Küsschen hier, Küsschen da. Der Empfang für Doris Leuthard, die vor der Mühlauer Turnhalle aus dem schwarzen Tesla gestiegen ist, fällt herzlich aus. Der Auftritt am Samstagvormittag bei der CVP des Bezirks Muri ist ein Heimspiel für die Bundesrätin - und das gleich doppelt: Die Fahrt aus der Nachbar- und Wohngemeinde Merenschwand nach Mühlau dauert nur wenige Minuten und Leuthard selbst war es, die das «Café Fédéral» vor rund 20 Jahren ins Leben gerufen hatte. Ein Anlass, der normalerweise bei Wirtschaftsbetrieben der Region stattfindet, doch dieses Mal blieb aus Platzgründen nur die Turnhalle als Alternative. Die Bundesrätin aus den eigenen Reihen ist nach wie vor ein Publikumsmagnet.

Drinnen warten um die 160 Zuschauer auf den prominenten Gast, den sie mit Applaus empfangen. Leuthard tritt ans Rednerpult und spricht über die Energiestrategie 2050. «Ein Thema, das uns alle angeht und unser Leben verändern wird.» Das beginne bei der Wahl des Verkehrsmittels («Ich bin elektrisch gekommen») und gehe bis zum Einbau einer neuen Heizung («Lassen Sie sich gut beraten!»). Grosses Sparpotenzial verspricht sich die Umweltministerin bei der Beleuchtung, deren Anteil am gesamten Stromverbrauch derzeit bei 12 Prozent liegt. Das ehrgeizige Ziel: Eine Halbierung auf sechs Prozent bis 2025. Die eingesparte Menge entspreche der Jahresleistung des Atomreaktors Beznau II, rechnet Leuthard vor.

Flaute bei der Windenergie

Einsparungen, die angesichts des schrittweisen Atomausstiegs dringend benötigt werden. Doch ohne Alternativen lässt sich die Lücke bei der Stromproduktion nicht schliessen. In Bezug auf die erneuerbaren Energien zeigt sich Doris Leuthard insgesamt optimistisch: «Wir sind auf Kurs.» Besonders bei der Photovoltaik sei eine erfreuliche Entwicklung zu beobachten. Ein anderes Bild biete sich hingegen bei der Windenergie, besonders in der Deutschschweiz herrsche Flaute. Leuthard nutzte die Gelegenheit, um für diese Art der Stromproduktion zu werben und zählte deren Vorteile auf: günstig, effizient, auch im Winter verfügbar. Doch längst nicht bei allen stossen die Windanlagen auf Begeisterung, wie das Beispiel des Windpark-Projekts auf dem Lindenberg zeigt. Dem ist sich auch Leuthard bewusst. «Wir spüren den Widerstand in der Bevölkerung.» Doch sie warnt vor vermehrten Stromimporten aus dem Ausland. Aus ihrer Sicht gelte: «Einheimisch ist besser als importiert, erneuerbar ist besser als fossil.» Die Bedenken, die Landschaft werde verschandelt, teilt die Bundesrätin nicht. Das sehe doch gar nicht so schlimm aus, sei ihr durch den Kopf gegangen, als sie kürzlich Visualisierungen der geplanten Windräder auf dem Lindenberg gesehen habe. «Mir selbst gefallen Windräder.»


«Eine Lachnummer»

Die lobenden Worte der Umweltministerin über die Windenergie dürften Urs Giger freuen. Der Gründer des Start-up-Unternehmens GDC Urs Giger GmbH, Maschinenbauer und frühere Mühlauer Gemeindeammann hat eine Mission: Windräder günstiger und effizienter machen. «Das Thema ist sehr emotional», sagt er zu Beginn seiner Präsentation, weshalb er versuchen werde, sich auf die technischen Aspekte zu konzentrieren. Auf der Turnhallenwand blendet er Zahlen ein, um den Aufholbedarf der Schweiz zu illustrieren: 37 Turbinen produzieren hierzulande rund 132 Gigawattstunden Strom pro Jahr. «Das ist eine Lachnummer», sagt Giger. Ginge es nach ihm, müsste der Anteil der Windenergie möglichst rasch deutlich ansteigen. In seiner Werkstatt tüftelt er an seinem Beitrag zu dieser Entwicklung. Sein Trumpf: Rotoren, die abgeklappt und auf den Boden gelassen werden können. Die Technologie soll die Wartung einfacher und somit auch günstiger machen. Mit Interessenten aus der Westschweiz und Japan stehe er bereits in Kontakt.

Nicht nur für Doris Leuthard, sondern auch für Ralf Bucher ist es ein Auftritt vor Heimpublikum auf. Der CVP-Grossrat aus Mühlau erklärt den Aargauer Beitrag an die Energiestrategie des Bundes: das kantonale Energiegesetz. Eine umstrittene Vorlage, wie die Vernehmlassung gezeigt hat. Bucher beruhigt jene Hausbesitzer, die mit Öl heizen, ein Verbot werde es nicht geben. Denkbar seien für die CVP Anreize, beispielsweise beim Strom aus Photovoltaikanlagen, auf den keine Steuern erhoben werden sollen. «Wir können aber nicht nur die erneuerbaren Energien fördern, sondern müssen auch die Effizienz verbessern.» Im Hinblick auf die Debatten im Grossen Rat mahnt Bucher, es brauche eine mehrheitsfähige Vorlage, weil diese garantiert vors Volk kommen werde.

Die Frage nach Leuthards Rücktritt

Lob erhält Ralf Bucher von seiner Parteipräsidentin und Grossratskollegin Marianne Binder. Sein Wort habe Gewicht im Kantonsparlament und ihm stehe eine grosse politische Zukunft bevor. Bucher sei ein Beispiel dafür, wie die CVP die Politik im Kanton präge. «Darauf bin ich stolz.» Wie Binders eigene politische Zukunft aussieht, wird sich im Herbst 2019 zeigen, dann entscheidet sich, ob sie für die CVP einen der beiden frei werdenden Sitze im Ständerat erobern kann. Binder zeigt sich beeindruckt vom Anlass in der Mühlauer Turnhalle: «Wenn ich sehe, wie viele Leute gekommen sind, habe ich keine Angst um die CVP.»

Der Publikumsaufmarsch lässt sich womöglich auch damit erklären, dass es im Freiamt wohl nicht mehr allzu viele öffentliche Auftritte von Doris Leuthard als Bundesrätin geben wird. Spätestens zum Ende der Legislatur 2019 werde sie als Bundesrätin zurücktreten, kündigte Leuthard schon vor über einem Jahr an. Den genauen Zeitpunkt hat sie seither für sich behalten. Derzeit verdichten sich jedoch die Anzeichen für einen baldigen Rücktritt. Die Frage zum Zeitpunkt des geplanten Abschieds aus Bern wird der Umweltministerin denn auch – charmant verpackt – am Schluss der Diskussionsrunde gestellt: „Wann sehen wir dich wieder mehr im Freiamt?“ Doris Leuthard lächelt, und antwortet: „Spätestens ab 2020.»