Weit über 100 Architekten und Architekturinteressierte waren ins Salzhaus nach Brugg geströmt, um zu erfahren, was aus dem Kampf der Gruppe «Bibergeil» gegen den aargauischen Siedlungsbrei weiter geworden ist, ob die provokanten Thesen einer kritischen Überprüfung standgehalten haben oder ob sie als weltfremde Architektenromantik abgebucht werden müssen. Mit launigen und hintergründigen Referaten lancierten die ehemalige Regierungsrätin Susanne Hochuli und Architekturkritiker Benedikt Loderer die Diskussion im Salzhaus.

Doch diese Diskussion nahm rasch einen unerwarteten Verlauf, denn ein neues Feld tat sich auf: Es zeigte sich, dass die zunehmende Zersiedelung des Kantons von vielen Aargauerinnen und Aargauer gar nicht als Problem erkannt wird; mehr noch: An der Zersiedelung lässt sich auch gut verdienen. Oder wie es Architekturkritiker Benedikt Loderer ausdrückte: «Die Zersiedelung ist ein ökonomischer Vorgang. Einzonungen sind das beste Geschäft der letzten 50 Jahre und es handelt sich dabei stets um Koalitionen von Profiteuren.»

Die «Staumauer» von Staffelbach

Alt Regierungsrätin Susanne Hochuli stellte fest, dass in der Bevölkerung kaum ein Bewusstsein für die Gestaltung der Landschaft ringsum vorhanden sei; meistens höre die Verantwortung für den Lebensraum am Gartenhag auf. Hochuli aber nahm die Aargauerinnen und Aargauer auch in Schutz: «Woher sollen sie denn ihr Wissen nehmen? Wo werden sie geschult?» Man gewöhne sich an das, was einen umgibt. Und manchmal stelle man viel zu spät fest, dass man eine Veränderung so nicht gewollt habe. Hochuli nannte dazu als Beispiel die Gemeinde Staffelbach, wo die im Volksmund «Staumauer» genannte Überbauung das Dorf nachhaltig und auf lange Zeit verändert habe. Welche Konsequenzen die «Staumauer» für das Dorf und die Bewohner, aber auch für die Umgebung habe, dessen sei man sich im Staffelbach erst bewusst geworden, als es für Korrekturen bereits zu spät war.

Wer behaupte, die Zersiedelung der Landschaft erfolge chaotisch, beleidige unseren Rechtsstaat, erklärte Benedikt Loderer. «Wir haben saubere Zonengrenzen. Alles, was gebaut wird, entspricht den Vorschriften.»

Eine klare Unterscheidung zwischen Stadt und Land, welche die Gruppe «Bibergeil» noch stärker ausgestalten möchte, sieht Loderer schon heute nicht mehr: «Im Aargau ist die Agglomeration die heutige Form der Stadt. Und das, was im Aargau bisher als Stadt gegolten hat, ist im Grunde genommen nichts weiter als ein Quartier in dieser Agglo-Stadt.» Daraus folgt für den prominenten Architekturkritiker «Der Aargau ist durchgehend urbanisiert, kein Aargauer lebt mehr auf dem Land.» Es sei deshalb auch reiner «Selbstbetrug», wenn der Aargau sich als Landkanton bezeichne. «Der Aargau ist ein Agglo-Teppich mit Grünanteil», behauptete Loderer und erntete für diese Aussage viel zustimmendes Nicken.

Leiden am Steuersubstrat

Die Gruppe «Bibergeil» verlangt eine «gestalterisch einwirkende Kraft», die der Zersiedelung Einhalt gebietet und mittels selektivem Wachstum identitätsstiftende Lebensräume entstehen lässt. Im Klartext heisst das: Es soll nicht mehr jede Gemeinde völlig unabhängig planen, bauen und wachsen können. Planung und Entwicklung werden künftig mindestens regional gesteuert. So würde aber an der Gemeindeautonomie gekratzt. Loderer erklärte ironisch, dass jeder, der sich in der Schweiz auch nur im geringsten gegen die Gemeindeautonomie stelle, sich höchst unbeliebt mache und einen schweren Stand habe: «Wer gegen die Gemeindeautonomie ist, ist gegen den Föderalismus und damit ein schlechter Demokrat und somit auch ein schlechter Mensch.»

Benedikt Loderer kam zum Schluss, dass offensichtlich im Aargau bisher nicht die Zersiedelung das Problem sei, welches Einwohner und Politik umtreibt: «In diesem Kanton leiden alle am Steuersubstrat.»

Susanne Hochuli ermunterte die Gruppe «Bibergeil», weiterzumachen und ihre Ideen zu den Leuten zu bringen. Denn nur so könne nach und nach ein anderes Bewusstsein im Umgang mit der Landschaft entstehen. «Ich weiss, das ist eine verdammte Knochenarbeit, aber es lohnt sich», sagte die Grüne.

«Bibergeil» macht weiter

Konkret schlug sie vor, die Ideen an Schulen vorzustellen, bei Gemeinden vorzusprechen, bei Regionalplanungsgruppen, bei Kultur- und Verschönerungsvereinen. Benedikt Loderer kam zu einem ähnlichen Schluss. Die Ideen von «Bibergeil» müssten unter das Volk, sagte er. «Ihr müsst nicht uns von euren Ideen überzeugen. Ihr müsst die Konservativen auf eure Seite bringen.»

«Bibergeil utopiert weiter», sagte Lukas Zumsteg, Mitglied der Gruppe am Schluss der Veranstaltung. Man bleibe dabei weiterhin frei und unabhängig. Und man werde zu gegebener Zeit wieder informieren und den nächsten «Bibergeil-Anzeiger» produzieren. Dies trug der Gruppe grossen Applaus ein. Die Vertiefung der Diskussion erfolgte anschliessend bei Wurst, Brot und Bier.

Die Gruppe «Bibergeil»(von links): Rainer Zulauf, Rolf Meier, Martin Leder, Thomas Schneider, Beat Schneider, Lukas Zumsteg, Daniela Valentini, Andreas Graf, Peggy Liechti.

Die Gruppe «Bibergeil»(von links): Rainer Zulauf, Rolf Meier, Martin Leder, Thomas Schneider, Beat Schneider, Lukas Zumsteg, Daniela Valentini, Andreas Graf, Peggy Liechti.