Coronavirus

«Diese Therapie ist absurd»: Wettinger Arzt rät auf Twitter zu Verzicht auf Corona-Medikament

Corona-kritischer Arzt Thomas Binder äussert sich zum Zwist mit den Behörden

Thomas Binder äussert sich zum Zwist mit den Behörden.

Auf Twitter empfiehlt der Kardiologe Thomas Binder einem Nutzer, das seinen Eltern verschriebene Corona-Medikament Hydroxychloroquin nicht anzuwenden. Bereits zuvor hatte der Kardiologe die Corona-Massnahmen kritisiert.

Nachdem er eine Woche zuvor nach einem Wortgefecht auf Twitter vom deutschen Virologen Christian Drosten blockiert wurde, gerät der Wettinger Arzt Thomas Binder erneut in den Fokus der Öffentlichkeit. Mit einer über Twitter verbreiteten Empfehlung sorgt Binder, der in der Vergangenheit immer wieder die Coronamassnahmen kritisiert hatte, für Aufsehen.

Ein Nutzer hatte ihm am Sonntagabend auf Twitter eine Anfrage gesendet. «Meine Eltern sind auf Corona positiv getestet worden. Sie haben Medikamente vom Arzt bekommen. Ich wollte Sie fragen, ob die in Ordnung sind?», heisst es in der mit einem Foto versehenen Nachricht auf dem Kurznachrichtendienst.

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Die darauf abgebildeten Medikamente, darunter das bei Lupus und Malaria zum Einsatz kommende Hydroxychloroquin, bezeichnet Binder in dieser Menge (möglicherweise bis 3200mg pro Tag) als hochtoxisch. Er rät zum Verzicht auf die Tabletten, von denen im Normfallfall nur 1-3 pro Tag verschrieben werden. «Wenn man dieses Medikament in einer derart hohen Dosis zu sich nimmt, dann ist das – pardon – aktive Sterbehilfe. So kann es zu Kammerflimmern kommen», sagt er auf Anfrage der AZ.

Oberster Aargauer Arzt: Ferndiagnosen sind gefährlich

Im ersten Moment habe er dem mutmasslich aus Frankfurt stammenden Nutzer nicht antworten wollen, weil ihm die Anfrage komisch vorkam. Trotzdem reagiert er knapp eineinhalb Stunden später. «Diese Therapie ist absurd und die Dosierungen sind viel zu hoch! Wenn sie nicht schwer erkrankt sind, empfehle ich gar keine Therapie dieser in der Regel selbstlimitierenden Erkrankung», schreibt er schliesslich auf Twitter. 

Drei Tage später machte «20minuten.ch» den Fall publik. Für seine Aussage erntet Binder Kritik von Jürg Lareida, dem Präsidenten des Aargauischen Ärzteverbandes. «Das ist eine Aussage, die sicher nicht richtig ist. Covid-19 ist bei Risikopatienten im hohen Alter eine sehr gefährliche Krankheit. Das hat nichts mit irgendwelchen tödlichen Medikamenten zu tun», so Lareida zu «20 Minuten». Es sei gefährlich, Ferndiagnosen über das Internet zu stellen.

Aufgrund der Angaben und den abgebildeten Tabletten – im Spital würde man antivirale Medikamente laut ihm als Infusion applizieren – sei er davon ausgegangen, dass die Eltern des Nutzers eine oligo- oder asymptomatische und nicht schwer verlaufende Corona-Erkrankung haben, sagt Binder zu diesem Zeitpunkt. Trotz der anfänglichen Skepsis fühlte sich der Kardiologe aufgrund der ärztlichen Sorgfaltspflicht zu einer Reaktion verpflichtet.

«Ich habe einfach gesehen, dass es sich dabei um eine hohe und potenziell gefährliche Dosierung von Medikamenten handelt», sagt er. «Diese sind bei uns in der Schweiz im ambulanten Setting ausserhalb kontrollierter klinischer Studien nicht zugelassen. Dies aus gutem Grund.» Er verstehe daher nicht, was an seiner Nachricht falsch sei. «Vielleicht habe ich ja durch einen einzigen Tweet zwei Leben gerettet», so Binder.

«Ich schaue mir jeden Patient jeweils seriös an»

Anders sieht das die Vereinigung der Schweizer Kantonsärzte. «Gemäss diversen gesetzlichen Vorgaben könnte dieses Verhalten die ärztliche Sorgfaltspflicht verletzen. Darüber müsste die zuständige Behörde entscheiden», so der Präsident Rudolf Hauri zu «20 Minuten».

Auf Anfrage bestätigt das Departement Gesundheit und Soziales (DGS), dass es Kenntnis von der Empfehlung des Arztes habe. «Das DGS hat diese Twitter-Empfehlung zu den Akten genommen und berücksichtigt dies für die allfälligen weiteren Vorgehensschritte», sagt ein Sprecher. Eine Beurteilung aus der Distanz sei heikel. Es sei aber unklar, ob die beiden Personen nur via Twitter in Kontakt standen. Ob das Twitterverhalten Konsequenzen nach sich zieht, kann derzeit nicht beurteilt werden.

Binder weist derweil darauf hin, dass es sich bei seiner Antwort um keine offizielle Diagnose gehandelt habe. Es sei nicht klar gewesen, von wem und in welcher Konstellation die sechzehn Tabletten pro Tag verschrieben wurden. Sowieso biete er keine diagnostischen oder therapeutischen Ratschläge über Twitter an. Aus Gründen der medizinischen Sorgfaltspflicht stelle er beispielsweise auch Maskendispensationen selten und nur an ihm gut bekannte eigene Patienten aus. «Ich schaue mir jeden Patient jeweils seriös an.»

Den Tweet, den er aus Gründen der Nachvollziehbarkeit nicht löschen möchte, würde er auch heute wieder absetzen: «Ansonsten könnte ich als Arzt nicht in den Spiegel schauen.» Angst, dass er mit seinem Engagement auf Twitter seiner Karriere schaden könnte, hat er nicht. Er sei jederzeit dazu bereit, dem Departement Gesundheit und Soziales bei Bedarf Hintergründe und Motivation für den Tweet zu erklären.

Unterstützung der Twitter-Follower ist ihm sicher

Bereits zu Beginn der Coronakrise hatte Thomas Binder für Aufsehen gesorgt. So wurde der 58-Jährige am späten Ostersamstagabend festgenommen, nachdem er laut der Aargauer Kantonspolizei zuvor Drohungen gegen Angehörige und Behörden verbreitet habe. Eine Sondereinheit überwältigte den Mann damals in Wettingen, bevor es zur Einweisung in eine psychiatrische Klinik kam.

Wie schon nach dem Vorfall vom 11. April stellen sich seine über 10'000 Follower auf Twitter auch heute wieder hinter Binder.  «Die Propagandamaschinerie läuft auf Hochtouren. Es wird noch viel schlimmer werden. Ich hoffe, die kritische Masse wacht auf, bevor es zu spät ist», schreibt ein Nutzer. «Das ist ja modernste Hexenjagd», meint wiederum eine Nutzerin. Wie viele seiner Follower findet Binder die Coronamassnahmen unverhältnismässig.

Auch im Gespräch mit der AZ weist er darauf hin, dass die Grippe keineswegs weniger schlimm als Corona sei. Wenn andere ihn deswegen als Corona-Verharmloser bezeichnen, sind sie für ihn Grippe-Verharmloser. «Kontaktschuld» nennt er es, dass unter seinen zahlreichen Followern auch Personen sind, welche gar die Existenz des Virus leugnen. «Das sind Randerscheinungen. Sowieso kann ich mir meine Follower nicht aussuchen», sagt er.

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