Jugend-Sinfonieorchester
Dirigent: «Unser Projekt ist reiner Luxus. Gibt es etwas Schöneres?»

Das Jugend-Sinfonieorchester Aargau rüstet sich für seine Wintertournee – ein Probenbesuch in der Alten Kirche Boswil.

Elisabeth Feller
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Das Jugend-Sinfonieorchester probt mit Dirigent Hugo Bollschweiler für die Wintertournee. Eddy Schambron

Das Jugend-Sinfonieorchester probt mit Dirigent Hugo Bollschweiler für die Wintertournee. Eddy Schambron

Eddy Schambron

Was wird mich erwarten?», fragt sich die Besucherin, als sie aus dem Zug steigt. Dichter Nebel liegt über Boswil, sodass sie nicht umhinkommt, an den einst berühmt-berüchtigten Londoner «Heavy Fog» und damit an viele Krimis zu denken. Ein Thriller, denkt sie hoffnungsfroh, könnte sich an diesem Morgen auch in Boswil abspielen. Tatort ist die Alte Kirche. «Täter» sind das Jugend-Sinfonieorchester Aargau (JSAG) und sein Dirigent Hugo Bollschweiler. Sie haben, wie es die Tradition will, Grosses vor in der letzten Woche des alten Jahres: Das Einstudieren des Winterprogramms, mit dem sie im Januar auf Tournee gehen.

Während einer Woche gehen sie im Künstlerhaus ein und aus, wobei die Alte Kirche Dreh- und Angelpunkt ist, um «Bachianias» zu erarbeiten; ein Titel, der mehr an die Karibik denken lässt als an den stets so ernst von Gemälden blickenden Komponisten Johann Sebastian Bach aus Leipzig. Wie es sich mit dem Programm verhält, wird Hugo Bollschweiler wohl verraten. Sicher, aber etwas später.

Wo das Jugend-Sinfonieorchester zu hören ist: die Tourneedaten

Das Jugend-Sinfonieorchester Aargau (JSAG) wurde 2005 gegründet. Das Vermittlungs- und Bildungsprojekt ist kantonaler Schwerpunkt des Künstlerhauses Boswil im Bereich der musikalischen Nachwuchsförderung. Das Projekt bringt jedes Jahr im Januar und im August begabte musikbegeisterte Jugendliche aus dem Kanton Aargau und Umgebung im Alter von 17 bis 25 Jahren zusammen. Dirigent des JSAG ist Hugo Bollschweiler. Auf dem Programm der diesjährigen Wintertournee stehen folgende Werke:

Johann Sebastian Bach: Ricercar aus dem Musikalischen Opfer BWV 1079 für Klavier solo (Solist: Hu Jung); Johann Sebastian Bach, arrangiert von Anton Webern: Fuga (2. Ricercata) a 6 voci für Orchester; Ernest Bloch: Concerto grosso Nr. 1 für Streichorchester und Klavier sowie Johannes Brahms: Sinfonie Nr. 4 e-Moll op. 98. Die Konzerte finden an folgenden Daten statt: Sonntag, 3. Januar, Alte Kirche Boswil, 11 Uhr; Donnerstag, 7. Januar, Kirche St. Peter, Zürich, 20 Uhr; Freitag, 8. Januar, Stadtkirche Zofingen, 20 Uhr; Sonntag, 10. Januar, Kultur- und Kongresszentrum Aarau, 11 Uhr. (EF)

Genug der Erläuterungen – ab auf die Empore, um zu lauschen. Der letzte Satz von Brahms vierter und letzter Sinfonie wird geprobt. Man traut seinen Ohren nicht: Der Klang ist satt, aber nie fett; die Bläser mischen sich hervorragend mit den Streichern. Welche Musik! Nicht sieghaft-strahlend wie bei Beethoven, sondern mit «Untiefen und Ecken» überraschend, von denen Bollschweiler später sprechen wird. «Brahms verarbeitet im letzten Satz ein an Bach angelehntes Thema. Über der gross angelegten Passacaglia-Form lässt er 30 Variationen laufen. Wo gibt es das sonst? Nirgendwo». Für Brahms sei Bach ein Gott gewesen, betont der Dirigent und schwärmt von «der wahnsinnigen Komplexität» der vierten Sinfonie mit dem abrupt endenden Finale. Dann kommt er auf Bach und «Bachianas» zu sprechen. «Vom Komponisten Max Reger stammt der Satz: Bach ist Ende und Anfang aller Musik. Tatsächlich ist Bach Kult; er ist Übervater der Komposition – unerreicht in seinen Fähigkeiten. Bach ist seit Jahrhunderten eine prägende Gestalt und eine Reflexions-Figur. Seine Tonsprache ist in ihrer Zeitlosigkeit unvergleichlich.»

Hugo Bollschweiler hält inne und blickt sein Gegenüber so an, als ob er fragen wollte: «Ist es da nicht folgerichtig, dass unser Winterprogramm von Bach bestimmt ist?» Klar, will man beipflichten, aber da gibt es ein Stühlerücken und ein Aufbrechen: Pause. Der Gast sagt, wie sehr ihn soeben das fordernd-fördernde Feilen des Dirigenten beeindruckt habe. Der wievielten Probe ist das formidable Ergebnis zu verdanken? «Der ersten», sagt Hugo Bollschweiler und setzt strahlend hinzu: «Unser Projekt ist Luxus. Uns wird die Alte Kirche für eine Woche zur Verfügung gestellt; wir proben in einer einmaligen Atmosphäre. Gibt es etwas Schöneres?»

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