Leserwandern-Rückblick

Drei grosse «Merci» für 100 kleine Gesten – darum teile ich meine Leserwandern-Erkenntnisse mit Ihnen

Das «Merci» gilt auch den 158 Leserwanderinnen und Leserwanderern, die auf der Abendwanderung rund um Baden teilnahmen – 12 Prominente aus Politik und Gewerbe inklusive. Wer erkennt sie?

Das «Merci» gilt auch den 158 Leserwanderinnen und Leserwanderern, die auf der Abendwanderung rund um Baden teilnahmen – 12 Prominente aus Politik und Gewerbe inklusive. Wer erkennt sie?

Das Leserwandern 2017 ist fast vorbei – und ich bin dankbar. Denn nach 15 gelaufenen Etappen glaube ich mehr denn je an das Gute im Menschen. Zumindest an das Gute im Wanderer. Ein persönlicher Rückblick.

Leserwandern ist eine persönliche Sache, das habe ich in den letzten fünf Wochen gelernt. Nicht viel von sich selbst hineinzugeben, wenn man die Tage zusammen mit Dutzenden Menschen verbringt, gemeinsam einem Ziel entgegenschreitet und sein Schicksal in Form von Schweiss und Muskelkater teilt, ist schier unmöglich.

Bis heute bin ich 15 Leserwanderungen gelaufen, am Schluss werden es 16 sein. 16 Leserwanderungen, über die ich jeweils am nächsten Tag in der Zeitung berichtete. 16 Leserwanderungen, auf denen ich insgesamt fast 2000 Menschen begegnete. Mit denen zusammen ich über 160 Kilometer durch die Nordwestschweiz wanderte, 5700 Meter in die Höhe stieg und Hitze, Gewittern und Regen trotzte. 16 Leserwanderungen, auf denen es immer «gmönschelet het». Was mal mehr, mal weniger angenehm war. Eigentlich immer mehr als weniger.

Jetzt, eine Wanderung vor Schluss (am 13. August findet die letzte Etappe von Tavannes auf den Grenchenberg statt), habe ich das Bedürfnis, «Merci» zu sagen – drei Mal «Merci», um genau zu sein. Man mag mich pathetisch schimpfen, aber die Erkenntnisse aus dem Leserwandern-Sommer machen mich dankbar. Und genau darum möchte ich sie mit Ihnen teilen.


Ein «Merci» an die Gemeinschaft

Viele der Leserwanderinnen und Leserwanderer kommen pro Saison auf alle oder mehrere Wanderungen mit. Man lernt sich kennen, schliesst Bekanntschaften, vielleicht sogar Freundschaften. Man nennt sich beim Vornamen, begrüsst sich mit Küssli. Und dann, im Schatten eines alten Kirschbaumes, teilt man sein Znünibrot. Eine Geste, die ich sonst nur bei Kindern auf Schulreisen sehe.

Ja, die Leserwanderer sind gesellige Menschen. Schwatzen gerne übers Wetter, das Leben und die Liebe, Politik und guten Wein. Sie fotografieren sich gegenseitig auf den Aussichtspunkten und lachen (meistens) über meine Witze. Auf schmalen Wegen gewährt man sich Vortritt, auf die Langsameren in der Gruppe wird immer gewartet. Das Ziel vor Augen verbindet. Zusammen schaffen wir das! In dieser Gemeinschaft, in der sich die meisten sehr viel länger kennen als ich sie, fühlte ich mich immer aufgehoben.


Ein «Merci» an die kurzen Begegnungen

Bei 15 gelaufenen Leserwanderungen war ich manchmal auch müde. Mochte ich mich mal nicht übers Leben und die Liebe, ja schon gar nicht über Politik unterhalten. Auch und gerade in diesen Momenten sind es die kleinen Dinge, die in guter Erinnerung bleiben; kleine Gesten, kurze Begegnungen. Als ich im verregneten Reigoldswil die Leserwanderer zur 5. Etappe begrüsste und mich Max mit seinem Regenschirm im Trockenen hielt – ohne, dass ich es bemerkte.

Als mir auf der 9. Etappe der junge Aargauer Grossrat Uriel Seibert (26) die schönsten Ecken des Ruedertals zeigte – dort, wo er seine Kindheit verbrachte. Als trotz Gewitter und sintflutartigen Regengüssen 104 Leserwanderer die Solothurner Abendwanderung um keinen Preis absagen wollten – mir Mut machend, dass alles gut kommen würde. Als mir auf der Oltner Abendwanderung Vincent, der Sohn von Nationalrat Beat Flach, eine Stunde von Rockmusik und Bassgitarristen vorschwärmte – und mich mit seinem charmanten Schalk laut auflachen liess. Als auf der Schwarzbubenland-Wanderung nach einem Sommerregen die Steine am Boden glitschig waren und mir ein lieber Leserwanderer half, alle 74 Teilnehmer sicher über die prekäre Stelle zu führen. Die Aufzählung ist unvollständig.


Ein «Merci» an unsere Regionen

Ob bei mir eigentlich immer alles «einfach schön» sei, fragte mich ein Leserwanderer. Er sprach mich auf meine Wortwahl an, derer ich mich während der Leserwandern-Berichterstattung mit Vorliebe bediente: «schön», «sehr schön» und «wunderbar» schrieb ich tatsächlich überdurchschnittlich oft.

Nicht ohne Grund: Egal ob im Solothurner Jura, im Aargauer Wynental, im Baselbiet oder an der Reppisch – die Schönheit der Regionen offenbarte sich auf jeder Wanderung. Wer sich überzeugen lassen will, klicke sich durch die Bildergalerien in unserem Online-Dossier. Aber es war nicht nur die Natur, die uns vorbehaltlos empfing. Einheimische, Gemeinden, regionale Politikerinnen und Politiker, Vereine, Bauern und Berggasthöfe: Hier gab es ein Glas Wein, dort eine Wurst, da eine Willkommensrede. Man ist stolz auf seine Heimat, ob im 300-Seelen-Dorf oder in der 20 000-Einwohner-Stadt. Die regionale Vielfalt wird grossgeschrieben. Besuch ist willkommen. Es macht Freude, dies zu sehen.

Bei einem kühlen Bier auf dem Grenchenberg, zum Ende der letzten Etappe, werde ich diesen Text noch einmal durchlesen. Ich werde nicken und zu mir sagen: Ja, es gibt es, das Gute im Menschen. Zumindest das Gute im Wanderer.

Meistgesehen

Artboard 1