Was wird mich erwarten?», fragt sich die Besucherin, als sie aus dem Zug steigt. Dichter Nebel liegt über Boswil, sodass sie nicht umhinkommt, an den einst berühmt-berüchtigten Londoner «Heavy Fog» und damit an viele Krimis zu denken. Ein Thriller, denkt sie hoffnungsfroh, könnte sich an diesem Morgen auch in Boswil abspielen. Tatort ist die Alte Kirche. «Täter» sind das Jugend-Sinfonieorchester Aargau (JSAG) und sein Dirigent Hugo Bollschweiler. Sie haben, wie es die Tradition will, Grosses vor in der letzten Woche des alten Jahres: Das Einstudieren des Winterprogramms, mit dem sie im Januar auf Tournee gehen.

Während einer Woche gehen sie im Künstlerhaus ein und aus, wobei die Alte Kirche Dreh- und Angelpunkt ist, um «Bachianias» zu erarbeiten; ein Titel, der mehr an die Karibik denken lässt als an den stets so ernst von Gemälden blickenden Komponisten Johann Sebastian Bach aus Leipzig. Wie es sich mit dem Programm verhält, wird Hugo Bollschweiler wohl verraten. Sicher, aber etwas später.

Zunächst gibts erst einmal Musik. Vielmehr: Dann, wenn alle Musikerinnen und Musiker auf ihren Plätzen angelangt sind. Die Suche danach amüsiert den auf den Treppenstufen zur Empore sitzenden Dirigenten – die Besucherin ist baff. Weshalb ist das Orchester dort platziert, wo ansonsten das Publikum sitzt? Das ist doch … «Ungewöhnlich?», fragt der Dirigent den Gast. «Und ob», sagt dieser. Die neue Positionierung ist rasch erklärt. «Wir waren mit der klassischen Aufstellung, die den Bläsern weit hinten Plätze zuordnet, nie richtig glücklich. Also haben wir nach einer Orchesterbestuhlung gesucht, die keine Instrumentengruppe benachteiligt und wo sich der Klang in diesem für ein Ensemble unserer Grössenordnung, nicht sonderlich riesigen Raum entfalten kann. Deshalb befinden wir uns nun mitten in der Kirche.» Wobei man sogleich hinzufügen muss: Den JSAG-Klang gibt es nicht – er wird jedes Mal aufs Neue erschaffen: im Winter mit etwa 60 Musikerinnen und Musikerin; im Sommer mit 70. Apropos: Was anfänglich als Laienorchester begann, ist heute ein Klangkörper, der mit 50 Prozent Musikstudierenden besetzt ist.

Genug der Erläuterungen – ab auf die Empore, um zu lauschen. Der letzte Satz von Brahms vierter und letzter Sinfonie wird geprobt. Man traut seinen Ohren nicht: Der Klang ist satt, aber nie fett; die Bläser mischen sich hervorragend mit den Streichern. Welche Musik! Nicht sieghaft-strahlend wie bei Beethoven, sondern mit «Untiefen und Ecken» überraschend, von denen Bollschweiler später sprechen wird. «Brahms verarbeitet im letzten Satz ein an Bach angelehntes Thema. Über der gross angelegten Passacaglia-Form lässt er 30 Variationen laufen. Wo gibt es das sonst? Nirgendwo». Für Brahms sei Bach ein Gott gewesen, betont der Dirigent und schwärmt von «der wahnsinnigen Komplexität» der vierten Sinfonie mit dem abrupt endenden Finale. Dann kommt er auf Bach und «Bachianas» zu sprechen. «Vom Komponisten Max Reger stammt der Satz: Bach ist Ende und Anfang aller Musik. Tatsächlich ist Bach Kult; er ist Übervater der Komposition – unerreicht in seinen Fähigkeiten. Bach ist seit Jahrhunderten eine prägende Gestalt und eine Reflexions-Figur. Seine Tonsprache ist in ihrer Zeitlosigkeit unvergleichlich.»

Hugo Bollschweiler hält inne und blickt sein Gegenüber so an, als ob er fragen wollte: «Ist es da nicht folgerichtig, dass unser Winterprogramm von Bach bestimmt ist?» Klar, will man beipflichten, aber da gibt es ein Stühlerücken und ein Aufbrechen: Pause. Der Gast sagt, wie sehr ihn soeben das fordernd-fördernde Feilen des Dirigenten beeindruckt habe. Der wievielten Probe ist das formidable Ergebnis zu verdanken? «Der ersten», sagt Hugo Bollschweiler und setzt strahlend hinzu: «Unser Projekt ist Luxus. Uns wird die Alte Kirche für eine Woche zur Verfügung gestellt; wir proben in einer einmaligen Atmosphäre. Gibt es etwas Schöneres?»