Wirtschaft im Aargau

Die Zuckermühle Rupperswil ist eine Erfolgsgeschichte – steckt aber gerade mitten in einer der grössten Krisen

Die Produkte des Rupperswiler Unternehmens sind in der ganzen Schweiz bekannt. Wegen tiefer Preise schwinden die Gewinne. Jetzt sucht der Traditionsbetrieb nach neuen Lösungen – und will trotzdem auf Altbewährtes setzen.

Seit Januar leitet Jeannette Schärer die Zuckermühle an der SBB-Linie in Rupperswil. Für die 51-Jährige ist es ein denkbar schwieriger Start als Geschäftsführerin. Denn die Traditionsfirma mit dem ikonischen Rössli-Logo steckt gerade mitten in einer der grössten Krisen ihrer 113 Jahre alten Geschichte.

Es sind bittere Zeiten für den Handel mit den süssen Kristallen. Weil billiger Zucker aus Europa den Markt überschwemmt, sind die Preise dramatisch eingebrochen. Zuckerrübenproduzenten kämpfen um schwindende Gewinne, viele Bauern in der Schweiz haben sich bereits von der Rübenproduktion verabschiedet. Zu wenig lukrativ, heisst es.

Die Rupperswiler Zuckermühle stellt den Zucker zwar nicht selber her, sondern verarbeitet ihn zu Würfeln, Beutelchen oder Puderzucker. Doch auch sie stellt fest: Im Geschäftsbuch klafft eine Lücke, die Margen werden immer kleiner.

Dabei hat der Familienbetrieb schon einige Tiefschläge erlitten. Kurz nach der Gründung durch Carl Schärer und den Confiseur Jakob Kopp im Jahr 1906 trieb ein Preissturz die Zuckermühle an den Rand des finanziellen Ruins.

Der Konkurs konnte abgewendet werden, wenig später folgte aber die nächste Schreckensnachricht: 1915 zerstörte ein Grossbrand das Hauptgebäude, die Produktion stand bis Ende Jahr still. Diese Rückschläge und die beiden Weltkriege mit der Zuckerrationierung haben das Unternehmen empfindlich getroffen.

Doch die Mühle hat sich davon erholt und ist weitergewachsen. Über die Jahrzehnte wurden Aussenfilialen in Muttenz-Auhafen BL und Steinebrunn TG sowie ein neues Hochregallager in Rupperswil gebaut.

Weisser Zucker kommt aus der Schweiz und aus Europa, brauner Zucker aus Übersee. Jährlich rollen mehrere Tausend Tonnen der süssen Körner über die Laufbänder in der Zuckermühle. Sie gehen an Grossverteiler und Bäckereien im ganzen Land.

Einige sehen die einheimische Produktion in Gefahr

Jeannette Schärer ist die Urenkelin von Gründer Carl Schärer und die erste Frau an der Spitze des Unternehmens. Wie ihre Vorgänger wird sie die derzeitige Branchenkrise meistern müssen. Eine Krise, die vor rund zwei Jahren so richtig ausgebrochen ist, als in der EU der Zuckermarkt liberalisiert wurde.

Überproduktionen waren die Folge, das Angebot übersteigt die Nachfrage momentan bei weitem. Ein nahendes Ende ist nicht in Sicht: «So lange auf dem Weltmarkt grosse Reserven vorhanden sind, wird sich der Zuckerpreis nicht so schnell erholen», sagt Schärer.

Einzelne Vertreter in der Schweiz zweifeln mittlerweile an der Zukunft ihrer Branche, in einer kürzlich erschienenen Studie wird gar darüber nachgedacht, die einheimische Zuckerproduktion aufzugeben. Jeannette Schärer kennt die Herausforderungen.

Sie weiss, dass die Zuckermühle Rupperswil AG als private Verarbeitungsfirma mit rund 50 Angestellten nur ein kleines Zahnrädchen im System ist. Und auch, dass es an der Konkurrenz nicht mangelt: «Der Markt, auf dem wir uns bewegen, ist hart umkämpft», sagt Schärer.

In der Totalansicht mag die Zuckermühle nur wenig Gewicht haben, für Rupperswil aber bedeutet sie sehr viel, wie Gemeindeammann Rudolf Hediger betont. «Die Mühle hat einen grossen symbolischen und emotionalen Wert. In der ganzen Schweiz bringt man unser Dorf sofort mit ihrem Namen in Verbindung.»

Hediger selbst ist mit der Firma eng verbunden. Er erzählt, dass er sich als Schüler in den Lagerhallen früher das Sackgeld aufgebessert habe. Auch die Angehörigen der Familie Schärer kennt er gut, Hediger bezeichnet sie als «gut integriert und sehr bescheiden».

Umso mehr wünscht er sich, dass die Zuckermühle auf dem unberechenbaren Markt weiter bestehen kann. «Als Arbeitgeber und Aushängeschild ist sie für unsere Gemeinde unersetzbar», sagt Hediger.
Längst sind es aber nicht mehr nur die wirtschaftlichen Entwicklungen, welche die Zuckerindustrie unter Druck setzen.

Der Trend geht hin zu gesunder Ernährung; zuckerreiches Essen passt da schlecht hinein. Mit Regulierungen wollen Politiker den Zuckergehalt in den Lebensmitteln drosseln. Jeannette Schärer ist dennoch überzeugt, dass Süssigkeiten nicht vom Speiseplan verschwinden werden. «Wir verbinden süsses Essen mit Genuss, es ist immer eine Frage des Masses.» Zucker sei zudem ein wichtiger Energiespender und Geschmacksträger. Das gehe gerne mal vergessen, meint Schärer.

Der Optimismus bleibt ungebrochen

«Zucker mit Zukunft» also – so steht es auf der Homepage der Zuckermühle geschrieben. Der Leitsatz ist stellvertretend für den ungebrochenen Optimismus von Jeannette Schärer, wenn sie sagt: «Es gibt immer Chancen, und es gilt, diese zu packen.»

Mittelfristig will die Chefin ihr Geschäftsmodell anpassen, und etwa mit neuen Zuckermischprodukten wie gefärbtem und aromatisiertem Puderzucker gegen die widrigen Umstände ankämpfen. Vor allem aber besinnt sich Schärer mit ihrer Firma weiterhin aufs Kerngeschäft: das Mahlen von Zucker. Es ist das, was die Zuckermühle seit über einem Jahrhundert am besten kann.

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