Erfolg für Bedürftige
Diese Frau kämpft um Erdbeertörtli für Bedürftige

Hélène Vuille setzt sich seit 16 Jahren dafür ein, dass die Migros Tagesfrischprodukte nach Ladenschluss nicht wegwirft. Nun wird ihre Beharrlichkeit belohnt: Cremeschnitten & Co. werden nun auch im Aargau, Bern und Solothurn an Bedürftige abgegeben.

Aline Wüst
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Die 61-jährige Hélène Vuille setzt sich für bedürftige Menschen ein, weil sie es als privilegierter Mensch selbstverständlich findet, der Gesellschaft etwas zurückzugeben.

Die 61-jährige Hélène Vuille setzt sich für bedürftige Menschen ein, weil sie es als privilegierter Mensch selbstverständlich findet, der Gesellschaft etwas zurückzugeben.

Alex Spichale

Hélène Vuille geht es um Wähen, Erdbeertörtchen und Canapés. Auch um Cremeschnitten. Sie liebt Cremeschnitten – obwohl, darum geht es nicht.

Es geht darum, dass Hélène Vuille um diese Cremeschnitten kämpft. Sie kämpft dafür, dass die Migros sie abends nicht wegwirft, sondern an bedürftige Menschen abgibt. Sie hat diese Woche im Aargau einen Sieg errungen.

Die Geschichte beginnt vor 16 Jahren. Es war kurz vor Ladenschluss, als die Birmensdorferin in der Migros Wiedikon ein Brot kaufen wollte. Als sie da stand, sah sie, wie eine Mitarbeiterin all die Cremeschnitten, Erdbeertörtchen und Canapés aus der Vitrine nahm und in den Abfall kippte.

Hélène Vuille traute ihren Augen nicht und verlangte mit dem Filialleiter zu sprechen. Der versuchte ihr zu erklären, dass das normal sei.

Sie war so empört, dass sie spontan vorschlug, Cremeschnitte & Co. künftig abends abzuholen und sie bedürftigen Menschen zu bringen. Mit einem Handschlag wurde der Deal besiegelt.

Dreimal in der Woche holte sie fortan abends um acht Uhr die nicht verkauften Produkte in der Migros Wiedikon ab und brachte sie ins Obdachlosenheim.

Dort gab es bereits eine halbe Stunde später Kaffee und jeder durfte sich etwas von dem aussuchen, was die Migros nicht verkauft hatte. Die Freude dieser Menschen berührte Hélène Vuille und spornte sie an, weiterzumachen. Also versuchte sie, ihre Aktion auf andere Migros-Filialen auszuweiten.

Doch die Migros lehnte ab. Hélène Vuille liess nicht locker. Immer und immer wieder klopfte sie bei der Migros an. Sie weiss heute, wie langwierig Entscheidungswege sind und wie wenig es gilt, wenn ein Politiker seine Unterstützung zusichert.

Aber sie gab nie auf, biss stets die Zähne zusammen und bat nochmals und nochmals um einen Termin. Immer dachte sie an die Cremeschnitten, die so vielleicht irgendwann nicht mehr im Abfall landen würden und stattdessen jemandem einen schönen Moment bescheren könnten.

Die erste Tür öffnet sich

Nach drei Jahren erlaubt die Migros Hélène Vuille, in fünf Filialen im Kanton Zürich die Produkte aus den Take-aways und den Restaurants abends abzuholen. Die Caritas übernimmt zusammen mit Hélène Vuille die Verantwortung.

Hélène Vuille sagt: «Kein einziges Mal in den vergangenen 16 Jahren gab es irgendein Problem nach dem Verzehr von Tagesfrischprodukten.»

Schliesslich kontrolliere die Migros auch nicht, ob die Kunden die gekauften Cremeschnitten noch einen Tag im Kühlschrank aufbewahren, bevor sie gegessen werden.

Das Verteilkonzept ist unkompliziert: Freiwillige Helfer holen abends die Produkte bei den Migros-Filialen ab und bringen sie Heimen und anderen zertifizierten Institutionen.

Hélène Vuille erinnert sich, wie sie im vergangenen Dezember einmal an einem Abend in einer Filiale 76 grosse Grittibänzen mit Schoggistängel abholte und ins Obdachlosenheim brachte.

Die 61-Jährige hat ausgerechnet, dass in der Schweiz pro Jahr Tagesfrischprodukte für rund 44 Millionen Franken (Verkaufspreis) fortgeworfen werden. Sie sagt: «Die Migros kann das bezahlen, aber ob sie sich eine solche Verschwendung von Lebensmitteln in der heutigen Zeit noch leisten kann?»

Laut Berechnungen des Vereins Foodwaste werden in der Schweiz jährlich rund zwei Millionen Tonnen einwandfreier Lebensmittel weggeworfen.

Detailhändlern wie die Migros sind für fünf Prozent aller Verluste verantwortlich. Spitzenreiter im Verschwenden sind die Privathaushalte. Auf ihr Konto geht fast die Hälfte aller weggeworfenen Lebensmittel.

Nahrungsmittelhilfe

Tagesfrischprodukte sind Sandwiches- und Patisserieprodukte, die offen in Take-aways und Restaurants angeboten werden. Es sind essbare Produkte, die eine Haltbarkeit von 12, 14 oder 16 Stunden haben und nach Ladenschluss nicht mehr verkauft werden dürfen. Deshalb müssen sie von Hélène Vuille und ihren freiwilligen Fahrern nach Ladenschluss abgeholt und am gleichen Abend bei der Institution vorbeigebracht werden.

Bekannt im Bereich der Nahrungsmittelhilfe sind in der Schweiz vor allem die beiden Angebote «Tischlein deck dich» und «Schweizer Tafel». Sie verteilen keine Tagesfrischprodukte, sondern unter anderem Lebensmittel, die nicht mehr verkauft werden können, wegen leichter Verpackungsschäden, Überproduktionen, Fehldispositionen, Etikettenwechsel oder kurzer Haltbarkeit. (wua)

Die Verpflichtung, zu helfen

Während der Jahre, in denen Hélène Vuille zweimal pro Woche die Produkte abholte, lernte sie die Obdachlosen immer besser kennen und schrieb ein berührendes Buch über diese Menschen, die so oft einfach übersehen werden.

Nach der Veröffentlichung des Buches geschieht das Wunder: Die Migros meldet sich, will über das Projekt sprechen. Ende 2013 räumt ihr die Migros Zürich das Recht ein, die nicht verkauften Tagesfrischprodukte in allen Filialen im Kanton Zürich abholen und an zertifizierte Stiftungen abgeben zu dürfen.

Ein Sieg – aber nicht das Ende von Hélène Vuilles Bestrebungen. Bereits Anfang Jahr bittet sie die Genossenschaft Migros Aare zum ersten Mal, ihr Projekt zu unterstützen. Wieder Skepsis, wieder die Bitte, sie möge sich gedulden. Seit Juli hat sie nicht mehr von der Migros Aare gehört.

Auf Anfrage der Aargauer Zeitung gibt Migros-Pressesprecherin Andrea Bauer Anfang Woche dann plötzlich grünes Licht für das Projekt. Das bedeutet: Künftig gibt die Migros auch in den Kantonen Aargau, Bern und Solothurn die Tagesfrischprodukte an bedürftige Menschen ab.

Hélène Vuille ist überglücklich. Sie will nun Institutionen suchen, die sich für Cremeschnitte & Co. interessieren.

Und sie hofft, dass es im Kanton Bern, Aargau und Solothurn viele Kirchgemeinden und Sozialämter gibt, die mithelfen werden, die Verteilung von Cremeschnitte & Co. an bedürftige Menschen zu organisieren.

Bleibt noch die Frage, warum Hélène Vuille das alles tut? Sie sagt: «Ich kann mir das leisten. Mit geht es gut, ich lebe privilegiert. Da bin ich doch verpflichtet, etwas zurückzugeben, oder etwa nicht?»

Kochschüler sollen sich nicht stur nach Ablaufdatum richten

In der Schulküche müssen Kinder alles wegwerfen, was abgelaufen ist. Das ist ein Widerspruch zum gelernten sorgsamen Umgang mit Lebensmitteln.

Die grüne Wohler Grossrätin Monika Küng ist seit 32 Jahren Hauswirtschaftslehrerin. Das Thema Lebensmittelverschwendung liegt ihr am Herzen.

Auch, weil sie erlebt, dass ihre Schüler immer weniger wissen über den Umgang mit Lebensmitteln. Es sei für viele ihrer Schüler eine Überraschung, dass Kartoffelstock selber hergestellt werden könne, sagt Küng.

«Viele kennen auch einen Sparschäler nicht und glauben deshalb, Salzkartoffeln zu kochen, sei eine gewaltige Leistung.» Andere Kinder glauben, dass sie sterben, wenn sie etwas Abgelaufenes essen.

Der Hauswirtschaftslehrerin ist es deshalb wichtig, ihren Schülern einen sorgsamen Umgang mit Lebensmitteln zu lehren. Damit sie wissen, dass man ein abgelaufenes Joghurt, wenn es keinen Pilz hat und nicht schlecht riecht, auch drei Wochen später noch essen kann.

Was Küng als Hauswirtschaftslehrerin zu schaffen macht: Die Schulküchen sind dem Lebensmittelinspektorat des Kantons Aargau unterstellt.

Das heisst: Der Hygienestandard ist nicht der eines Privathaushalts, sondern der einer Restaurantküche. Finde der Lebensmittelinspektor abgelaufenes Mehl im Schrank, bekomme die Schule eine Busse.

«Ich müsste das Mehl also wegwerfen, nehme es aber selbstverständlich nach Hause und backe ein feines Brot daraus.»

Küng muss in ihrer Schulküche im Widerspruch zu dem handeln, was sie den Kindern lehrt.

Diesen Widerspruch will Monika Küng auflösen und sucht deshalb nächste Woche das Gespräch mit dem Lebensmittelinspektorat des Gesundheitsdepartements.

Ihr Ziel ist es, dass die Hygienebestimmungen in den Schulküchen den Privathaushalten angeglichen werden. «So können die Schüler eigenverantwortliches Handeln lernen.»

Damit sie später in ihrem eigenen Haushalt wissen, dass sie den abgelaufenen Reis noch essen können. (wua)