Anno 1965, vor 50 Jahren, wurde die Fretz Men AG gegründet. Und beim Betreten der Schuhfabrik im beschaulichen Fahrwangen oberhalb des Hallwilersees fühlt sich der Besucher für einen Moment in diese Anfangszeit zurückversetzt: Ein paar Nähmaschinen stehen da links vom Eingang, in der Luft hängen Leim- und Lederduft. Genäht werden hier jedoch nur noch Prototypen — für deren Entwicklung die Fretz Men heute selbstverständlich Computerprogramme verwendet.

Design und die Konstruktion von Prototypen: Diese beiden Produktionsschritte sind in der Schweiz nach wie vor verbreitet. Im Inland produzierte Schuhe sind hingegen rar geworden. «In der Blütezeit Mitte des 20. Jahrhunderts hat die Schweizer Schuhindustrie Tausende von Leuten beschäftigt», sagt Daniel Omlin. «Heute ist noch eine Handvoll Hersteller übrig geblieben» — unter anderem die Fretz Men AG, deren Leitung Omlin im Jahr 2007 übernahm.

Import von Teilfabrikaten

«Betrachtet man die gesamte Wertschöpfungskette von der Entwicklung über die Beschaffung bis zur Montage, so sind unsere Schuhe sicher ‹Swiss Made›», sagt der CEO. Auch die Fretz Men komme aber heute nicht mehr darum herum, Teilfabrikate — wie beispielsweise eben Schäfte, die früher vor Ort genäht wurden — von einem Partner in Indien zu beschaffen. «Hätten wir uns vor 20 Jahren nicht für diesen Schritt entschieden, dann wären wir heute höchstens noch eine kleine Manufaktur mit vielleicht 15 Angestellten, die Schuhe für 300 Franken oder mehr herstellt.»

Stattdessen produzieren in Fahrwangen 75 Mitarbeiter täglich rund 1500 Paar Herrenschuhe. Über 20 Millionen waren es insgesamt seit der Gründung — anfangs vor allem Businessschuhe, heute wegen des veränderten Kundenverhaltens zunehmend auch Freizeitmodelle.

Wie kommt es, dass Fretz Men im Hochlohnland Schweiz überleben konnte, während die meisten Konkurrenten die Segel strichen? «Die Firmen, die heute noch hier produzieren, haben alle eine Nische gefunden oder sich spezialisiert», sagt Omlin. Fretz Men etwa sei heute «der kompetenteste Herrenschuhanbieter mit Gore-Tex-Technologie». Auch seien sie alle zumindest im entferntesten Sinn in Familienbesitz. Dies verringere die Gefahr, dass «auf kurzfristige Gewinne erpichte Aktionäre eine Firma finanziell ausbluten». Denn: gesunde Finanzen sind in der Schuhindustrie (noch) wichtiger als anderswo, weil die Produktion ungefähr neun Monate vorfinanziert werden muss. Die Kollektion für den nächsten Frühling etwa entwickelt Fretz Men bereits jetzt. Im August wird sie Omlin den Schuhhändlern vorstellen und dann die Serienproduktion starten — alles auf eigene Rechnung, versteht sich.

Geld verdient Omlin dafür bald mit der neuen Winterkollektion. Während die Temperaturen noch steigen, hat er bereits den Herbst im Blick: «Wenn es erstmals kalt wird, liefern wir die Wintermodelle innert weniger Wochen aus.»

Dieser Zeitdruck ist gleichzeitig Fretz Mens grosser Trumpf als Schweizer Produzent. 40 Prozent der Ware verkauft die Firma im Inland — «und hier können wir viel schneller reagieren als die Konkurrenz aus China», so der CEO. Startet der Winterverkauf witterungsbedingt etwa früher als gewöhnlich, kann er sofort aus- und vor allem nachliefern, während die Ozeanfrachter aus Asien nach im Voraus fixierten Fahrplänen verkehren und nicht mehr reagieren können.

Der fremde asiatische Fuss

Den umgekehrten Weg — also von Fahrwangen nach Asien — gehen nur wenige Fretz-Men-Schuhe. Der Grund dafür ist die unterschiedliche Anatomie asiatischer und europäischer Füsse. In den sogenannten Passformen, auch Leisten genannt, um welche herum die Schuhe «montiert» werden, steckt viel firmeneigenes Know-how. Jeder Schuhproduzent versuche, den besten Kompromiss zu finden — also eine Schuhform, die möglichst vielen Leuten passt, so Omlin. Das Resultat dieser Suche für den «europäischen Fuss» ist im hinteren Teil der Fretz-Men-Fabrik zu bewundern, wo unzählige Leisten in verschiedenen Farben aufgereiht liegen. Die Erfahrung mit anderen Fussformen fehlt in Fahrwangen hingegen.

Mit seiner Skepsis gegenüber einer Asien-Expansion befolgt Omlin das Sprichwort «Schuster, bleib bei deinem Leisten» also im wörtlichen Sinn. Vielleicht kein schlechtes Rezept, um noch weitere Jubiläen feiern zu können.