Strafverfolgung

DNA eines Phantoms: Die Aargauer Staatsanwaltschaft sucht einen Marokkaner

Aus dem Wangenschleimhaut-Abstrich eines jungen, unbekannten Marokkaners soll ein DNA-Profil erstellt werden. Symbolbild: Michaela Rehle/Reuters

Aus dem Wangenschleimhaut-Abstrich eines jungen, unbekannten Marokkaners soll ein DNA-Profil erstellt werden. Symbolbild: Michaela Rehle/Reuters

Die Staatsanwalt sucht einen jungen Marokkaner, der nirgends registriert scheint. Er ist offenbar untergetaucht. Ende Januar wurde er noch am Bahnhof Brugg ohne Ausweis aufgegriffen.

Laut der aktuellen Statistik des Staatssekretariats für Migration lebten im Aargau Ende Januar elf Asylbewerber aus Marokko. Allerdings ist die Chance für Menschen aus dem nordafrikanischen Land sehr gering, hier bleiben zu dürfen: Anerkannte Flüchtlinge aus Marokko gibt es im Aargau keine, auch vorläufig aufgenommene Asylbewerber weist die Statistik nicht aus.

Doch es gibt offenbar Marokkaner, die im Aargau untertauchen. Im kantonalen Amtsblatt findet sich eine Publikation zur «Strafsache der Jugendanwaltschaft gegen Bandada Driss, geboren am 29. Juni 1997, von Marokko, Wohnort unbekannt, alias Bandada Driss, geboren am 29. Dezember 1999, betreffend rechtswidriger Einreise, rechtswidrigen Aufenthalts.»

Weiter heisst es, die Kantonspolizei werde von der Jugendanwaltschaft «ermächtigt und angewiesen, die Erstellung des DNA-Profils vom bereits entnommenen Wangenschleimhautabstrich in Auftrag zu geben».

Aufgegriffen und untergetaucht

Die Erstellung von DNA-Profilen hat die Staatsanwaltschaft kürzlich zur Aufklärung des Vierfachmordes von Rupperswil und der Vergewaltigung von Emmen angeordnet, also bei schweren Verbrechen. Doch weshalb treffen die Behörden bei einem möglicherweise noch minderjährigen Marokkaner eine solche Massnahme? Die Jugendanwaltschaft beruft sich auf den entsprechenden Artikel in der Strafprozessordnung. Dieser besagt, dass «zur Aufklärung eines Verbrechens oder eines Vergehens» eine Probe genommen und ein DNA-Profil erstellt werden darf.

Fiona Strebel, Sprecherin der Staatsanwaltschaft, sagt: «Illegale Einreise und illegaler Aufenthalt rechtfertigen allein in der Regel noch keine DNA-Profilerstellung. Da vorliegend jedoch Hinweise bestanden, dass der Beschuldigte vor seiner Einreise in die Schweiz im Ausland straffällig geworden war, wurde zur Aufklärung allfälliger weiterer Delikte die Erstellung eines DNA-Profils angeordnet.» Zur Fahndung ausgeschrieben ist Bandada allerdings nicht.

Der junge Marokkaner wurde Ende Januar am Bahnhof Brugg ohne Ausweis aufgegriffen. Roland Pfister, Sprecher der Kantonspolizei, erklärt: «In einem solchen Fall werden erkennungsdienstliche Massnahmen durchgeführt, dazu gehört die Abnahme von Fingerabdrücken und ein Wangenschleimhautabstrich.»

Doch weshalb wurde der junge Marokkaner nicht verhaftet – wollte er allenfalls Asyl beantragen? Dies lässt sich nicht feststellen. Balz Bruder, Sprecher des zuständigen Sozialdepartements, sagt auf Anfrage der az: «Die genannte Person ist uns nicht bekannt.» In den kantonalen Asylstrukturen ist Bandada also nicht registriert.

Auch vom Migrationsamt kommt dieselbe Auskunft. Samuel Helbling, Sprecher des Justizdepartements, sagt: «Die betreffende Person ist bei den Ausländerbehörden nicht verzeichnet.»

In der DNA-Datenbank dürfte es allerdings bald einen Eintrag zu Driss Bandada geben – wenn sich der Marokkaner nicht gegen die Anordnung der Jugendanwaltschaft wehrt. Die zehntägige Frist für eine Eingabe bei der Jugendbeschwerdekammer des Obergerichts läuft seit dem 5. März, also dem Tag nach der Publikation im Amtsblatt.

440 Franken pro DNA-Profil

Verstreicht die Beschwerdefrist ungenutzt, erstellt das rechtsmedizinische Institut des Kantonsspitals Aarau für 440 Franken ein DNA-Profil. Das ist der ordentliche Tarif, für ein Express-Profil noch am gleichen Tag werden 660 Franken fällig.

DNA-Profile werden im Aargau ziemlich viele erstellt, im vergangenen Jahr waren es insgesamt 496, wie Fiona Strebel sagt. 411 davon ordnete die Staatsanwaltschaft bei Erwachsenen an, 85 die Jugendanwaltschaft bei Minderjährigen. Dies ergibt also Gesamtkosten von mindestens 220 000 Franken, je nach Anzahl der Express-Profile liegen sie noch deutlich höher.

Es kommt allerdings höchst selten vor, dass die Anordnung der Staatsanwaltschaft, ein DNA-Profil zu erstellen, im Amtsblatt ausgeschrieben wird. Einerseits werden auch DNA-Spuren von Verbrechensopfern oder Unbekannten erfasst, wie zum Beispiel im Fall Rupperswil. Andererseits werden Personen mit bekanntem Wohnort, bei denen die Polizei einen Schleimhautabstrich vorgenommen hat, direkt über die Anordnung eines DNA-Profils informiert.

Dies ist bei Driss Bandada, dem 18- oder 16-jährigen untergetauchten Marokkaner, nicht möglich. Dass er das Amtsblatt liest, ist zwar äusserst unwahrscheinlich – dennoch verlangt das Gesetz diese Publikation, damit er sich gegen ein DNA-Profil wehren kann.

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