Schnee liegt in Brittnau, und es ist bitterkalt. Doch Stefan Ostrowski kümmert das wenig. Er holt sein Trottinett aus dem Schopf und zeigt, was er fast täglich tut: Trottinettfahren, drei bis vier Kilometer pro Trainingseinheit. Der Weiler oberhalb des Dorfes, wo er zusammen mit seiner Frau Julianna in einem alten Bauernhaus wohnt, liegt dafür ideal. Der 86-jährige Ostrowski mag die wenig befahrenen Strassen im leicht coupierten Gelände. Ohne Handschuhe, nur mit wattierter Jacke und Cap mit dem Emblem des FC Barcelona gegen die steife Brise geschützt, fährt er zügig und mit grosser Ausdauer durch die Landschaft.

«Ein 70-Jähriger hätte wohl schon Mühe, mit mir mitzuhalten»

«Ein 70-Jähriger hätte wohl schon Mühe, mit mir mitzuhalten»

Stefan Ostrowski spricht über das Trottinett-Fahren und seinen Wunsch, jemanden zu finden, der es mit ihm aufnehmen kann.

Nach jedem Training fühle er sich pudelwohl, voller Tatendrang und höchst zufrieden mit sich und der Welt. Doch eine Sache beschäftigt ihn. Ostrowski vermutet, dass er den Weltrekord über 100 Meter in der Alters-kategorie Ü 80 hält. Aber er weiss es nicht sicher. Das beschäftigt ihn. In 19,89 Sekunden hat er 2016 auf der Laufbahn der Trinermatte in Zofingen die Strecke absolviert.

Ein stolzer Schweizer

Stefan Ostrowski stammt ursprünglich aus Ungarn und ist 1956 zusammen mit seiner Frau aus Budapest in den Westen geflüchtet. Ziel der Flucht waren die USA; in der Schweiz war nur ein Zwischenhalt geplant. Doch dann hat es den Ostrowskis in Zofingen so gut gefallen, dass sie geblieben sind. Vor allem zwei Gründe sprachen für die Schweiz: «Ich fand sofort Arbeit als Mechaniker», sagt Ostrowski, «und die Nähe zu Ungarn war wichtig.»

In Ungarn war Ostrowski ein talentierter Amateurboxer im Leichtgewicht, hatte eine Lehre als Mechaniker absolviert und ebenfalls die Ausbildung als Physiotherapeut. Als er gut genug deutsch konnte, legte er in der Schweiz die notwendigen Zulassungsprüfungen ab, um auch hier als Physiotherapeut arbeiten zu können. «Wir haben uns schnell integriert und sind gerne Schweizer geworden», sagt Ostrowski. Er ist stolz darauf, dass er nicht, wie es üblich sei, erst nach zehn Jahren den Schweizer Pass erhalten habe, sondern schon ein paar Jahre früher. Wie viele es genau waren, weiss er nicht mehr. Das Schweizer und das Aargauer Fähnchen an seinem Trottinett bezeugen, dass sich Stefan Ostrowski durch und durch mit Kanton und Land verbunden fühlt. Stolz ist er auch auf seinen Sohn, der es seinerzeit im Fussball in eine nationale Juniorenauswahl geschafft hat und ebenso in die erste Mannschaft des FC Aarau in der Saison 1984/85.

Bis zu seiner Pensionierung führte Stefan Ostrowski mehr als 30 Jahre lang eine eigene Praxis als Physiotherapeut in Solothurn. Sportliche Betätigung ist ihm bis heute wichtig geblieben: Zweimal täglich absolviert er seine Gymnastikübungen – und er fährt Trottinett.

Herausforderer bitte melden!

Anfänglich stoppte noch seine Frau Julianna, mit der Ostrowski seit über 60 Jahren verheiratet ist, die Zeit seiner Rennfahrten. Doch beim Rekordversuch vor zwei Jahren war das ganz anders. Die rasante Fahrt über 100 Meter ist gut dokumentiert, eine professionelle Zeitmessungsanlage war im Einsatz, dazu eine Reihe von Funktionären und viel Publikum. Zudem wurde die Fahrt aufgezeichnet.

Aber das alles nützt Ostrowski wenig. Es lässt sich nicht feststellen, ob seine gefahrene Zeit auch tatsächlich Weltrekord ist. Auch die Redaktion des Guinnessbuchs der Rekorde hat ihm einen Korb erteilt: Mangels Vergleichswerten kann die Zeit nicht als Rekord anerkannt werden.

Deshalb will nun Ostrowski Nägel mit Köpfen machen: Er sucht einen Herausforderer, der gegen ihn über die Distanz von 100 Metern antritt. Sein Gegner sollte etwa gleich alt sein; aber er würde es auch mit einem Mann in den 70ern aufnehmen, sagt Ostrowski. Gefahren wird mit dem Trottinett; möglicherweise wird Ostrowski dann auf ein Renntrottinett mit schmalen, dafür besonders schnellen Pneus setzen. Ausgetragen werden soll das Trottinett-Duell im Rahmen der nächsten Leichtathletik-Schweizer-Meisterschaften am 13. und 14. Juli in Zofingen.

Bisher ist allerdings noch kein Herausforderer in Sicht. Deshalb hat sich Stefan Ostrowski an die Medien gewandt, in der Hoffnung, dass sich auf diesem Weg doch mindestens ein Gegner finden lässt. Wer es wagen mag, soll sich direkt bei Ostrowski melden. Er ist zuversichtlich, dass jetzt endlich jemand auftaucht, der gegen ihn antreten will und das Trotti-Duell wagt. Inzwischen trainiert der 86-Jährige unermüdlich weiter; Wind und Wetter sind da kein Hindernis.