Wirtschaft

Drei Viertel aller Aargauer Firmen leiden unter Corona – ein Viertel bereits mit Liquiditätsengpässen

Das Aargauer Gewerbe leidet: Dazu gehören auch Druckereien.

Das Aargauer Gewerbe leidet: Dazu gehören auch Druckereien.

Der Gewerbeverband fordert Liquiditätshilfen. Die FDP will Hilfe für Selbstständige; SVP-Grossräte verlangen öffentliche Investitionen. Industrievertreter warnen vor Firmenschliessungen.

Bis Ende letzter Woche haben 1400 Unternehmen an einer Corona-Umfrage des Aargauischen Gewerbeverbands (AGV) teilgenommen. Das Resultat: 72 Prozent der Mitglieder sind von den Auswirkungen der Pandemie direkt betroffen. 58 Prozent erleiden bereits jetzt einen Umsatzeinbruch, 52 Prozent melden einen Bestellungsrückgang und 22 Prozent beklagen fehlende Materiallieferungen, wie der Verband am Montag mitteilt. Exakt ein Viertel der Betriebe hat bereits zum jetzigen Zeitpunkt einen Liquiditätsengpass. 19 Prozent der Unternehmen haben Kurzarbeit angemeldet und 3 Prozent müssen laut dem Verband schon heute Kündigungen aussprechen.

Der Verband unterstützt die Massnahmen des Bundesrates, um die Anzahl schwerer Erkrankungen einzudämmen und die Ausbreitung des Corona-Virus zu verlangsamen. Die Gesundheit der Bevölkerung und die Funktionsfähigkeit des Gesundheitswesens stünden im Vordergrund. Um die Wirtschaftsfähigkeit zu erhalten, fordert der AGV alle Unternehmen auf, die Vorgaben des Bundesrates strikte einzuhalten. Die Massnahmen des Bundesrates zur Abfederung der wirtschaftlichen Corona- Folgen gehen aus Sicht des AGV in die richtige Richtung. Wichtig sei jedoch eine unkomplizierte Abwicklung, deshalb werde man erst nach den Entscheiden des Bundesrats vom Mittwoch dazu Stellung nehmen. Gespannt ist der AGV auch auf das Unterstützungspaket der Aargauer Regierung, das ebenfalls am Mittwoch verabschiedet werden soll.

FDP: Rasche Hilfe für Selbstständigerwerbende

Gleich mehrere offene Briefe zu den Corona-Folgen für die Wirtschaft wurden am Montag publiziert. In einem dreiseitigen Schreiben forderte die FDP Aargau die anderen Parteien auf, den Regierungsrat das nötige Vertrauen zu schenken. Er solle per Notverordnung «die wichtigsten Entscheiden treffen können, ohne wertvolle Zeit für allfällige Kommissionsberatungen zu verlieren», schreibt die FDP.

Inhaltlich stellen die Freisinnigen verschiedene Forderungen. So könne es für die rasche Gewährung von Krediten hilfreich sein, «wenn der Kanton Bürgschaften gewährt, die noch etwas höher sind als die Bundesbürgschaften». Zudem solle der Kanton Lösungen für Unternehmen suchen, die von den Bundesmassnahmen nicht abgedeckt sind, «allenfalls auch mit A-fonds-perdu-Beiträgen».

Die FDP betont, es gehe um Unterstützung, die wegen der Corona-Krise nötig sei, nicht um die Behebung von bestehenden Finanzschwächen. Die Verwaltungsabläufe sollen so organisiert werden, dass Entschädigung für Kurzarbeit und Arbeitslosengelder rasch ausbezahlt werden können. Die Regierung soll laut dem offenen Brief der FDP zudem auch sicherstellen, dass Selbstständige, die grössere Erwerbsausfälle zu verkraften haben, eine angemessene Entschädigung erhalten.

SVP-Grossräte: Kanton soll mehr investieren

Einen anderen Ansatz verfolgen zwei SVP-Grossräte: Michaela Huser und Daniel Notter (beide Wettingen) verlangen in einem offenen Brief an die Kantons- regierung sowie die Stadt- und Gemeinderäte im Aargau mehr öffentliche Investitionen. Kantons- und Gemeindebehörden sollten vorgesehene Beschaffungen, Planungsaufträge, Renovationen oder Sanierungen vorziehen und damit Gewerbebetriebe unterstützen. «Überprüfen Sie zum Beispiel, ob die Beschaffung von Büromaterial oder für Sommer geplante Arbeiten in Schulgebäuden nicht sofort ausgelöst werden könnten», schreiben Huser und Notter. So könne Umsatzeinbrüchen und Bestellrückgängen entgegengewirkt werden, Arbeitsplätze und Existenzen liessen sich sichern.

Industrievertreter: Firmen auf keinen Fall schliessen

Der Entscheid des Kantons Tessin vom Samstag, alle Firmen zu schliessen, die keine Lebensmittel oder sonstige wichtige Güter produzierten, hat Urs W. und Yannick Berner von der Werkzeugfabrik Urma in Rupperswil aufgeschreckt. Inzwischen hat der Bund die Tessiner Behörden zurückgepfiffen, was im Sinn der Berners ist. Noch vor diesem Entscheid warnten sie in einem offenen Brief an die Regierung vor Schliessungen von Industriebetrieben und erläuterten die Massnahmen, die sie getroffen hatten. Man habe die Folgen des Virus bei ihrer Vertriebsgesellschaft in Schanghai direkt miterlebt. Home-Office, Hygienestandards, Risikogruppen isolieren, konsequenter Abstand sei selbstverständlich. Dies werde von den Mitarbeitenden eingehalten und von einer Task Force flächendeckend kontrolliert.

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