Zu Risiken und Nebenwirkungen von Medikamenten soll bekanntlich immer die Packungsbeilage gelesen und der Arzt oder Apotheker konsultiert werden. Alternativ kann man auch Martin Ostermaier fragen – die Antwort fällt dann aber etwas komplizierter aus. Der Biochemiker aus Bayern hat an der ETH Zürich und am Paul-Scherrer-Institut (PSI) in Villigen zu den G-Protein-gekoppelten Rezeptoren (GPCR) doktoriert.

Diese übertragen die Signale von Wirkstoffen vom Zelläusseren ins Zellinnere und lösen dort Reaktionen aus – erwünschte, aber häufig eben auch unerwünschte. Morphin etwa betäubt zwar Schmerzen, macht gleichzeitig aber auch abhängig. Ostermaier erhofft sich, mit seiner InterAx Biotech AG die Nebenwirkungen in einem frühen Wirkstoff-Entwicklungsstadium erkennen zu können und damit die Entwicklung von besseren Medikamenten zu ermöglichen.

Die Jury der SwissUpStart Challenge, die gestern Abend an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Brugg-Windisch über die Bühne ging, hat das im Frühling als PSI-Spin-off gegründete Aargauer Start-up schon mal überzeugt – auch wenn es nicht viel Greifbares vorzuzeigen gibt. Das Hauptprodukt der InterAx ist der sogenannte Biosensor: ein modifiziertes natürliches Molekül, das im Zellinneren an das GPCR angedockt wird. Während bisherige Biosensoren lediglich feststellen können, ob ein Medikament wirkt oder nicht, ermöglichen die Moleküle der InterAx die Unterscheidung in positive und negative Effekte. «Wir rechnen damit, dass wir die Suche nach Wirkstoffen damit um zehn Prozent verbessern können», sagt Ostermaier.

Einsparungen in Millionenhöhe

Das tönt nach nicht sehr viel, in Anbetracht der riesigen Summen, die Pharmafirmen in die Entwicklung von Medikamenten stecken, würde diese Verbesserung aber enorme Kosteneinsparungen bringen. Von 10 000 Substanzen, die in den Forschungslabors untersucht und geprüft werden, gelangen laut dem Verband Interpharma zehn Substanzen in die teure Phase der klinischen Studien.

Davon besteht nur gerade eine Substanz alle klinischen Tests und kommt später als Medikament in den Handel. Dank der InterAx-Biosensoren müssten die Pharmafirmen pro erfolgreiches Medikament also nur noch neun statt zehn Substanzen an Tier und Mensch testen – was eine Kostensenkung von rund 100 Millionen Franken pro Medikament bedeuten würde.

Bei diesen astronomischen Beträgen wirken die 3,5 Millionen Franken fast schon bescheiden, die Ostermaier mit seinen beiden Mit-Gründern Luca Zenone und Aurélien Rizk in zwei Finanzierungsrunden auftreiben will. Allerdings plant InterAx auch nicht, selber Wirkstoffe an Patienten zu testen. Vorerst konzentriere man sich auf die Weiterentwicklung von Biosensoren und der eigenen Software zur Auswertung der Reaktions-Daten, so Ostermaier.

«In den nächsten zwei, drei Jahren wollen wir auch Wirkstoffe entdecken und diese für die klinischen Studien an Pharmafirmen auslizenzieren oder verkaufen.» Einfach ist dies nicht. «Die grossen Pharmafirmen sind eher konservativ», weiss der Jungunternehmer. «Anders als die mittleren und kleineren Biotechfirmen setzen sie auf Optimierung von Standardmethoden statt auf innovative Wagnisse.»

Trotzdem sind erste Kontakte geknüpft, und für den ersten fertigen Biosensor läuft bereits die Suche nach einem Pharma-Partner. Der Sensor soll die Wirkstoffsuche für die zurzeit noch unheilbaren erblichen Augenkrankheiten Retinitis Pigmentosa ermöglichen.

Investitionspläne in Villigen

Einfacher wäre es natürlich, mit dem Verkauf der patentierten Technologie, die der Forscher Ostermaier am PSI entwickelt hat, richtig Kasse zu machen. Aber er und sein Team möchten das gesamte Potenzial ausschöpfen – und natürlich auch das Start-up-Abenteuer nicht verpassen. Im Park Innovaare, der neben dem PSI hochgezogen wird, planen sie den Bau von Labors, aus denen 2018 die ersten Wirkstoffe kommen könnten.

Erst kürzlich war Ostermaier für Treffen mit potenziellen Investoren und Workshops eine Woche lang in Boston. «Was dort im Biotech-Bereich angesiedelt ist, hat vielleicht etwas mehr Glanz», sagt er.

Daran, dass Villigen der richtige Standort für die InterAx ist, zweifelt er trotzdem nicht. Er schätzt die Forschung in Europa, und besonders in der Schweiz. «Das PSI und die ETH sind weltweit bekannt für ihre wegweisende Forschung.» Und US-Geldgeber zu finden, ist ja auch für ein Schweizer Start-up möglich.

In der Regel bevorzugten es Risiko-Kapitalgeber zwar, in ihrem näheren Umkreis zu investieren, so Ostermaier. «Aber wenn das Potenzial der Geschäftsidee gross genug ist, können wir auch jemanden aus Boston herholen.»

Und gross ist das Potenzial zweifellos: Nur jeder sechste der 370 krankheitsverursachenden G-Protein-gekoppelten Rezeptoren kann derzeit mit Medikamenten reguliert werden. «Den Rest können wir schaffen», meint Ostermaier schmunzelnd. Die Arbeit wird den drei Jungunternehmern also so schnell nicht ausgehen.

Ein Podestplatz und ein Pilotprojekt in Griechenland

In den letzten drei Jahren haben die Gründer der Buchser Boxs AG ihre «Boxshelter» entwickelt: Eine modular aus Sandwichpaneelen aufgebaute Flüchtlingsunterkunft, welche die besten Eigenschaften von Zelten und Containern vereint. Dass der Weg stimmt, zeigt der Einzug unter die besten 3 von ursprünglich rund 50 Jungunternehmen in der Kategorie Wirtschaft der SwissUpStart Challenge. Auch die Auslieferung eines ersten 17-Quadratmeter-Moduls steht kurz bevor. Man plane ein Pilotprojekt mit der in Griechenland aktiven Hilfsorganisation Nurture Project International, sagt Andreas Liniger. «Sofern alles reibungslos verläuft, sind wir bis Ende Jahr im Flüchtlingscamp in Kalochori.» Das Nurture Project betreut dort schwangere Mütter und Säuglinge, der «Boxshelter» soll als Rückzugsort aus dem Alltagsstress im Flüchtlingslager dienen. Einen Teil der Finanzierung des ersten Moduls leistet die Boxs AG selber, denn es soll auch als Referenz-Projekt für die künftige Kundensuche dienen und dem Team erste Feld-Erfahrungen ermöglichen. «Im Flüchtlingslager sind auch andere Hilfsorganisationen aktiv», so Liniger. «Wir erhoffen uns dank des Moduls
vor Ort mehr Visibilität.» (per)