Aarau

Diese Berufsschule macht Behinderte zu Experten: «Warum wir das machen?»

An der Berufsschule Scala in Aarau werden Lehrlinge mit einer Lernschwäche oder Behinderung unterrichtet. Einige können mühelos folgen, andere haben mehr Schwierigkeiten. Lehrer Markus Senn muss sie alle für den Schulstoff begeistern. Ein Besuch.

«Sie, Herr Senn, darf ich mal fragen, warum wir das machen?», fragt ein Schüler.
«Ich möchte nicht, dass Sie einen Elektro-Unfall bauen», antwortet der Lehrer.

Schon seit über einer Stunde setzt sich die Klasse von Markus Senn im Berufskundeunterricht mit den Gefahren der Elektrizität auseinander. Anhand von Bildern müssen die Schülerinnen und Schüler die gefährlichen Situationen erkennen und benennen.

Die Berufsschule Scala in Aarau ist keine gewöhnliche Schule. Sie ist die erste interinstitutionelle Berufsfachschule für Menschen mit Behinderungen in der Schweiz. Die Stiftung Lebenshilfe in Reinach hat sie vor neun Jahren gegründet.

Kein eidgenössischer Abschluss

Die Berufsschüler schliessen nicht mit einem eidgenössischen Fähigkeitszeugnis (EFZ) oder einem eidgenössischen Berufsattest (EBA) ab. Die Anforderungen dieser Ausbildungen wären zu hoch für sie. Deshalb hat der nationale Branchenverband der Institutionen für Menschen mit Behinderung (Insos) die zweijährige praktische Ausbildung (PrA) ins Leben gerufen.

Dieser Abschluss umfasst einen Ausweis, der die individuellen Kompetenzen der Lernenden nachweist. «Damit unsere stärkeren Schüler die Möglichkeit haben, im Anschluss an die praktische Ausbildung einen höheren Lehrabschluss zu machen, orientieren wir uns stark an den Inhalten dieser Ausbildungen», sagt Schulleiterin Brigitte Steinhoff. Schliesslich sei die Schweiz bekannt für die Durchlässigkeit ihres Schulsystems.

Es ist eine kleine Klasse, die Markus Senn an diesem Vormittag unterrichtet. Eine Schülerin und vier Schüler sitzen an den Tischen, die im Hufeisen vor der Wandtafel stehen. Sie lassen sich zum Industrie-Praktiker, Velo- oder Polymech ausbilden. «Die Inhalte meiner Lektionen passe ich dem Niveau meiner Lernenden an», sagt Senn. Das klingt einfacher, als es ist. Denn das Niveau seiner Schülerinnen und Schüler könnte unterschiedlicher nicht sein.

Jeder, was er kann

Da sitzt zum Beispiel Omar*, 18 Jahre alt, gerade die Autoprüfung bestanden. «Beim ersten Mal. Nur 15 Fahrstunden.» Sein Herz schlägt für BMWs, in der Freizeit trainiert er regelmässig im Fitness-Studio. Omar macht eine praktische Ausbildung zum Polymechaniker.

Als Einziger der Klasse arbeitet er nicht in der geschützten Werkstatt einer Stiftung, sondern in einem Betrieb im ersten Arbeitsmarkt. «Das Deutsch ist halt mein Problem. Da bin ich noch nicht so gut.» Omar hat zudem eine leichte Lernschwäche.

Nach der Ausbildung an der Berufsschule Scala möchte er eine Grundbildung mit eidgenössischem Berufsattest (EBA) absolvieren. Er wäre nicht der erste Scala-Absolvent, dem das gelingt. Von den 19 Lernenden, die im Sommer abschliessen, starten 5 eine solche Ausbildung.

Mit Omar in der Klasse sitzt auch David: 18 Jahre, Down-Syndrom, Liebhaber von kroatischer Musik. Er arbeitet als Industrie-Praktiker in der geschützten Werkstatt der Stiftung Domino in Hausen. Am liebsten packt er Briefe ein. Wenn er in Aarau Schule hat, reist er alleine mit dem Zug und Bus an. Er erzählt nicht ohne Stolz, wie er jeweils am Bahnhof «undedure» muss, um umzusteigen.

Schule stärkt Selbstvertrauen

Omar und David besuchen den gleichen Unterricht und beide kommen gerne zur Schule. Sie mögen ihren Lehrer und sagen, sie lernen viel. Wer am Ende was aus dem Unterricht mitnimmt, sei schwer zu beurteilen, sagt Senn: «Die Idee ist, dass am Schluss alle etwas mehr wissen und sich keiner langweilt.» David zum Beispiel wisse, dass Blei auf Latein «plumbum» heisst. «Das ist ihm geblieben. Es ist halt ein lustiges Wort», sagt Senn. Andere Schüler hingegen wüssten nach der Lektion Bescheid über die Eigenschaften des chemischen Stoffes.

Dass die Lernenden, wie in einer ‹normalen› Lehre, einmal pro Woche ihr gewohntes Umfeld verlassen, um die Berufsschule zu besuchen, sei zentral, sagt Martin Spielmann, der Geschäftsleiter der Stiftung Lebenshilfe. «Es fördert ihre Selbstständigkeit und ist gut für das Selbstbewusstsein.» Oft nämlich würden die Lernenden den schulischen Teil ihrer Ausbildung in den Stiftungen machen, wo sie die Anlehre machen. «Es ist aber wichtig, dass auch diese Menschen eine Berufsschule ausserhalb der Werkstatt besuchen können», sagt Spielmann.

Skepsis am Anfang

Am Anfang waren die Stiftungen der Schule gegenüber skeptisch. Schliesslich hatten sie ihren Lernenden den Schulstoff bisher selber vermittelt. Mit der Zeit haben aber immer mehr Betriebe, unter ihnen auch die Invalidenversicherung, die Vorteile erkannt. Im Moment schicken zwölf Betriebe 42 Lernende an die Schule. Nächstes Jahr werden es über 60 sein. «Förderlich war sicher, dass die Berufsschule ihr Personal aus den verschiedenen Stiftungen rekrutieren konnte», sagt Spielmann.

Die Lernenden von Herrn Senn beugen sich über die Ordner. Auf dem Bild auf dem Arbeitsblatt sehen sie einen Mann, der auf einer Leiter steht und mit dem Schraubenzieher an einer kaputten Glühbirne hantiert.

«Nicht gut», sagt ein Schüler.
«Was macht er falsch?»
«Sehr amateurhaft.»
«Und was ist mit dem Schraubenzieher?»
«Der ist aus Metall, das leitet Strom.»
«Wann kann man sicher sein, dass kein Strom in der Leitung ist?»
«Wenn die Sicherung draussen ist.»

So arbeitet sich die Klasse Schritt für Schritt vorwärts. Wie in der Berufsschule haben die Lernenden Fachkunde, Deutsch, Mathematik und andere allgemeinbildende Fächer.
Schulbücher selber entwickelt

Die Lehrmittel für die Fachkunde stammen aus bestehenden Schulbüchern, wurden aber vereinfacht. «Es wurde speziell hervorgehoben, was für unsere Lernenden sinnvoll und machbar ist», erklärt die Schulleiterin Brigitte Steinhoff. Den Berufsfachkundeunterricht baut die Schule nach Bedarf auf. Wenn sich ein Lernender für einen Beruf anmeldet, der noch nicht unterrichtet wird, heisst das für die Scala-Lehrpersonen: Den EBA-Lehrplan anschauen, die Lehrmittel besorgen und auf dieser Grundlage einen Lernplan entwickeln, der auf die individuellen Fähigkeiten angepasst ist.

Ebenso werden Arbeitsblätter und Tests für unterschiedliche Niveaus entwickelt. Ein starker Schüler, der die Ausbildung als Büroarbeiter absolviert, muss zum Beispiel alle Posten einer Bilanz benennen und eine solche erstellen können. Ein schwacher Schüler, der eine Hauswirtschaftsausbildung macht, hat auf seiner Lernkontrolle viele Bilder und muss ankreuzen, ob eine Aussage richtig oder falsch ist. Die Lehrmittel für den allgemeinbildenden Unterricht haben die Lehrerinnen und Lehrer von Grund auf neu entwickelt. Steinhoff war in diesen Prozess involviert.

Im Klassenzimmer darf David in seinem eigenen Tempo arbeiten. Die Klassenassistentin sitzt neben ihm, schaut ihm beim Schreiben über die Schulter und beantwortet seine Fragen.

«Soll ich neben dem Blatt weiterschreiben?»
«Nein, wenn du am Rand ankommst, musst du auf der nächsten Zeile weitermachen.»
«Warum?»
«Sonst musst du immer den Tisch dabei haben, wenn du es zu Hause noch einmal lesen möchtest.»

Die Klasse ist konzentriert. Die Schüler nehmen Rücksicht aufeinander. Die stärkeren erklären; die schwächeren holt Lehrer Senn immer wieder ab und motiviert sie. Niemand verdreht die Augen. Senn notiert zu jeder gefährlichen Situation einen Satz an der Wandtafel. Sarah notiert die Worte konzentriert auf ihrem Arbeitsblatt.

Sarah ist lieber in der Schule

Sie ist 18 Jahre alt, macht in der Stiftung für Behinderte in Lenzburg eine Ausbildung zur Industrie-Praktikerin. Im Unterricht ruft sie immer wieder dazwischen, versucht, die Fragen zu beantworten. Manchmal gähnt sie laut. Bei der Arbeit müsse sie gerade «Hello Family»-Säckli für Coop füllen. «Das ist anstrengend.»

Sie seufzt. «Deshalb komme ich viel lieber in die Schule – ausser, dass ich früh aufstehen muss.» Ihr Lieblingsfach ist Deutsch. Aber auch den Unterricht über die Gefahren der Elektrizität fand sie spannend. «Jetzt weiss ich alles», sagt sie, springt vom Stuhl auf und verschwindet in die Mittagspause.

* Namen geändert

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