgericht Lenzburg zu: «Ich habe das Feuer gelegt, aber nicht damit gerechnet, dass es so extrem viel Rauch geben würde.» Tatsächlich entwickelte sich innert kurzer Zeit starker Rauch, er habe kaum noch die Hand vor Augen gesehen, sagte ein Mitgefangener, der im gleichen Gefängnistrakt wie Thomas untergebracht war.

Mitgefangener bemerkte Rauch

In derselben Zelle mit dem jungen Schweizer, der einst die Kleinklasse abgeschlossen, danach eine Gipserlehre angefangen, später aber abgebrochen hat, waren zwei weitere Gefangene. Einer von ihnen war gerade am Einschlafen, bemerkte aber den Rauch rechtzeitig und drückte den Notrufschalter. Rasch waren die Wärter zur Stelle, in der Folge wurden «sämtliche Gefangene aus den Zellen 74 bis 92 evakuiert», wie es in der Anklageschrift heisst. Die aufgebotenen Feuerwehrleute konnten den betroffenen Gefängnisflügel nur mit Atemschutzausrüstung betreten. Sie setzten einen Lüfter ein, um den Rauch aus dem Gebäude zu blasen. Zu löschen gab es allerdings nichts mehr, das Feuer war in der Zwischenzeit von selber erloschen.

«Warum haben Sie das Feuer gelegt», wollte Gerichtspräsident Daniel Aeschbach von Thomas wissen. «Ich wollte in die Psychiatrie verlegt werden, weil ich mich im Gefängnis eingeengt fühlte, das hielt ich nicht aus.» Er sei zudem in einer Ausnahmesituation gewesen, habe Methadon konsumiert und seine Freundin habe ihn verlassen. «Ich habe den Wärtern gesagt, ich wolle Selbstmord begehen – aber das war gar nicht wahr, das habe ich nur gesagt, damit ich in die Psychiatrie komme.»

Für den Staatsanwalt belegten diese Aussagen, dass der junge Angeklagte das Feuer aus rein egoistischen Motiven gelegt und damit viele Menschen in Lebensgefahr gebracht habe. Er verlangte deshalb eine unbedingte Haftstrafe von vier Jahren.

Mit zwölf die ersten Drogen

Thomas bestritt dies vehement, er habe niemanden verletzen wollen, sondern sei einfach verzweifelt gewesen. Seine Anwältin forderte viel mildere Strafen für ihn – einen Freispruch, oder höchstens sechs Monate Haft, dies aufgeschoben für eine psychiatrische Therapie. Sie argumentiert, das Feuer sei nicht gefährlich gewesen, bei den vier Personen, die zur Kontrolle ins Spital gebracht worden seien, habe man keine Rauchvergiftung festgestellt. Sie sagte weiter, ihr Mandant habe im Alter von zwölf Jahren bereits zum ersten Mal Drogen konsumiert «und seither so ziemlich alles genommen, was man sich vorstellen kann». Zudem attestiert ihm ein ärztliches Gutachten eine verzögerte Persönlichkeitsentwicklung und leicht verminderte Schuldfähigkeit.

Inzwischen ist Thomas in einem Programm für Drogenabhängige, erhält täglich das Ersatzmedikament Diaphin und sagt mit einem gewissen Stolz: «Ich habe die Dosis reduziert.» Er ist zudem seit Ende 2014 in ambulanter Behandlung bei den Psychiatrischen Diensten Aargau. «Es ist mein Ziel, von den Drogen wegzukommen und mein Leben zu ändern», sagte er vor Gericht.

Diese Chance erhält Thomas, der auf einen Job auf dem Bau hofft und sich bemühen will, seine Schulden von rund 15 000 Franken zurückzuzahlen. Zwar verurteile ihn das Gericht zu zweieinhalb Jahren Gefängnis, diese Haftstrafe wird aber zugunsten einer stationären Massnahme in einer Einrichtung für junge Erwachsene aufgeschoben. Gerichtspräsident Aeschbach hielt fest, Thomas habe die Mitgefangenen nicht wissentlich und willentlich an Leib und Leben gefährdet, sondern dies mit dem Anzünden der Bettdecke nur in Kauf genommen. Das Urteil enthält eine gewisse Ironie: Obwohl ihn das Gericht der Brandstiftung schuldig sprach, hat Thomas am Ende die Verlegung in die Psychiatrie erreicht.

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