Porträt

Diese Aargauerin kämpft für Frieden und Gerechtigkeit – was treibt sie an?

Lieber im Feld als im Hauptquartier: Karin Uhr, Major der Schweizer Armee, in Uniform während eines Heimatbesuchs in ihrem Elternhaus im Freiamt.

Lieber im Feld als im Hauptquartier: Karin Uhr, Major der Schweizer Armee, in Uniform während eines Heimatbesuchs in ihrem Elternhaus im Freiamt.

Die Aargauerin Karin Uhr diente für die UNO in Jerusalem und New York. Bevor sie nach Schweden in den nächsten Einsatz darf, trifft sie die AZ im Dietwiler Elternhaus.

Die Sicht aufs Feld hinaus ist weit und grün. Hier in Dietwil, oberstes Freiamt, ist Aarau so weit weg, dass die Hauptstrasse vor dem Haus Luzernerstrasse heisst. Die Sonne macht aus dem Wintergarten gerade einen Sommerspeicher, der Nachbar mäht seinen Rasen, beim Sportplatz üben Halterinnen mit ihren Hunden Kunststücke (oder umgekehrt). Karin Uhr, Kurzhaarfrisur, Sommerkleid, entspanntes Lächeln, stellt in ihrem Elternhaus einen Apfelkuchen auf den Tisch. Selbstgemacht, vegan.

Momente wie dieser sind selten im Leben der 35-Jährigen. Eben erst kam sie zurück aus New York City, «wo die Hochhäuser so gross sind, dass ganz Dietwil in einem Platz hätte». Praktikum bei den UN, United Nations, Vereinte Nationen. Sie kümmerte sich im Rechtsbüro der Personalabteilung um UN-Mitarbeiter, die unzufrieden waren mit einer Entschädigung oder sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlitten hatten. Sie recherchierte ältere Urteile, durchforstete Reglemente, entwarf Texte für die Gerichtseingabe.

Das Kriegsende üben

Menschen wie Karin Uhr treten nur selten in den Vordergrund. Sie wirken ohne Aufsehen: gleichzeitig unbemerkt von der, aber auch unentbehrlich für die Bevölkerung eines neutralen Staates wie der Schweiz.

Kurz: Sie dienen. Wenn sie einmal Erwähnung finden, dann auf einer einzigen von 94 Zeilen, auf einer Liste mit dem trockenen Titel «Beförderungen im Offizierskorps». Bern, mit Wirkung ab 1. April 2018, zum Major: Uhr Karin, 6042 Dietwil AG.

Wer Menschen wie Karin Uhr verstehen möchte, erfahren möchte, warum sie ihr Leben für Demokratie, Frieden und Recht einsetzen, der muss zuerst einige Anrufe tätigen. Nach Bern, Bundeshaus Ost, Departement Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport; dann nach Bern, Papiermühlestrasse, Stab Chef der Armee; dann nach Stans-Oberdorf, Kasernenstrasse, Kompetenzzentrum Swissint.

Dort wusste schliesslich Sprecher Mirco Baumann: «Frau Uhr arbeitet aktuell in New York für die UNO. Allerdings nicht für uns, sondern direkt für die Organisation selber.» Fünf E-Mails später stand das Treffen im Aargau.

Jetzt sitzt sie in Dietwil am Tisch, Kaffee und Kuchen vor sich, und sagt: «Am Anfang fand ich diesen Bryant Park gar nicht berauschend. Nach zwei Monaten war ich aber sehr froh um die paar Bäume.» Mit allem andern – Menschen, Essen, Umgang – könne sie sich immer gut anfreunden.

Was ihr fehle, wenn sie weg sei, seien das Grün, die Berge, die Landschaft. «Und das Hahnenwasser. Im Ausland kann man es nicht trinken oder es schmeckt nach Chlor.»
Sie komme jedes Mal wieder gerne in die Schweiz zurück. Diesmal nur für ein paar Tage. Zum Zeitpunkt, zu dem dieser Artikel erscheint, ist Uhr bereits wieder abgereist; drei Wochen militärischer Weiterbildungseinsatz in Schweden.

Erster Kurs: «Disarmament, Demobilization and Reintegration Planning Course» – die Teilnehmenden lernen, wie man an einem Kriegsende Entwaffnung, Demobilisierung und Reintegra-tion der Wehrleute plant und vorbereitet. Zweiter Kurs: «Gender Training of the Trainers» – eine Gender-Perspektive zu haben sei unentbehrlich, und diese müsse überall in Operationen, Übungen, Tätigkeiten einfliessen.

Das kann es nicht gewesen sein

Karin Uhr ist ein Mensch jener Sorte, die eigentlich längst wussten, was sie wollten, das aber nicht wussten. Grossgeworden in Menzingen ZG, mit 8 Jahren nach Dietwil gezogen, Kantonsschule Wohlen mit Wirtschaftsmatur abgeschlossen. Sie entschied sich für ein Jus-Studium in Luzern, spielte Piccolo in der Musikgesellschaft, wurde deren Präsidentin.

Daneben hörte sie im Schützenverein Geschichten aus der RS – und fragte sich: «Wie ist es wirklich im Militär?» Und vor allem: «Kann das auch eine Frau?» Sie kann. Rückte in Bière ein, lernte Radschützenpanzer fahren. Rekrutenschule, Unteroffiziersschule, Offiziersschule.

Das Recht liess Karin Uhr nicht los. Sie erlangte das Anwaltspatent. Doch als sie danach, mit 28, im Ostschweizer Rheintal als Gerichtsschreiberin hinter ihrem Pult sass, dachte sie: «Das kann es irgendwie noch nicht gewesen sein.»

Fernweh sei es nicht gewesen, das sie hinausgezogen habe: «Es ist bis heute die Materie, das Recht, das mich antreibt.» Und die Neugierde, die Lust auf neue Herausforderungen. So bewarb sie sich für die UNO-Friedensförderungsmission, wurde von Swissint zur Militärbeobachterin ausgebildet.

Seither leistete sie mehrmonatige Einsätze in Israel, Kolumbien, Kosovo. War im Kosovo Chefin einer Auswertungszelle, die wöchentlich nach Bern Bericht über die Lage vor Ort und in den Nachbarländern erstattete. «Die militärischen Einsätze fand ich schon sehr spannend. Aber das Rechtliche eben noch ein bisschen mehr. Ich vermisste es.» So schrieb sie sich in Bristol an der University of The West of England ein, absolvierte ein Nachdiplomstudium in internationalem Recht, mit Fokus auf den Menschenrechten.

Erstmals mehr Frauen

Jetzt ist sie es, die neue Militärbeobachter für die UNO ausbildet: Sie leistet ihren WK als Instruktorin in Stans, darauf folgt ein Einsatz als Kursleiterin in Finnland. «Letztes Jahr hatten wir dort zum ersten Mal mehr Frauen als Männer», erzählt Uhr begeistert.

Am Anfang hätten sich alle gefragt: «Geht das gut?» Am Schluss habe sie die Teilnehmenden gefragt, ob sie Unterschiede festgestellt hätten. Die Antwort aller: kein bisschen. «Ich fühle mich akzeptiert. In meinem militärischen Umfeld ist es normal, dass Frauen die gleichen Positionen erreichen wie Männer. Einzig Leute, die nicht viel mit dem Militär zu tun haben, finden das teilweise noch komisch.» Die UNO habe ihren Schwerpunkt auf die Gleichstellung gelegt. «Das wirkt.»

Das Militär, sagt Uhr, habe ihr Türen geöffnet. «Es hat mich so viel weiter
gebracht. Ich habe neue Stärken und Schwächen entdeckt. Und gelernt, wie ich mit ihnen umgehen kann.» Gerade muss sie ihre Stärken und Schwächen in Bewerbungsschreiben ausführen.

Auf die Weiterbildung, den WK und den Kurs in Finnland soll der nächste mehrmonatige Einsatz folgen. Vielleicht wieder bei der UNO, für das IKRK oder die OSZE. In einer Menschenrechtsabteilung, als Researcher, Officer oder Untersuchungsoffizierin. Sie blickt ins grüne Freiamt und sagt: «Ich will am liebsten wieder aufs Feld hinaus.»

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