Herzstillstand
Diese zwei Männer beweisen: Jeder kann Leben retten

Matthias Schmid rettete Robert Hiltys Leben. Während die Ambulanz 23 Minuten auf sich warten liess, führte er eine Herzdruckmassage aus. Sieben Rippen sind dabei gebrochen, die Milz ist gerissen - aber Hilty überlebte dank Schmids Courage.

Aline Wüst
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Der 63-jährige Unternehmer Robert Hilty (links) aus Rombach hatte an genau diesem Ort einen Herzstillstand. Der Aarauer Zahnarzt Matthias Schmid rettete ihm das Leben. Emanuel Freudiger

Der 63-jährige Unternehmer Robert Hilty (links) aus Rombach hatte an genau diesem Ort einen Herzstillstand. Der Aarauer Zahnarzt Matthias Schmid rettete ihm das Leben. Emanuel Freudiger

EMANUEL PER FREUDIGER

Es war ein Montagabend um 17.55 Uhr, als Robert Hiltys Herz aufhörte zu schlagen. Einfach so.

Es dauerte 23 Minuten, bis die Ambulanz eintraf. In dieser Zeit kann man einmal mit dem Interregio von Baden nach Aarau fahren. Die Chancen, zu überleben, sind gering. Robert Hilty lebt. Keine Schäden, nichts.

Zu verdanken hat er das Matthias Schmid. 23 Minuten lang macht der Zahnarzt Herzdruckmassage. Sieben Rippen sind dabei gebrochen, die Milz ist gerissen.

Man könnte sich nun darüber auslassen, dass die Ambulanz 23 Minuten brauchte. Doch davon will Robert Hilty nichts wissen. «Das ist Pech. Punkt und fertig.» Wichtig ist, dass jemand den Mut hatte, zu handeln.

«Es muss gut kommen»

Es war ein warmer Abend im August 2012. Im Zentrum der Demokratie in Aarau fand der jährliche Spätsommeranlass statt. Bundesrätin Doris Leuthard sollte eine Rede halten.

Viele Leute waren an diesem Abend nach Aarau gereist. Robert Hilty fuhr mit dem Fahrrad Richtung Zentrum für Demokratie (ZDA).

Er schwitze leicht, als er den Saal betrat, zog den Kittel aus, wechselte ein paar Worte mit einer Mitarbeiterin des ZDA und suchte sich einen der letzten freien Plätze – gleich neben der grossen Säule.

Er setzt sich hin. Im nächsten Augenblick kippte Hilty der Frau daneben auf den Schoss und fiel zu Boden. Die Menschen um ihn herum schrien nach einem Arzt.

Das war der Moment, als Matthias Schmid den Raum betrat. Sofort begriff er den Ernst der Lage und begann mit der Herzdruckmassage.

Es dauerte ganze fünf Minuten, bis er realisierte, wessen Leben er da zu retten versuchte: Robert Hilty war sein Reitlehrer und er selber war Hiltys Zahnarzt.

Während Matthias Schmid sich mit zwei Hebammen und dem ebenfalls anwesenden Zahnarzt Max O. Schmid um Robert Hilty kümmerte, war der Rest des Saals in einer Art Schockzustand. Die Bundesrätin wurde vor dem Eingang abgefangen. Der Anlass wurde abgesagt.

Schmid erinnert sich, dass er während der Wiederbelebung nur eines gedacht habe: «Es muss gut kommen.» Eine Herzdruckmassage sei harte Arbeit. Da könne man nicht wie in der amerikanischen Arztserie «Greys Anatomy» nebenher noch das nächste Date abmachen.

Jeder kann Herzdruckmassage

Unterdessen rief jemand Robert Hiltys Frau an. Sie traf zusammen mit dem Sohn zur gleichen Zeit ein wie die Ambulanz. Die Rettungssanitäterin bot zuerst einmal den Amtsarzt auf.

Ein Amtsarzt kommt bei einem aussergewöhnlichen Todesfall. Hiltys Frau unterhielt sich mit dem Amtsarzt – dachte, er sei Kardiologe.

Der Arzt vermied es tunlichst zu erwähnen, warum er hier war. Aber Schmid gab nicht auf. 30-mal pressen, zweimal beatmen.

Dann kam der Defibrillator zum Einsatz. Zwei Stromstösse brachten das Herz von Robert Hilty wieder zum Schlagen. 55 Minuten nach dem Herzstillstand war er im Kantonsspital und wurde sofort von Chefarzt André Georges Vuilliomenet operiert.

Sechs Tage später wachte er aus dem künstlichen Koma auf und konnte sich noch an die geheimsten Passwörter erinnern. Sonst wusste er nichts mehr. Da war auch kein Nahtoderlebnis.

Hilty ist Schmid dankbar. «Ohne ihn wäre ich heute nicht mehr da.»

Was Hilty beschäftigt: «Die Leute beschweren sich, wenn die Ambulanz lange braucht. Aber wenn alle fünf Rettungsfahrzeuge besetzt sind und man ist der Sechste, ist das einfach Pech.»

Eine Herzdruckmassage könne hingegen Leben retten. Man müsse es nur tun – auch, wenn man kein Arzt sei.

Matthias Schmid tat es fünf Monate später gleich noch einmal, als ein Mann beim Skifahren einen Herzstillstand hatte. Auch dieser Mann überlebte.