Mentoring
Diese Frauen bringen junge Flüchtlinge und Freiwillige zusammen

Mit einem Mentoring-Projekt bringen Susanne Klaus und Gabi Gratwohl seit zwei Jahren junge Flüchtlinge und Freiwillige zusammen.

Noemi Lea Landolt
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Susanne Klaus (links) und Gabi Gratwohl erklären Berhe, Jawed und Lina das Mentoring-Programm.
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 Gabi Gratwohl (Brille) und Susanne Klaus (rotes Oberteil) haben das UMA-Mentoring-Programm (unbegleitete minderjährige Asylsuchende) im Mai 2016 ins Leben gerufen.
Hier finden Freiwillige und Flüchtlinge zusammen

Susanne Klaus (links) und Gabi Gratwohl erklären Berhe, Jawed und Lina das Mentoring-Programm.

Chris Iseli

Ein junger Flüchtling sagte Gabi Gratwohl, es falle ihm schwer, sich in der Unterkunft zu konzentrieren. «Du kannst bei mir zu Hause lernen», sagte sie ihrem Schüler. Kurz darauf sass die halbe Klasse bei Gabi Gratwohl zu Hause. Alle wollten in Ruhe lernen. Aber um alle konnte sie sich nicht kümmern. Also beschloss sie vor zwei Jahren zusammen mit Susanne Klaus, Freiwillige zu rekrutieren. Die beiden Frauen arbeiten in der Schule für unbegleitete minderjährige Asylsuchende des Vereins Netzwerk Asyl in Aarau. Sie merkten schnell, dass den Flüchtlingen eine Bezugsperson fehlt, jemand, der ihnen zuhört, sie unterstützt. «Viele kommen auf die Welt, wenn sie in der Schweiz ankommen, müssen zuerst lernen, dass niemand auf sie gewartet hat und sie sich bemühen müssen, wenn sie etwas erreichen wollen», sagt Gabi Gratwohl.

Zuerst fragten die beiden Bekannte und Freunde, ob sie sich vorstellen könnten, sich als Mentor um einen jungen Flüchtling zu kümmern. So entstanden 30 Tandems. Inzwischen betreuen sie über 90 Tandems. Das Projekt hat sich herumgesprochen. Im Moment wünschen sich über 30 junge Flüchtlinge aus dem ganzen Kanton einen Mentor – die Liste der Freiwilligen, die sich um einen Flüchtling kümmern möchten, ist kürzer. Aus diesem Grund suchen die beiden Frauen dringend neue Mentorinnen und Mentoren.

Eine Tante in der Schweiz

Auch Jawed und Anja Bernasconi haben sich über das Mentoring-Programm kennen gelernt. Sie sind seit einem Jahr ein Tandem. Anja sei für ihn inzwischen wie seine Tante in der Schweiz, sagt Jawed. Am Anfang habe er sich schon unsicher und auch etwas fremd gefühlt mit Anja. Doch es hat sich rasch eingependelt. Nach einem halben Jahr entschieden sie, sich weiter zu treffen. So geht es den meisten. Obwohl Mentee und Mentor am Anfang eine Vereinbarung für ein halbes Jahr unterschreiben, treffen sich die meisten auch nachher noch. «Eigentlich ein sehr gutes Zeichen», sagt Gabi Gratwohl. Der einzige Haken: Es braucht immer wieder neue Mentoren.

Die Idee des Mentoring-Programms ist, dass man sich regelmässig trifft. Zum Lernen, Spielen, Kaffee trinken, Velo fahren oder Spazieren. Es sei unterschiedlich, was sich Flüchtlinge und Mentoren wünschen. Einige möchten einen Ort, an dem sie in Ruhe lernen können, andere wollen lieber schwatzen. Deshalb klären die Projektleiterinnen vorgängig ab, was sich jemand wünscht und überlegen dann, wer zusammenpasst. «Es bringt nichts, wenn ein Mentor mit jemandem lernen will, die Person aber viel lieber schwatzen oder Kaffee trinken möchte», sagt Susanne Klaus. Normalerweise hätten sie ein sehr gutes Händchen. Und wenn es trotzdem nicht gelingt, stehen sie als Ansprechpartnerinnen jederzeit zur Verfügung.

Bereichernd und belastend

Denn so bereichernd die Begegnungen für beide Seiten seien, einfach ist es nicht immer. Es könne belastend sein, einen jungen Flüchtling zu begleiten. Einige sind traumatisiert oder unsicher, weil sie nicht wissen, wie es mit ihnen weitergeht. Für Mentoren kann es emotional schwierig sein, das Schicksal der Jugendlichen so nah mitzuerleben. Und nicht jede Geschichte hat ein Happy End. Es gibt Flüchtlinge, die untergetaucht sind, nachdem sie einen Negativ-Entscheid erhielten. Oft verschwinden sie, ohne Tschüss zu sagen. «Das ist für Mentoren sehr belastend, weil natürlich entsteht mit der Zeit eine Beziehung», sagt Susanne Klaus. Sie würden als Programmleiterinnen versuchen, die Mentoren zu unterstützen. Um sich auszutauschen, findet auch regelmässig ein runder Tisch statt.

Flüchtlingstage am 16. und 17. Juni

Am Wochenende finden die kantonalen Flüchtlingstage statt. Am Samstag,
16. Juni, ab 10 Uhr in Brugg im Neumarkt und Eisipark, am Sonntag, 17. Juni, ab
13 Uhr in der Stadtbibliothek Aarau. Das Programm dauert bis etwa 17 Uhr. Es gibt eritreischen Kaffee zu probieren, Musik, Podiumsdiskussionen und die Möglichkeit, verschiedene Projekte kennen zu lernen. Der Verein Netzwerk Asyl stellt am Sonntag im Keller der Stadtbibliothek Aarau das Mentoring-Programm vor.

Weitere Informationen und das detaillierte Programm finden Sie online unter:
fluechtlingstage-aargau.ch

Jawed und Anja Bernasconi treffen sich einmal pro Woche. Wenn er Schule hat, isst er mit ihr und ihren Kindern Zmittag. Wenn er eine Frage hat, weiss er, dass er sich an sie wenden kann. Sie haben zusammen Bewerbungen geschrieben. Sie hat ihm geholfen, ein Praktikum zu finden, hat ihm Mut gemacht, als er den Chef anrufen musste und nervös war. Auch von seiner Flucht hat er ihr erzählt. Weil Jawed schon sehr gut Deutsch spricht, hatten die beiden kaum Verständigungsprobleme.

Es war einfacher als mit Hanibal, ihrem ersten Mentee. Als sie den jungen Eritreer kennen lernte, konnte er kaum Deutsch. «Das war schon anstrengend», sagt Anja Bernasconi. Sie hätten dann viel zusammen gespielt oder gekocht. Das funktioniert auch ohne Worte. Inzwischen könne Hanibal viel besser Deutsch. Trotzdem bleibt er das Sorgenkind. Er wartet noch auf seinen Asylentscheid. «Ich merke schon, dass ihn das beschäftigt», sagt Anja Bernasconi. Aber er spreche wenig darüber und sie fragt nicht nach. «Ich will ihn nicht drängen und er weiss, dass er jederzeit zu mir kommen kann.» Als er tatsächlich einmal unerwartet vor der Türe stand, machte sie sich Sorgen. Die Erleichterung war riesig. Er brachte ihr ein Weihnachtsgeschenk vorbei.