Volksmusikfest
Diese Freiämter spielen Örgeli – mögen aber auch Rockmusik

Sie musizieren nicht unbedingt anders als die andern, aber sie legen die Volksweisen etwas anders aus: SöMM, die Schwyzerörgeli-Musig Mutschellen. Die Formation bereitet sich auf das Volksmusikfest in Aarau speziell gut vor.

Toni Widmer
Merken
Drucken
Teilen
Drei Örgeli und ein Kontrabass: (v. l.) Heinz Duttweiler, Tristan Gremper, Rolf Marti und Guido Künzler.

Drei Örgeli und ein Kontrabass: (v. l.) Heinz Duttweiler, Tristan Gremper, Rolf Marti und Guido Künzler.

Dominic Kobelt

Guido Künzler tanzt aus der Reihe. Er ist mit seinen 44 Jahren mit Abstand das jüngste Mitglied der Schwyzerörgeli-Musig Mutschellen, kurz SöMM. Und der Einzige des Quartetts, der nicht im Aargau wohnt, sondern im zugerischen Menzingen.

Nachgefragt – Christine Egerszegi, Ständerätin und OK-Präsidentin Frau Egerszegi, was bedeutet Ihnen die Volksmusik? Volksmusik ist Urmusik, sie ist uns am nächsten. Und sie ermöglicht uns, zusammen Musik zu machen, ganz spontan. Diese Fertigkeit darf nicht verloren gehen. Man kennt die Volkslieder nicht mehr. Im September 2012 nahm das Schweizer Stimmvolk die Initiative Jugend und Musik an, für die Sie sich an vorderster Front engagiert haben. Was darf man von deren Umsetzung erwarten? Die Initiative hat eine starke Bewegung ausgelöst. Ich erfuhr von Klassen, die seit Jahren nicht mehr gesungen hatten. Das wird anders: Ab 1. Januar 2016 werden an den Schulen Teamangebote Einzug halten, Angebote für Ensembles und Chöre, die Ausbildung zum Chorleiter und Dirigenten wird gefördert, es wird Musiklager geben. Der Zugang zum Singen und zur Musik wird für alle offen sein. Sie haben eine Ausbildung als Sängerin genossen und sind Politikerin geworden. Warum nicht Sängerin? Als Sängerin war ich zu wenig gut. Aber ich bin durch die Musik zur Politik gekommen. 1984 war ich in die Musikschulkommission von Mellingen gewählt worden und war Leiterin einer Musikschule mit 480 Schülerinnen und Schülern. Als eine Blockflötenlehrerin krank wurde und ihre Stellvertretung selber suchen sollte, sprach ich beim Stadtrat vor. «Das ist so, weil es bisher so funktioniert hat», mit dieser Antwort wollte ich mich nicht zufriedengeben. Also liess ich mich 1985 in die Schulpflege wählen. Die Musik lag mir immer am Herzen. Sie sind OK-Präsidentin des Eidgenössischen Volksmusikfestes in Aarau. Für Sie ein wichtiges Engagement? Auf jeden Fall. Ich freue mich, dass es uns gelungen ist, internationale Volksmusik in das Fest zu integrieren. Man soll Volksmusik nicht zu eng fassen. In den Schulen haben wir einen Wettbewerb ausgeschrieben, selber Musikinstrumente zu bauen. Die Kinder erfahren, dass sie mit einfachen Mitteln Musik machen können. Wir erinnern uns ja gern an Pfuri, Gorps und Kniri, die mit Schläuchen, Abfallsäcken und Spritzkannen Musik machten. Das Fest dient aber auch dazu, lieb gewonnene Traditionen zu pflegen. So steht der Festumzug unter dem Motto «Bewährtes erhalten - Zukunft gestalten». Worauf freuen Sie sich besonders? Ich freue mich auf alle vier Tage mit herrlicher Volksmusik und ganz vielen zufriedenen Besucherinnen und Besuchern. Ein besonders schönes Hörerlebnis werden uns die vielen Formationen auf den 18 Bühnen unter den wunderschönen Giebeln in der Altstadt bieten. Und ich bin gespannt auf den Gala-Abend in der Alten Reithalte mit dem Christoph Walter Orchestra, der Thomas Biasotto Big Band und anderen Stars aus der Volksmusikszene.  (Hubert Keller)

Nachgefragt – Christine Egerszegi, Ständerätin und OK-Präsidentin Frau Egerszegi, was bedeutet Ihnen die Volksmusik? Volksmusik ist Urmusik, sie ist uns am nächsten. Und sie ermöglicht uns, zusammen Musik zu machen, ganz spontan. Diese Fertigkeit darf nicht verloren gehen. Man kennt die Volkslieder nicht mehr. Im September 2012 nahm das Schweizer Stimmvolk die Initiative Jugend und Musik an, für die Sie sich an vorderster Front engagiert haben. Was darf man von deren Umsetzung erwarten? Die Initiative hat eine starke Bewegung ausgelöst. Ich erfuhr von Klassen, die seit Jahren nicht mehr gesungen hatten. Das wird anders: Ab 1. Januar 2016 werden an den Schulen Teamangebote Einzug halten, Angebote für Ensembles und Chöre, die Ausbildung zum Chorleiter und Dirigenten wird gefördert, es wird Musiklager geben. Der Zugang zum Singen und zur Musik wird für alle offen sein. Sie haben eine Ausbildung als Sängerin genossen und sind Politikerin geworden. Warum nicht Sängerin? Als Sängerin war ich zu wenig gut. Aber ich bin durch die Musik zur Politik gekommen. 1984 war ich in die Musikschulkommission von Mellingen gewählt worden und war Leiterin einer Musikschule mit 480 Schülerinnen und Schülern. Als eine Blockflötenlehrerin krank wurde und ihre Stellvertretung selber suchen sollte, sprach ich beim Stadtrat vor. «Das ist so, weil es bisher so funktioniert hat», mit dieser Antwort wollte ich mich nicht zufriedengeben. Also liess ich mich 1985 in die Schulpflege wählen. Die Musik lag mir immer am Herzen. Sie sind OK-Präsidentin des Eidgenössischen Volksmusikfestes in Aarau. Für Sie ein wichtiges Engagement? Auf jeden Fall. Ich freue mich, dass es uns gelungen ist, internationale Volksmusik in das Fest zu integrieren. Man soll Volksmusik nicht zu eng fassen. In den Schulen haben wir einen Wettbewerb ausgeschrieben, selber Musikinstrumente zu bauen. Die Kinder erfahren, dass sie mit einfachen Mitteln Musik machen können. Wir erinnern uns ja gern an Pfuri, Gorps und Kniri, die mit Schläuchen, Abfallsäcken und Spritzkannen Musik machten. Das Fest dient aber auch dazu, lieb gewonnene Traditionen zu pflegen. So steht der Festumzug unter dem Motto «Bewährtes erhalten - Zukunft gestalten». Worauf freuen Sie sich besonders? Ich freue mich auf alle vier Tage mit herrlicher Volksmusik und ganz vielen zufriedenen Besucherinnen und Besuchern. Ein besonders schönes Hörerlebnis werden uns die vielen Formationen auf den 18 Bühnen unter den wunderschönen Giebeln in der Altstadt bieten. Und ich bin gespannt auf den Gala-Abend in der Alten Reithalte mit dem Christoph Walter Orchestra, der Thomas Biasotto Big Band und anderen Stars aus der Volksmusikszene.  (Hubert Keller)

Alexander Wagner

Der musikalische Leiter Tristan Gremper (69) lebt ebenso in Berikon wie SöMM-Senior Heinz Duttweiler (79). Kontrabassist Rolf Marti (58) reist jeweils aus Brittnau zu den wöchentlichen Proben auf den Mutschellen ins Berikerhus.

Dennoch ist Künzler nach Tristan Gremper, der die Formation 1985 gegründet hat, schon seit 1992 dabei. Heinz Duttweiler sitzt seit 1999 in dieser Formation am Örgeli, Rolf Marti ist 10 Jahre später als Kontrabassist dazu gestossen.

SöMM ist nicht nur etwas ungewöhnlich zusammengesetzt, SöMM tönt auch so. «Wir bevorzugen eine eigenständige Interpretation der alpenländischen Volksweisen und nehmen nicht den Anspruch, die traditionelle Volksmusik identisch zu spielen», ist auf der Homepage (www.sömm.ch) nachzulesen. Was heisst das? «Wir spielen nicht unbedingt anders als die andern, aber wir legen die Volksweisen etwas anders aus», erklärt Tristan Gremper den speziellen Sound des Quartetts.

Gute Arrangements sind wichtig

«Wenn ein Örgeler, eine Geigerin und ein Gitarrist in einer Formation zusammen spielen, heben sich die einzelnen Instrumente schon von Natur aus voneinander ab. Wir hingegen spielen mit drei Örgeli und müssen Wege suchen, damit sich der identische Klang der drei Instrumente nicht zu einem musikalischen Brei vermengt», fährt der musikalische Leiter weiter. Die SöMMer legen grossen Wert auf gute Arrangements: «Einer spielt die erste Stimme, einer die zweite und der Dritte, nebst Rhythmik und Akzentuierung, wenn möglich und passend noch eine weitere Stimme dazu».

Fertige Arrangements gibt es in diesem Genre praktisch nicht. Sie werden in den intensiven Proben, zu der sich die Formation wöchentlich einmal trifft, erarbeitet.
«In der Regel habe ich Noten für die erste Stimme, der Rest entsteht nach und nach», sagt Tristan Gremper.

Viel Musik für 100 000 Besucher

Donnerstag, 10. September: 17 Uhr Festeröffnung mit Böllerschüssen; 18 –23 Uhr Internationale Volksmusik und freies Konzertieren.

Freitag, 11. September: ab 17 Uhr Festbetrieb, freies Musizieren; 19 Uhr Finale «Hausgemachte Volksmusik»; 20 Uhr Galakonzert Alte Reithalle mit Thomas Biasotto

Samstag, 12. September, ab 9 Uhr Festbetrieb, Volksmusikmarkt Mehrzweckhalle Kaserne; 18.10 Uhr Live-Sendung SRF1 «Potzmusig unterwegs» Kirchplatz, 20 Uhr Gala-Konzert Alte Reithalle mit Christoph Walter Orchestra.,

Sonntag, 13. September, ab 9 Uhr Festbetrieb; 10.30 Uhr Festakt mit Bundesrat Alain Berset; 14 Uhr Festumzug.

Wichtigste Nebenbeschäftigung

Das liegt wohl auch daran, dass sich in der SöMM vier Männer gefunden haben, die alle über eine solide musikalische Grundausbildung verfügen, mehrere Instrumente beherrschen und auch in verschiedenen Musikstilen zu Hause sind.

Tristan Gremper, der Ex-Finanzchef der Gemeinde Berikon, ist in Aesch BL aufgewachsen und hat sich im Alter von sieben Jahren erstmals hinter ein Klavier gesetzt, fleissig geübt und später vom Konservatorium geträumt.

Sein Vater war dagegen und so wurde Musik für ihn nicht zum Beruf, aber zur wichtigsten Nebenbeschäftigung. «In den wilden Sechzigern bin ich vom klassischen zum rockigen Klavierspieler geworden und habe in den 80er-Jahren die Volksmusik wieder entdeckt, mit der ich im Elternhaus aufgewachsen bin.» Gremper hat sich autodidaktisch das Örgelen beigebracht und danach die Urformation von SöMM gegründet.

«Gezwungenermassen, weil man dort nicht Gitarre lernen konnte», wie er heute sagt. Mittlerweile ist er auf den Kontrabass umgestiegen und spielt neben SöMM auch in einer Klezmer-Formation.

Guido Künzler ist im Zugerland mit der Volksmusik aufgewachsen, hat die Musikausbildung im Lehrerseminar mit Klavier und Gitarre abgeschlossen, sich dann aber dem Schwyzerörgeli verschrieben.

«Seine musikalische Intuition zusammen mit seiner rhythmischen Begabung und seiner Spielweise auf den Knurrbässen sind Guidos Markenzeichen und eine der Charakteristiken des SöMM-Sounds», kann man seinem Porträt auf der Homepage entnehmen.

Regelmässig an «Eidgenössischen»

Von der Schwyzerörgeli-Musig Mutschellen gibt es bisher vier Tonträger, die aktuellste CD «händisch» ist vor fünf Jahren aufgenommen worden. Die Formation war auch schon in Radio und TV SRF zu Gast und ist an Eidgenössischen Musikfesten seit 1991 regelmässig vertreten.

In Aarau ist SöMM am 12. September um 13.12 Uhr in der Tuchlaube zu hören. Wie bereitet man sich auf einen solchen Anlass vor? «Ein Musikfest ist jedes Mal ein Erlebnis. Man kann sich einem grossen Publikum zeigen und – wenn man will – von Juroren bewerten lassen», erklärt Tristan Gremper, der an grossen Volksmusikanlässen auch schon selber als Experte tätig gewesen ist.

Logo Aarau Volksmusikfest

Logo Aarau Volksmusikfest

Aargauer Zeitung

Noten gibt es in Aarau keine und auch keine Rangliste: «Wer sich bewerten lässt», erläutert Gremper, «bekommt eine Urkunde, auf der Lob und aufbauende Kritik festgehalten sind. Die Kritik soll nicht tadeln, sondern helfen, auf dem musikalischen Weg weiterzukommen.»

SöMM spielt in Aarau zwei Kompositionen, die im Laufe des Jahres neu arrangiert worden sind. Speziell nervös sind die vier Musiker nicht, doch: «Selbstverständlich nehmen wir den Anlass ernst und haben uns entsprechend vorbereitet.

Das Volksmusikfest werden wir nicht nur als Musiker geniessen, sondern auch gesellschaftlich.» Die Mitglieder von SöMM, erklärt der Gründer abschliessend, pflegten nicht nur die Volksmusik, sondern ebenso eine freundschaftliche Beziehung untereinander. «Wir sind über die Jahre eine richtige Familie geworden.»

Zehnder: «Volksmusik muss von Herzen kommen»

Für das «Eidgenössische» hat er die Festkomposition geschrieben. Die az wollte von Hanspeter Zehnder wissen, was für ihn Volksmusik sei. - Ueli Wild

«Schweizer Volksmusik ist zum Beispiel Musik, die mit typischen Schweizer Instrumenten gespielt wird», sagt Hanspeter Zehnder. «Und Volksmusik muss von innen kommen, von Herzen», sagt der Freiämter, der betont. Volksmusik habe sich über Hunderte von Jahren entwickelt und werde sich auch in Zukunft verändern.

Zehnder, mit Ländlermusik aufgewachsen und von der Militärmusik her auch mit Blasmusik vertraut, räumt ein, dass es heute am Rand auch eine experimentelle Volksmusik gebe, die sich anderer Instrumente von der Gitarre bis hin zum Schlagzeug bediene. Gleichzeitig stelle man sich unter «Volksmusik» oftmals zu sehr eine Formation mit Schwyzerörgeli, Handorgel und Bass vor. Früher seien in der Schweizer Volksmusik auch andere Instrumente wie Drehleier, Violine

oder Trompete gebräuchlich gewesen.
Etwas anderes ist für Zehnder ebenfalls stilbestimmend: «Volksmusik ist fürs Volk gemacht worden, zur Unterstützung bei der Arbeit, zum geselligen Zusammensein, zum Tanzen.»

Ein Musikfest für alle

«Ein Volksmusikfest», sagt Zehnder, «ist ein Anlass für die ganze Bevölkerung der Schweiz, auch für all jene Formationen, die Volksmusik als Hobby betreiben, die mit ihren Mitteln spielen und Freude haben, wenn sie sich einem Publikum und einer Jury präsentieren können.»

Etwas ganz anderes, stellt Zehnder klar, sei die «Stubete am See», die alle zwei Jahre in Zürich stattfindet. Hier treten die renommiertesten und innovativsten Volksmusik-Formationen der Schweiz auf. Von ihnen, so Zehnder, sind nur wenige in Aarau dabei. Etwa Pflanzplätz und das Laseyer Quartett. Einzelne Vertreter der hochkarätigsten Gruppen sind am Eidgenössischen als Experten im Einsatz.

Komplexere Klänge

Die heutigen Top-Musiker haben ein fundiertes musikalisches Studium, zum Teil auch in den Sparten Jazz oder Klassik hinter sich. Dadurch, sagt Zehnder, sehen sie auch ganz andere Möglichkeiten, und so kommen ganz andere Melodien, andere Harmonien heraus als früher. Für die grosse Masse des Volkes seien diese aber schwerer verständlich.
«Es braucht die Top-Formationen am Volksmusikfest aber auch», zeigt er sich überzeugt. Es sei daher schön, dass ein paar doch nach Aarau kämen. Als Massstab für die andern? «Auf jeden Fall», antwortet Zehnder, «das sind zum Teil auch meine Vorbilder.»

Prognosen zur Zukunft der Volksmusik hält er für schwierig. Einerseits gebe es relativ viele Gruppen, die den Innerschweizer Stil der 60er-Jahre weiterhin als echt empfänden. Nur: «Die Zuhörer sind immer noch die gleichen wie vor 20, 30, 40 Jahren.» Die Jungen andererseits, die eine andere, «neuzeitliche» Volksmusik spielen, hätten ein viel kleineres Publikum. Aber Zehnder bleibt dabei: «Volksmusik entwickelt sich weiter.» Umgekehrt gebe es in der Volksmusik Dinge wie regionale Eigenheiten, «die für sich stehen und immer Bestand haben werden.»

Die Noten von Zehnders Feststück wurden übrigens allen Formationen zugestellt. «Es ist schön, wenn andere es ins Repertoire aufnehmen», sagt der Komponist. «Es ist aber kein Aufgabenstück. Niemand muss es spielen.»