Engagement
Diese Aargauerin schützt Wale und Delfine – mit ein wenig Hilfe aus dem Heimatkanton

Katharina Heyer designte erfolgreich Handtaschen. Doch die Meisterschwandnerin wollte mehr vom Leben. Heute schützt sie mit Hilfe aus dem Kanton Aargau Wale und Delfine. Eine Ausfahrt.

Mario Fuchs
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«Ich hatte einfach Vertrauen, dass ich Hilfe bekomme, woher auch immer»: Katharina Heyer, Walschützerin in der Strasse von Gibraltar.

«Ich hatte einfach Vertrauen, dass ich Hilfe bekomme, woher auch immer»: Katharina Heyer, Walschützerin in der Strasse von Gibraltar.

ZVG

Der Wind hat nachgelassen. Das Meer vor Tarifa, dem herzigen südspanischen Küstenstädtchen, ist an diesem Novembertag ruhig. Fischer rollen im Hafen ihre Netze auf, Möwen kreisen und schreien über ihnen.

Katharina Heyer trägt Kapuzenpulli, Schal, Sonnenbrille. Und ein zufriedenes Lachen im Gesicht. «Die See war die letzten Tage rau, heute suchen wir länger», sagt die 74-Jährige. Es ist der letzte Tag in diesem Jahr, an dem Heyer mit einem Boot ihrer Stiftung Firmm Touristen in die Strasse von Gibraltar bringt, um ihnen die Wale und Delfine zu zeigen, die hier leben.

Es war im Jahr 1997, als die erfolgreiche Handtaschen-Designerin aus Zürich über die Weihnachtstage nach Tarifa kam. Sie wollte bei Freunden etwas zur Ruhe kommen, eine Pause einlegen zwischen den stressigen Geschäftsreisen um den Globus. «Obwohl ich ein spannendes Leben führte, füllte es mich emotional nicht mehr aus», schreibt Heyer in ihrer sympathischen Biografie, die ihre unglaubliche Geschichte erzählt und diese Woche erschienen ist.

Ihr Lebensberater Ara empfahl ihr Tarifa: «Dort soll es Delfine und sogar Orcas geben.» Das war für die begeisterte Taucherin Motivation genug. Sie wollte herausfinden, ob das stimmt.

Im örtlichen Tourismusbüro wusste niemand von Meeressäugern vor der Haustür. Ein Tauchlehrer nahm sie aber mit aufs Meer – und prompt sprangen vor dem Boot Delfine umher, schwamm eine Gruppe Grindwale vorbei. Und dann passierte das, was Katharina Heyers Leben auf den Kopf stellen sollte: Gleichzeitig schnellten drei Delfine aus dem Wasser, die Körper formten ein Herz.

«Wir sind kein Zoo»

Ihr altes Leben kam Heyer plötzlich vor wie ein Turnschuh, der lange ihr Lieblingsschuh gewesen war und jetzt plötzlich nicht mehr zu ihr passte. Ihre Idee: Whalewatching anbieten und damit Geld für Erforschung und Schutz der Meeressäuger verdienen.

Heyer erinnert sich: «Ich hatte einfach Vertrauen, dass ich Hilfe bekomme, woher auch immer.» Sie baute kurzerhand eine heruntergekommene Bar zu einem Office um, fand einen Kapitän, einen Biologen, einen Sekretär – und legte los. Wie abenteuerlich der Start ins Blaue war, zeigt etwa diese Episode: Als der für das Back Office eingestellte Philipp Vorträge für die ersten Besucher aufbereiten wollte, musste er zuerst herausfinden, welche Tiere überhaupt im Meer vor Tarifa lebten.

«Ich wohne grad da oben, damit ich immer den Himmel und die Wellen sehe», deutet sie auf ein Häuschen oberhalb des Hafens. Whalewatching ist wetterabhängig. Die Tiere suchen können auch die Experten nur auf Sicht. Heyer sagt es so: «Es gibt keinen Fahrplan. Wir sind kein Zoo, sondern arbeiten eng und rücksichtsvoll mit der Natur zusammen.»

Weniger rücksichtsvoll sind die Tanker und Fähren, die zu Hunderten täglich die Meerenge zwischen Atlantik und Mittelmeer befahren. Das war der Grund, warum sie sich für die Tiere engagieren wollte: «Nur was der Mensch kennt, ist er auch bereit zu schützen.»

Ständig bedroht: Weil es hier viel zu fressen gibt, leben die Meeressäuger in der gefährlichen Strasse von Gibraltar.

Ständig bedroht: Weil es hier viel zu fressen gibt, leben die Meeressäuger in der gefährlichen Strasse von Gibraltar.

firmm.org

Dass da eine Ausländerin kommt, die keine Ahnung vom Meer hat, eine Frau ist, die anpackt, ihre Meinung sagt und Männer für sich arbeiten lässt, dafür hatten die «andalusischen Machos wenig Verständnis». Es regte sich Widerstand. Einheimische begannen ebenfalls, Touristen auszufahren. Die Hafenpolizei schikanierte mit Kontrollen. Auto und Boot wurden sabotiert.

Heute sagt Heyer: «Inzwischen bin ich respektiert. Aber ich muss alles überkorrekt machen, damit man mich nie auf dem linken Bein erwischen kann.»

«La suiza» geblieben

Für die erfahrene Geschäftsfrau war klar, dass es dafür eine Stiftung braucht. Dafür erhielt sie Hilfe aus dem Aargau. Ihr Freund Benny Stutz hatte Heyer 1997 gebeten, Präsidentin seiner Stiftung Gärtnerhaus in Meisterschwanden zu werden.

Kurz darauf revanchierte sich Stutz: er kümmerte sich um die Gründung der «Foundation for information and research on marine mammals» – kurz Firmm. Seither ist Heyer «dem Aargau immer treu geblieben»: Sitz in Meisterschwanden, Treuhandbüro in Mellingen, Jahresversammlung im KuK in Aarau.

Selber sagt die Gründerin: «Ich sehe mich nicht als Zürcherin oder Aargauerin. Ich bin ja acht Monate in Spanien, für mich ist die Schweiz mein Zuhause.» Für die Tarifeños ist Katharina Heyer bis heute einfach «la suiza».

Draussen auf dem Meer sagt Heyer ins Mikrofon: «Gewöhnliche Delfine auf 1 Uhr! Striped dolphins at 4!» In einer Datenbank werden alle Sichtungen erfasst. Die Gäste zücken ihre Kameras. Zurück an Land erklärt eine Biologin die Tiere, wie sie schlafen, was sie fressen. Warum sie bedroht sind.

Heyer ist schon unterwegs mit dem nächsten Boot. Künftig will sie etwas kürzertreten. Ein Sohn ist jetzt im Stiftungsrat. Sie sagt: «Ich habe absolut das Vertrauen, dass es gut weitergehen wird.»