Schulbesuch

Disput um die Integrative Schule – doch wie gut funktioniert sie vor Ort?

Primarlehrer Michael Hegnauer mit seiner 5. Klasse: Das integrative Modell bewahrt die Schülerinnen und Schüler keineswegs vor den strengen Regeln der deutschen Grammatik.

Primarlehrer Michael Hegnauer mit seiner 5. Klasse: Das integrative Modell bewahrt die Schülerinnen und Schüler keineswegs vor den strengen Regeln der deutschen Grammatik.

Ungewöhnliches ereignete sich an der Schule Untersiggenthal. Schulleitung und Schulpflege luden Entscheidungsträger aus der Politik zum Schulbesuch. Ziel: Die Politikerinnen und Politiker sollten sich vor Ort davon überzeugen, wie die Integrative Schulung funktioniert und dass es ein grosser Fehler wäre, sie wieder abzuschaffen.

Die Integrative Schulung (IS) steht auf dem Prüfstand. Die SVP möchte sie am liebsten abschaffen, die FDP möchte einschneidende Veränderungen, die CVP beschränkt sich vorderhand auf kritische Fragen. Die Schule Untersiggenthal ist eine von 193 Schulen im Aargau, die sich freiwillig für das Modell der Integrativen Schulung entschieden haben. «Der politische Gegenwind macht uns Sorgen», sagte Schulleiterin Silvia Mallien. Denn in Untersiggenthal möchte man die IS unbedingt beibehalten. Die Abschaffung und die Rückkehr zur Wiedereinführung von Kleinklassen wäre ein «krasser Rückschritt», erklärte Mallien.

Politiker im Kindergarten

Deshalb haben Schulleitung und Schulpflege in Untersiggenthal gehandelt und Grossrätinnen und Grossräte, vornehmlich aus dem Bezirk Baden, zum Schulbesuch eingeladen. Sie sollten vor Ort erfahren, wie eine Integrative Schule konkret funktioniert, was gut gelingt und wo noch Verbesserungen möglich und nötig sind. Und sie sollten von betroffenen Lehrpersonen hören, wie es sich im gewöhnlichen Alltag mit der IS verhält.

Manfred Dubach, Grossrat, Bezirkslehrer und Geschäftsführer Aargauer Lehrerinnen- und Lehrer-Verband, sagt, warum aus seiner Sicht integrative Schulung besser ist als Kleinklassen.

Manfred Dubach, Grossrat, Bezirkslehrer und Geschäftsführer Aargauer Lehrerinnen- und Lehrer-Verband, sagt, warum aus seiner Sicht integrative Schulung besser ist als Kleinklassen.

Gut ein Dutzend Politikerinnen und Politiker leisteten der Einladung Folge und erlebten so während rund zwei Stunden ein Stück Untersiggenthaler Schulrealität vom Kindergarten bis in die Oberstufe. Symptomatisch dabei, dass praktisch nur Befürworter des integrativen Modells nach Untersiggenthal gekommen waren. Dennoch fehlte es nicht an kritischen Fragen.

Integrative Schulung konkret

720 Kinder werden in Untersiggenthal unterrichtet. Die Integrative Schulung wurde vor sieben Jahren eingeführt und seither sukzessive weiterentwickelt. Die Lehrpersonen identifizieren sich stark mit dem Modell, das hohe Anforderungen stellt. Der Rundgang zeigte, wie vielfältig der gewöhnliche Unterricht geworden ist: die Kindergärtler, die einzeln oder in Gruppen spielen, betreut und angeleitet von der Kindergärtnerin. Mitten drin und unauffällig die schulische Heilpädagogin, die sich um ein behindertes Kind kümmert.

Derweil schreiben und redigieren die Fünftklässler in Gruppen Geschichten, vier Kinder brauchen dabei besondere Begleitung und erhalten sie von einer zweiten Fachperson; unterdessen arbeitet der Klassenlehrer mit dem Rest der Klasse. Auf der Oberstufe schreiben einzelne Schüler höchst konzentriert; in diesem Schulzimmer darf nicht gesprochen werden.

Eine andere Gruppe bespricht nebenan mit dem Lerncoach die Lernfortschritte; zwei Schülerinnen erhalten individuellen Unterricht in Französisch, andere arbeiten im Klassenverband, angesagt ist hier Teamteaching. Die Kinder wirken motiviert, man merkt: Hier wird gelernt, hier wollen die meisten lernen. Klar wird auch, dass diese Art von Unterricht sehr aufwendig ist und nur funktionieren kann, wenn sich das ganze Lehrerteam darauf einlässt.

Ursula Rey, Stufenleiterin Mittelstufe, sagt, weshalb die Schule Untersiggenthal geradezu Werbung für die integrative Schulung macht.

Ursula Rey, Stufenleiterin Mittelstufe, sagt, weshalb die Schule Untersiggenthal geradezu Werbung für die integrative Schulung macht.

Ja, die Schule ist kompliziert und heterogen geworden, das ist hier offensichtlich. Die Schüler bringen höchst unterschiedliche Voraussetzungen mit in Bezug auf Erziehung und Fähigkeiten. «Es wäre völlig falsch zu meinen, die Integrative Schulung sei die Ursache dieser Komplexität und Heterogenität», sagte Silvia Mallien. Im Gegenteil: Integrative Schulung sei die einzige Antwort darauf. Und ein Verbot der Integrativen Schulung ändere rein gar nichts an der Heterogenität der Gesellschaft.

Wichtige Heilpädagogik

Auch was den Einsatz der integrierten Heilpädagogik betrifft, lieferte der Schulbesuch klare Hinweise. Dank der Heilpädagogin ist die Lehrperson während einiger Stunden nicht allein im Unterricht. Die Heilpädagogen kümmern sich individuell um schwache und starke Schüler. So profitiert rund ein Drittel der Schüler von der Anwesenheit der Heilpädagogin, auch wenn für sie weder individuelle Lernziele noch verstärkte Massnahmen vorgesehen sind.

Die schulische Heilpädagogin Sonja Sacher sagt, wie sich die integrative Schulung in Untersiggenthal bewährt hat.

Die schulische Heilpädagogin Sonja Sacher sagt, wie sich die integrative Schulung in Untersiggenthal bewährt hat.

Könnte man die Arbeit der Heilpädagogen nicht an günstigere Hilfskräfte delegieren, etwa an pensionierte Lehrpersonen, lautete eine Frage, die von den Lehrpersonen vehement verneint wurde: Die schulischen Heilpädagogen übernehmen Funktionen im Unterricht, die eine professionelle Ausbildung voraussetzen. Die Lehrer räumten aber ein, dass die IS nicht für alle Schüler die beste Schulform sei, dass es auch Schwierigkeiten mit verhaltensauffälligen Schülern gebe.

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