Ein Jahr danach
Diese Lehren haben die Aargauer Obstbauern aus dem Jahrhundertfrost gezogen

Die Landwirte im Aargau und in seinen Nachbarkantonen sind die grössten Produzenten von Kirschen und Zwetschgen der Schweiz. Viele Bauern traf der Jahrhundertfrost vom April 2017 hart. Die 8. Nordwestschweizer Obstbautagung in Eiken zeigte, was man daraus gelernt hat.

Mario Fuchs
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Im April vor einem Jahr versuchten Aargauer Obst- und Weinbauern – wie hier in der Region Zofingen –, ihre Pflanzen mit Kerzen vor dem Frost zu schützen.

Im April vor einem Jahr versuchten Aargauer Obst- und Weinbauern – wie hier in der Region Zofingen –, ihre Pflanzen mit Kerzen vor dem Frost zu schützen.

Raphael Nadler

Neben dem Rednerpult stehen grüne Ifco-Gitter mit rot- und goldbackigen Äpfeln: Arlet, Gala, Pinova – Topaz, Glocken, Diwa. Knapp 120 Obstbauern aus den Kantonen Aargau, Baselland und Solothurn nehmen am Mittwoch in den Tischreihen im grossen Theoriesaal des Zivilschutzzentrums Eiken Platz – so viele wie noch nie.

Vor ihnen stehen Körbchen mit Pausenäpfeln und Flaschen von «Farmer»-Apfelschorle, daneben liegt eine Broschüre mit dem Titel «Massnahmen gegen Frost», 1. Ausgabe, Januar 2018.

Der Frost war bei den Obst- und Weinbauern im Mittelland das Thema des Jahres 2017 – und beschäftigt sie weiterhin. «Es war das schlimmste Frostjahr seit über 30 Jahren», sagt Othmar Eicher vom Landwirtschaftlichen Zentrum Liebegg.

Immens waren die Schäden, als im April vor einem Jahr die Temperaturen in mehreren aufeinanderfolgenden Nächten unter den Gefrierpunkt fielen. Im Schnitt betrug der Ernteausfall in der Nordwestschweiz rund 75 Prozent.

Tief sitzt die Angst, dass das wieder passieren könnte. «Es war eine grosse Herausforderung für die Produzenten», sagt Max Stenz, Präsident des Verbands Aargauer Obstproduzenten (VAOP). Der VAOP lädt gemeinsam mit dem Baselbieter Obstverband und den Solothurner Obstproduzenten jeweils einmal im Jahr zur grossen Zusammenkunft. Das Ziel: Erfahrungen austauschen, voneinander und von Fachexperten lernen. Um es in Zukunft besser zu machen, weniger Schäden davonzutragen.

Verheerende Frost-Kombination

Das Problem, das vor einem Jahr trotz umfassender Vorsorgemassnahmen zu massivem Absterben von Blüten und jungen Früchten sorgte: eine sehr seltene Kombination von Frostarten.

Frost ist nicht gleich Frost. Es gibt den sogenannten Strahlungsfrost, wenn in sternenklaren Nächten die von der Erde abgestrahlte Wärme nicht von Wolken zurückgestrahlt wird. Es gibt den Strömungsfrost, wenn polare Kaltluft alle Luftschichten zum Abkühlen bringt und nahezu unbremsbar durch die Plantagen zieht.

Und es gibt die Verdunstungskälte, wenn die Feuchtigkeit an Pflanzen, die durch Schnee oder Regen nass wurden, verdunstet, und so die Pflanzentemperatur um bis zu vier zusätzlichen Grad senken kann. Zwischen dem 19. und 21. April 2017 kamen im Aargau alle drei Frostarten gleichzeitig vor – entsprechend schwierig war es für die Bauern, ihre Bestände wirkungsvoll zu schützen.

Einfrieren nützte am meisten

An diesem Januarmittwoch in Eiken erzählen drei Landwirte stellvertretend für ihre Kollegen von den gemachten Erfahrungen. Für Kurt Rennhard aus Leuggern, ist klar: «Egal, welches Mittel du wählst: Es braucht ein Probejahr im Voraus. Das Timing muss exakt stimmen, wenn es ernst gilt.» Er habe zum Glück bereits im Jahr davor Gelkerzen ausprobiert – und dank des positiven Eindrucks für 2017 zwei Paletten mit insgesamt 360 Kerzen bestellt. «Das war unser Glück, denn trotz vieler Telefonate gab es in jenen Tagen in ganz Europa keine Kerzen mehr zu kaufen.»

Auch bei Rennhard reichten die 360 Kerzen bei weitem nicht – denn er habe in der mit Folie und Netz gedeckten Plantage während fünf Nächten feuern müssen. Als ihm die Kerzen ausgingen, griff er auf Holzhackschnitzel zurück. «Am Tag probierten wir verschiedene Rezepturen aus: Wie viele Schnitzel? Wie anzünden? Wie lange brennen sie?»

So habe man mehr oder weniger erfolgreich mit dem Frost umgehen können. Im Nachgang konstruierte Rennhards Sohn den «Schnitzelblitz»: Mit der fahrbaren Kleinmulde können die Schnitzel künftig von einer Person schnell und in der gewünschten Menge zu brennbar portionierten Haufen ausgebracht werden. «Ein Patentlösung gibt es nicht. Jeder Betrieb muss selber herausfinden, wie er am besten zu Gange kommt», bilanziert Rennhard.

Andi Steinacher aus Schupfart erzählt: «Wir wollten bereits am Ostermontag mit Decken beginnen. Im Stress ging die Hebebühne beim Kollegen kaputt. Wir mussten Ersatz suchen und zusätzliches Personal über die Festtage finden.» Steinacher hatte in den letzten Jahren viele Frostschutzvarianten ausprobiert: etwa den «Frost-Guard», der mit einem Gasbrenner und einer kraftvollen Turbine warme Luft in die Plantage bläst; oder die sogenannte Unterkronenbewässerung, bei der die Pflanzen mit Wasser eingespritzt werden, das Wasser gefriert und so die Pflanzen isoliert.

Steinacher kam zum Schluss, dass das nicht mehr reicht, je nach Frucht hatte er 2017 teils gar keinen, teils viel weniger Ertrag. «Auf diesen Winter hin haben wir deshalb zum ersten Mal Frostkerzen bestellt.» Wichtig sei zudem, dass die Abdeckeinrichtung schnell bedienbar sei und man im Notfall Personal organisieren könne.

Christian Vogt aus Remigen fror seine Apfelbäume mit der sogenannten Überkronenberegnung ein – und fuhr damit einen Vollertrag ein. Allerdings verbrauchte er dafür 300 bis 400 Kubik Wasser pro Frostnacht und Hektare, und leerte so das Remiger Reservoir gleich zweimal hintereinander komplett.

Ausprobieren – und versichern

In einem waren sich die Landwirte einig: Auf Wetterprognosen sei viel zu wenig Verlass, es brauche genauere Vorhersagen. Recht gab ihnen Leonhard Steinbauer, eine österreichische Koryphäe von der Versuchsanstalt für Obst- und Weinbau in Haidegg, Steiermark.

Leonhard Steinbauer Versuchsanstalt für Obst- und Weinbau, Haidegg (AUT)

Leonhard Steinbauer Versuchsanstalt für Obst- und Weinbau, Haidegg (AUT)

RIO

Er wurde für die Tagung extra eingeflogen und hatte mit Kritik an den «Meteorolügen» die Sympathien sofort auf sicher. In der Steiermark hatte man in den Jahren 2016 und 2017 zwei Jahrhundertfröste in Folge. «Im ersten Winter hatten wir 88 Betriebe mit Schneedruckschäden bis zum Totalverlust. Und das waren die vorbildlichen, weil sie schnell waren im Zumachen der Schutzanlagen.»

Das Hauptproblem sei, dass der Austrieb der Blüten wegen des immer wärmeren Klimas in den letzten 20 Jahren um drei Wochen vorgerückt sei. Steinbauer rät den Nordwestschweizer Obstbauern zu Pragmatismus: Nur die guten, ertragsreichen Flächen ausrüsten und aktiv gegen Frost verteidigen – und über den Rest eine Frostschutzversicherung abschliessen.

Denn: «Schutzmassnahmen können die Nachteile eines nicht geeigneten Standortes nie und nimmer aufwiegen.» Er rät auch zum Ausprobieren: «Es gibt leider kein Patentrezept.» In der Steiermark versuche man es neuerdings mit Kaltluft-Drainagen: in Wälder, die direkt neben Plantagen liegen, werden Schneisen gehauen, damit sich Kaltluft nicht stauen kann.

Experten von CelsiusPro, einer Spezialistin für Wetterzertifikate, die etwa bei einer selbst gewählten Temperaturabweichung eine Entschädigungszahlung auslöst, sowie der Schweizer Hagel-Versicherung gaben praktische Tipps mit auf den Weg. Und der Aargauer Obstbau-Präsident Max Stenz zog sein Fazit: «Wir haben viel gelernt. Aber wir hoffen dennoch, dass der nächste Frost nicht in den nächsten 10 bis 20 Jahren eintritt.»

Auch die Aargauer Weinbauern kämpften mit Kerzen gegen Frostschäden:

Weil die Temperaturen in praktisch allen Anbaugebieten im Kanton bei minus 3 Grad und tiefer lagen, sind viele Reben erfroren.
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Dies ist zum Beispiel in Magden oder Zeiningen im unteren Fricktal der Fall.
Aber auch in Gebieten ohne grossen Niederschlag, wie in Ennetbaden oder Untersiggenthal, sind rund 30 bis 50 Prozent der Triebe erfroren.
Mit Frostkerzen versuchen Aargauer Weinbauern darum, das Schlimmste zu verhindern.
Allerdings ist das Verfahren aufwendig und relativ teuer, pro Hektare fallen rund 2500 Franken an.
Notwendig sind für diese Fläche etwa 200 Kerzen – und diese zu bekommen, istderzeit fast unmöglich.
Aargauer Weinbauern kämpfen mit Frostschutzkerzen gegen Schäden an ihren Reben.

Weil die Temperaturen in praktisch allen Anbaugebieten im Kanton bei minus 3 Grad und tiefer lagen, sind viele Reben erfroren.

Raphael Nadler

«Damit müssen wir wohl leben»

Warum der Aargauer Landwirtschaftsdirektor Markus Dieth in Eiken die Obstbauern lobte – und sich auch in Bern für sie einsetzt.

«Es ist schön, wenn man als Finanzdirektor auch mal etwas Handfestes wie Obst in die Hände nehmen kann», sagte Regierungsrat Markus Dieth zum Auftakt seiner Rede an der 8. Nordwestschweizer Obstbautagung. Und kam dann sofort auf das Thema des Tages, den Jahrhundertfrost vom April 2017, zu sprechen: auf den Plantagen habe damals «Weltuntergangsstimmung» geherrscht. Das Ereignis habe ihn sehr betroffen gemacht. Er habe deshalb die Lagebeurteilung nicht vom Schreibtisch aus vorgenommen, sondern sei vor Ort gegangen. «Mir war sofort klar, dass es unkomplizierte Lösungen braucht.» Folgende Sofortmassnahmen traf der Kanton:

- Verstärkte fachliche und mentale Unterstützung durch das Landwirtschaftliche Zentrum Liebegg

- Zinslose Betriebshilfedarlehen zur Sicherstellung der Liquidität (total 3 Anträge bewilligt)

- Stundungen von Investitionskrediten (betrifft 6 Schuldner)

Zudem setzte sich Dieth in Bern für die Aargauer Obstproduzenten ein, dies im Rahmen der Landwirtschaftlichen Direktorenkonferenz. Geprüft werden nun Unterstützungsmöglichkeiten über einen Elementarschadenfonds, die Entschädigung von Kurzarbeitszeit sowie Zukunftsstrategien in den Bereichen Infrastruktur, Prävention und Versicherung. «Der Bund hat sich unserer Anliegen angenommen», versicherte Dieth den Landwirten. Er sei sehr froh darüber, denn gerade Extremereignisse wie Spätfroste würden auch künftig eintreten: «Damit müssen wir wohl leben.» Umso wichtiger sei auch der Austausch innerhalb der Branche, wie etwa an dieser Tagung. «Sie zeigt, dass die Kooperation unter mehreren Kantonen ideal funktionieren kann.» Er pflege zu sagen: Wer nicht handle, werde behandelt. «Und Sie handeln!», lobte er die Landwirte.
Für den Aargau sei der Obstbau ein nicht wegzudenkender Leistungspfeiler. Das Wertschöpfungspotenzial mit sehr gutem Deckungsgrad mache ihn stolz – und er wolle alle motivieren: «Schöpfen Sie dieses noch stärker aus.» Der aktuelle Trend hin zu regional produzierten Nahrungsmitteln spiele hier in die Hände. Nicht nur, weil der regionale Absatzmarkt mit über 4,5 Millionen Einwohnern sehr gross sei, «sondern weil vor allem die Qualität Ihrer Produkte für sich spricht». Die Obstanlagen prägten zudem die Landschaft im positiven Sinn und leisteten einen Beitrag zur Biodiversität. Dieth schloss mit einem Sinnbild: «Lassen Sie es nicht beim Pflanzen eines Bäumchens bewenden, sondern setzen Sie das wertvolle Know-how auch um. Und machen Sie den Obstbau und die Landwirtschaft für die Kunden erlebbar.» (RIO)