Musik
DJ BoBo: «Ich fühle mich immer noch als Aargauer»

DJ BoBo ist zurück: Erstmals seit neun Jahren gibt er in seinem Heimatkanton ein Konzert und spielt in einer Pokerrunde: Am 20. Januar präsentiert der Aargauer Superstar im Grand Casino Baden Ausschnitte aus seiner Show «Dancing Las Vegas»

Stefan Künzli
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Superstar DJ BoBo freut sich auf den Heimauftritt in lockerem Rahmen ho

Superstar DJ BoBo freut sich auf den Heimauftritt in lockerem Rahmen ho

Was ist die Idee des Showcases im Grand Casino Baden?

Es passt zu unserem aktuellen Thema «Dancing Las Vegas». Mir gefällt der intime Rahmen, der direkte Kontakt mit meinem Publikum. Es ist ein lockerer Rahmen, in dem das Publikum zwischen den Stücken Fragen stellen kann. Der Showcase ist der Gegensatz zu unseren grossen, spektakulären Shows. Zurück zum Einfachen, zum Wesentlichen – ohne Tänzer und gigantische Bühnendekoration. Nach dem Showcase spiele ich in einer prominent besetzten Pokerrunde, und der Gewinn wird für einen guten Zweck gespendet. Es ist ein Spass für mich und meine Fans ohne kommerzielle Absichten.

Pokern? Sind Sie ein Spielertyp?

Oh ja, ich pokere sehr gern. Früher haben wir auf der Tour gejasst, jetzt wird gepokert. Aber auch privat mache ich mit Freunden immer wieder Pokerabende. Ich bin aber kein klassischer Spielertyp. Beim Poker entscheidet nicht das Glück, sondern die Strategie.

Diesen Sommer haben Sie ein Konzert in Las Vegas gegeben. Haben Sie dort auch gepokert?

Ja, sicher. Und ich habe etwa hundert Dollar gewonnen. Also nicht der grosse Gewinn, ich musste am Morgen um halb vier aufhören, weil ich ja am anderen Tag das Konzert hatte.

Sie waren schon lange nicht mehr im Aargau. Können Sie sich noch an Ihren letzten Auftritt im Aargau erinnern?

Das war am Kantonsjubiläum «200 Jahre Aargau» in Aarburg-Oftringen-Rothrist vor neun Jahren. Das Wetter war richtig grässlich und «grusig». Unter zehn Grad mitten im Sommer, das Publikum stand im Pflotsch und Schlamm. Die Leute haben mir richtig leidgetan. Es war ein Negativ-Erlebnis.

Das hat Ihnen den Aargau verleidet? Weshalb spielten Sie als Aargauer nie mehr in Ihrem Heimatkanton?

Aber hallo! Ich würde so gern daheim spielen. Nur wo? Im Aargau gibt es keine grossen Hallen. Wobei – in Kölliken gibt es ja eine grosse Halle ... (lacht; Pause) ... das war ein Scheisswitz, bitte streichen Sie das!

Die Sondermülldeponie? Nach dem Rückbau wäre sie als Eventhalle doch eine Überlegung wert.

Nein, die Halle ist wieder viel zu gross. Zudem glaube ich nicht, dass dieser Standort zukunftsträchtig ist. Dort will niemand hin.

Sie sind ja dort aufgewachsen.

Ich bin in einem Kölliker Bauernhof Richtung Schönenwerd aufgewachsen. Aber ein Schulfreund von mir hat gleich neben der Deponie gewohnt. Es stank bestialisch und die Familie hat auch immer über Kopfweh geklagt. Schrecklich, was diese Leute ertragen mussten.

Haben Sie noch Kontakt zu Kölliken?

Ja, meine Mutter wohnt noch dort. Sie war Floristin und wurde soeben pensioniert. Einmal pro Woche kommt sie zu uns und betreut unsere Kinder.

Und der Rest der Familie?

Mein Stiefvater ist schon lange gestorben. Er war Alkoholiker und war gewalttätig. Wenn er in die Beiz ging, wussten wir: Am Abend gibts Schläge. Betroffen waren aber nie die Kinder, nur meine Mutter. Das ging sechs Jahre, und ich war zwischen sechs und zwölf Jahre alt. Ich hatte zu ihm deshalb keine gute Beziehung. Einen losen Kontakt habe ich noch zu meinen Stiefgeschwistern Regula und Peter.

Und zu Ihrem leiblichen Vater?

Er wohnt bei Rimini und lange, über 30 Jahre, wollte ich nichts mit ihm zu tun haben. Jetzt hat er über seine Enkel eine zweite Chance erhalten und hat sie genutzt. Er nimmt seine Grossvater-Rolle wahr und das freut mich sehr. Deshalb haben wir heute öfter Kontakt, aber es ist keine normale Vater-Sohn-Beziehung.

Spielen Sie eigentlich immer noch Fussball?

Ja klar. Wir haben eine Firmen-Mannschaft, das DJ-BoBo-Team, und spielen gegen andere Firmen-Mannschaften. Murat Yakin spielt bei uns und hält sich dadurch etwas fit.

Aber Sie haben als Aargauer vom FC Aarau zum FC Luzern gewechselt.

Die Innerschweiz ist halt schon meine zweite Heimat geworden. Angefangen hat es mit meiner Unterstützung für das neue Stadion. Seither sitze ich im 20-köpfigen Beirat des FC Luzern, einem Beratungsorgan für den Präsidenten.

Trotzdem, wir Aargauer können Ihnen den Fahnenwechsel kaum verzeihen.

Ich weiss, ich weiss. Dessen bin ich mir bewusst. Aber ich fühle mich immer noch als Aargauer.

Dann erlauben Sie mir, wenn ich mit Ihnen den ultimativen Aargauer Test mache? Was sagt Ihnen Bettwil?

Nichts. Noch nie gehört.

Die kleine Freiämter Gemeinde ist in die nationalen Schlagzeilen geraten, weil sie sich gegen eine geplante Asyl-Unterkunft wehrt. Zweite Frage: Wie heisst die grüne Regierungsrätin?

(schweigt ...) Ich kenne nur Pascale Bruderer, und die ist kaum grün. Keine Ahnung!

Sie heisst Susanne Hochuli. Letzte Chance: Welches ist das beliebteste Aargauer-Lied ... nicht «Chihuahua»?

Das weiss ich (strahlt): «Im Aargäu sind zweu Liebi».

Ja! Trotzdem: Leider haben Sie nicht erfüllt.

Stimmt. Den Test hab ich schön versaut.

Ich fürchte, das können Sie nur gutmachen, wenn Sie im Aargau ein grosses Konzert geben.

Ich sehe schon: Der Druck wächst. Wir hoffen, dass es endlich klappen wird.

Zurück ins internationale Business. Welche Rolle spielen Sie beim deutschen Schlagerstar Andrea Berg?

Andrea kam vor zwei Jahren nach einer Show zu mir und sagte: «Ich will das auch.» Ich war bereit, aber sie musste mein 100-köpfiges Team übernehmen. Mit meinem Kreativteam, meinen Lichtspezialisten und meinen Bühnenbauern haben wir ihre Show produziert. Wir hatten völlig freie Hand, konnten ihr die Show auf den Leib schneidern. Jetzt habe ich fünf Tage mit ihr in Stuttgart geprobt. Es wird toll. Ihre Show läuft von Januar bis Februar, meine startet im April. Wir müssen uns abwechseln, weil ihre neue Bühne aus Grundelementen meiner Bühne besteht. Das ist für uns eine Win-win-Situation: Sie kann punkto Show einen grossen Sprung vorwärts-machen, und wir können die Kosten für unsere Produktion drücken.

Das ist ein weiteres neues Standbein für Sie.

Es ist zumindest eine grosse Leidenschaft. Ob für mich oder jemanden anders spielt mir eigentlich keine Rolle. Ich hatte zuerst Bedenken, weil ich den Zugang zum deutschen Schlager nicht habe. Ich merkte aber: Es spielt keine Rolle. Ich könnte auch die Show für Rammstein inszenieren. Das ist unser grösstes Know-how. Es ist nicht der Gesang, der Tanz oder die Musik. Es ist die Show, die uns von den anderen unterscheidet und uns besser macht. Dieses Know-how können wir auch anderen anbieten.

Dieter Bohlen ist bei Andrea Berg auch an Bord.

Er macht die Musik. Wir kennen uns schon lange, verstehen uns aber überhaupt nicht. Ich kann keine fünf Minuten mit ihm in einem Raum sein, dann fliegen die Fetzen. Wir haben uns nichts zu sagen. Fall erledigt. Deshalb gehen wir einander aus dem Weg. Wir begegnen uns nie.

Ist das Inszenieren von Shows die Zukunft von DJ BoBo?

Ich könnte mir das vorstellen. Im deutschen Sprachraum gibt es aber gar nichts so viele, die sich eine solche Show leisten können. Die Andrea kann das. In 20 Konzerten hat sie 260 000 Tickets verkauft. Die letzte Tour war ausverkauft. Aber auch wir sind mit unseren Shows auf Rekordkurs. Wir mussten schon Zusatzshows einbauen. Solange unsere Shows so gut laufen, muss ich das Geschäftsmodell DJ BoBo nicht anpassen.

Aber Ihre CD-Verkäufe brechen ein.

Die Verkaufszahlen von «Fantasy» waren schon schlecht, jene von «Dancing Las Vegas» sind noch viel schlechter. Eine Katastrophe.

Haben Sie eine Erklärung?

Ja, wir haben unseren Fokus voll und ganz auf die Shows gerichtet. Die Leute wollen die Show von DJ BoBo sehen. Dass er dazu noch ein Album herausgegeben hat, interessiert niemanden mehr. Das ist unsere Erkenntnis. Deshalb haben wir auch ganz auf die Promotion des Albums verzichtet. Wir machen auch keine Werbung. «Dancing Las Vegas» ist nur der Soundtrack zur Show. Das Herz ist die Show, die von der Musik unterstützt wird.

Gilt das nur für DJ BoBo oder auch für andere?

Das gilt auch für die absoluten Topacts wie U2 oder Rolling Stones. Die haben auch keine Hits mehr, die neuen Alben verkaufen sich nur mässig und sind nicht mehr wirklich wichtig. Entscheidend ist vielmehr das neue Konzept, der Aufhänger für den Event, die Show oder die Tour. Deshalb investieren wir heute das Geld nur noch in die Shows. Der CD-Markt bricht ohnehin ein. Ich denke da ganz unternehmerisch. Der Kampf um die Hitparaden-Plätze wird immer teurer und sinnloser. Das Publikum, das die Hits macht, ist zwischen 10 und 25 Jahre alt. Die interessieren sich nicht mehr für DJ BoBo. Die wollen neue, frische Acts, Frischfleisch. Der Aufwand ist für mich heute viel zu gross, um einen Tonträger erfolgreich zu verkaufen. Die Album-Produktion von «Dancing Las Vegas» ist nur deshalb kein Verlustgeschäft, weil ich keine Werbung mehr mache. Neue Acts müssen diesen Aufwand noch betreiben. Wenn sie keine Hits haben, müssen sie gar nicht anfangen.

Am 30. Januar startet die Casting-Sendung «Das grösste Schweizer Talent», in der Sie in der Jury sitzen. Was können wir erwarten?

Aus keinem anderen Kanton hat es so viele Bewerber gegeben wie aus dem Aargau. Ich schätze, es waren 30 bis 35 Prozent. Unglaublich. Einige davon haben es auch in die Halbfinals (24 Teilnehmer) geschafft. Meine Mit-Juroren Christa Rigozzi und Roman Kilchsperger haben mich wegen der Aargauer Schwemme geneckt. Kommen die Aargauer eigentlich nur wegen dir? Leider darf ich sie nicht bevorteilen, denn ich bin sicher der objektivste Juror. Es gibt Bewerber, die beachten meine Mit-Juroren gar nicht und sagen: «Herr Baumann, ich bin hier, weil ich einmal im Leben fair beurteilt werden möchte.»