Atommüll-Endlager
«Diese bittere Pille müssen wir wohl oder übel schlucken»

Die Aufsichtsbehörde Ensi empfiehlt dem Bundesrat, drei Standorte weiter zu untersuchen – auch Nördlich Lägern, das aus dem Rennen war. Der Präsident der Regionalkonferenz Nördlich Lägern kann den Ensi-Entscheid trotzdem nachvollziehen.

Mathias Küng
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Die Gegner eines Atommülllagers «Nördlich Lägern» schienen den Kampf schon gewonnen zu haben. Doch die Freude kam zu früh.

Die Gegner eines Atommülllagers «Nördlich Lägern» schienen den Kampf schon gewonnen zu haben. Doch die Freude kam zu früh.

KEYSTONE

Im Januar 2015 hat die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) vorgeschlagen, den Kreis von sechs auf noch zwei mögliche Standorte für ein atomares Tiefenlager einzuengen: Jura Ost (Bözberg) und Zürich Nordost (Weinland). In der Region Nördlich Lägern atmete man auf. Zu früh. Denn das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) forderte von der Nagra dazu einen Zusatzbericht.

Der liegt vor. Und jetzt steht fest, was das Ensi dem Bundesrat empfehlen will: Wie die Nagra würde es die Standorte Bözberg und Weinland weiter verfolgen. Zusätzlich schlägt es aber Lägern Nord vor, wie Ensi-Direktor Hans Wanner in Brugg bekannt gab. Bei den anderen Standorten Wellenberg (NW), Jura Süd (SO/AG) und Südranden (SH/ZH) beurteilt das Ensi die Situation wie die Nagra. Diese dürften damit faktisch aus dem Rennen sein.

Die Nagra habe alle relevanten Themen berücksichtigt und detailliert untersucht, sagte Hans Wanner vor den Medien. Abweichungen in der Beurteilung gebe es zu Lägern Nord. Diese betreffen etwa die Beurteilung der maximalen Tiefenlage und des Platzangebots, die eine besondere Relevanz für die Beurteilung des Standortgebiets Nördlich Lägern haben. «Wir sind zum Schluss gekommen, dass hier die Beurteilung der Nagra nicht belastbar ist», erklärte Wanner, und weiter: «Unsere Vorgaben legen fest, dass ein möglicherweise geeigneter Standort nicht aufgrund einer allenfalls noch unvollständigen Datengrundlage frühzeitig aus dem Verfahren ausscheiden darf». Das heisse nicht, dass die Nagra hiermit falsch liege. Man wisse es noch nicht. Es brauche weitere Untersuchungen. Favoriten bei den Standorten gebe es nicht.

«Bittere Pille schlucken»

Wie reagiert man in der betroffenen Region? Hanspeter Lienhart, Präsident der Regionalkonferenz Nördlich Lägern, kann den Ensi-Entscheid nachvollziehen: Die Suche erfolge nach dem Prinzip der höchstmöglichen Sicherheit, schreibt Lienhart, und weiter: «Die bittere Pille, dass unsere Region infolge noch nicht genügender Untersuchungen im Untergrund nun weiter als möglicher Standort eines Tiefenlagers infrage kommt, müssen wir wohl oder übel schlucken.»

Aargau: Kein politischer Standort

Für den Aargau als möglicher Standortkanton eines geologischen Tiefenlagers stehe die Sicherheit an erster Stelle im Auswahlverfahren für geeignete Standortgebiete für radioaktive Abfälle, sagt der Aargauer Energiedirektor Stephan Attiger zum Ensi-Empfehlung.
Entsprechend unterstütze man den Ensi-Entscheid, zusätzlich zu Zürich Nordost (Weinland, ZH) und Jura Ost (Bözberg, AG) auch das Gebiet Nördlich Lägern (AG, ZH) in Etappe 3 weiter untersuchen zu wollen. Attiger: «Dieser Befund überrascht uns nicht, denn er entspricht der fachtechnischen Beurteilung, die unsere kantonalen Experten im Januar dieses Jahres erarbeitet haben.»

Wie die anderen betroffenen Kantone werde sich die Aargauer Regierung Mitte 2017 im Rahmen der öffentlichen Vernehmlassung detaillierter äussern: «Grundsätzlich betonen wir aber noch einmal: Die Aargauer Regierung sagt klar, sie will kein Tiefenlager im Aargau. Am Schluss kann nur der sicherste Standort für das Tiefenlager infrage kommen. Sicherheit ist nicht verhandelbar. Der Standortentscheid muss dereinst 100 Prozent faktenbasiert sein. Auch die Kosten wären absolut kein Argument. Einen politischen Standortentscheid würden wir niemals akzeptieren.»

So läuft die Standortsuche ab

2008 legte der Bundesrat das Vorgehen für die Standortsuche fest. In der Etappe 1 identifizierte die Nagra sechs mögliche Standorte. 2011 entschied der Bundesrat, in Etappe 2 diese vertieft zu untersuchen und die Zahl einzuengen. Voraussichtlich bis Ende 2018 entscheidet der Bundesrat, welche verbleibenden Standorte in der letzten Etappe 3 noch intensiver untersucht werden.

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