Abenteuer
Dieser Aargauer wagt sich unter die hungrigen Bären in Alaska

David Bittner, Fachspezialist Fischerei beim Kanton, war auf einer Reise in Alaska. Diese war für ihn mit Wehmut verbunden: So musste er beispielsweise beobachten, wie sich die Bären wegen Nahrungsknappheit gegenseitig frassen.

Manuel Bühlmann
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«Gefährlich wurde es nie»: David Bittner kann sich den Bären bis auf wenige Meter nähern. Hier begegnet er Joya.

«Gefährlich wurde es nie»: David Bittner kann sich den Bären bis auf wenige Meter nähern. Hier begegnet er Joya.

PAUL SOUDERS

Aarau statt Alaska, Bürokollegen statt Bären – David Bittner ist zurück von seiner Reise in die nordamerikanische Wildnis, wo er knapp drei Wochen die bis zu 800 Kilogramm schweren Tiere beobachtete. Der Fachspezialist Fischerei beim Kanton Aargau reist seit Jahren in die abgelegene Region, doch dieses Mal sei sehr speziell gewesen, sagt der 39-Jährige – nicht nur, weil er so kurz wie noch nie dort war.

Herr Bittner, Sie sind vor einigen Tagen aus Alaska zurückgekehrt und sprechen von einer speziellen Reise. Warum?

David Bittner: Seit 14 Jahren bin ich in diesem Gebiet unterwegs, doch noch nie habe ich dort so wenig Lachse gesehen. Niemand weiss, warum das so ist. Vermutlich sind Algen im Pazifik dafür verantwortlich. Die Menge der Lachse schwankt von Jahr zu Jahr. Doch das jetzt war ein absoluter Tiefschlag. Einige Bären sind unterernährt, das wirkt sich auch auf ihr Verhalten aus.

Inwiefern?

Die Lachse sind die Hauptnahrung der Bären, die sich nun auf weiten Wanderungen ihr Essen suchen müssen. Das hat dazu geführt, dass ich deutlich weniger Braunbären angetroffen habe als sonst. Auch Bruno, Balu und Luunie, zu denen ich bei meinen früheren Reisen eine Beziehung aufbauen konnte, waren nicht an den üblichen Orten anzutreffen. Das ist ungewöhnlich, weil diese Bären normalerweise sehr standorttreu sind. Ich vermute, dass sie der Hunger in eine andere Gegend getrieben hat, weiss aber nicht, wie es ihnen geht. Das ist traurig. Dennoch haben wir jeden Tag Bären gesehen und schöne Begegnungen mit ihnen erlebt.

Mitten unter hungrigen Bären – keine beängstigende Vorstellung?

Nein, gefährlich wurde es nie. Es gab in der ganzen Zeit keine heiklen Momente. Den Pfefferspray, den ich für den Notfall immer bei mir trage, musste ich in all den Jahren erst einmal einsetzen. Gegenüber dem Menschen verhalten sich hungrige Bären grundsätzlich nicht anders als sonst, dafür nehmen die Konflikte untereinander zu. Mit Dominanzverhalten zeigen sie sich gegenseitig, wer der Chef ist und Zugang zu den besten Fischplätzen erhält.

Bleibt es bei harmlosen Spielen?

Nicht immer, auf einer Insel vor der Küste habe ich beobachtet, wie ein grösserer Bär einen jüngeren Artgenossen gefressen hat. Ein anderes Jungtier, wahrscheinlich ein Geschwister, schaute zu. Ein brutales Erlebnis. Aber Kannibalismus unter Tieren kommt in Zeiten von Nahrungsmangel vor. Die zwei jungen Bären sind wohl in der Hoffnung auf Essen zur Insel geschwommen, in früheren Jahren habe ich das nie gesehen. Allerdings hatte es auch Vorteile, dass weniger Bären da waren. Das schafft freien Raum für andere Tiere. Es gab einige tolle Begegnungen mit Wölfen, die mich sehr fasziniert haben.

Nun sind Sie zurück im Aargau. Steht schon fest, wann Sie das nächste Mal nach Alaska fliegen?

Nein, nicht konkret, nächstes Jahr ist eine Familienreise geplant – aber ohne Bären. Wann ich wieder dorthin zurückkehre, ist offen. Deshalb war diese Reise für mich auch mit Wehmut verbunden, ich wollte meine Bären wieder sehen und mich von ihnen verabschieden. Das hat nun leider nicht geklappt. Sicher werde ich in den nächsten Jahren wieder nach Alaska reisen – aber vermutlich in eine andere Gegend.

Warum?

Der Tourismus nimmt auch in diesem Teil von Alaska zu. Deshalb werde ich künftig in abgelegenere Gebiete reisen, die noch schwieriger zu erreichen sind. Die Zeit ist reif für eine neue Region, um dort wieder bei null anzufangen und Beziehungen zu anderen Bären aufzubauen. Aber selbstverständlich werde ich auch an die Orte zurückkehren, wo ich so viele schöne Begegnungen mit Balu, Luunie, Joya und Co. erleben durfte. Und das natürlich mit der ganzen Familie.

Vorträge von David Bittner: 28. 10. Oberstufenschulhaus Oberentfelden, 20 Uhr; 4. 11. Umweltarena Spreitenbach, 14 Uhr. Weitere Infos auf www.davidbittner.ch