Coronavirus

Die Zahl der Todesfälle steigt stärker als in der ersten Welle – die Aargauer Kantonsärztin sagt, warum

26 Corona-Patienten starben seit dem 1. Oktober im Spital. 24 entschieden sich gegen eine Behandlung auf der Intensivstation.

26 Corona-Patienten starben seit dem 1. Oktober im Spital. 24 entschieden sich gegen eine Behandlung auf der Intensivstation.

Kantonsärztin Yvonne Hummel hat mit einem Anstieg der Todesfälle gerechnet. Von den 47 Coronapatienten, die seit Anfang Oktober im Aargau gestorben sind, wurden nur zwei vorher auf der Intensivstation behandelt.

Letzte Woche gab es keinen einzigen Tag, an dem der Kanton nicht mindestens zwei neue Todesfälle von Personen gemeldet hat, die an Covid-19 erkrankt waren. 20 Personen sind letzte Woche gestorben. Vorletzte Woche waren es 21. Seit Anfang Oktober sind im Aargau 47 Menschen gestorben – seit Beginn der Pandemie 102. In den Sommermonaten meldete der Kanton kaum neue Todesfälle und auch im Frühling während der ersten Welle waren die Zahlen nie so hoch wie jetzt.

Das habe zwei Gründe, sagt Kantonsärztin Yvonne Hummel. Erstens hätten während der ersten Welle nur die Spitäler Covid-Todesfälle melden müssen. «Wir wussten im Frühling nur, wer im Spital mit Covid-19 gestorben ist.

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Wer im Heim oder zu Hause starb, wussten wir nicht.» Zweitens liessen sich die Zahlen der ersten und zweiten Welle nicht vergleichen, weil einerseits andere Testkriterien galten. «Zudem wurde während der ersten Welle weniger getestet, weil das Testmaterial knapp war», sagt Hummel. «Das heisst, wir haben mit hoher Wahrscheinlichkeit gar nicht alle Verstorbenen mit ­Covid-19 identifizieren können.»

«95 Prozent sind über 70 Jahre alt, alle hatten Vorerkrankungen»

Dass es in den letzten Wochen zu einem Anstieg bei den Todesfällen kam, überrascht die Kantonsärztin nicht. «Es ist bekannt, dass es nach einem Anstieg bei den Neuansteckungen, wie wir ihn seit Oktober in der Schweiz haben, etwa drei bis vier Wochen später auch zu einem Anstieg bei den Todesfällen kommt.» Trotzdem beobachtet der Kantonsärztliche Dienst die Entwicklung aufmerksam. Hummel interessiert vor allem das Alter und die Krankengeschichte der Verstorbenen.

Die Aargauerinnen und Aargauer, die in den letzten Wochen gestorben sind, waren im Durchschnitt 84 Jahre alt. «95 Prozent sind über 70 und alle hatten mindestens eine Vorerkrankung», sagt die Kantonsärztin. «Die Todesfälle treten also in jener Bevölkerungsgruppe auf, wo wir sie erwarten.» Es ist bekannt, dass ältere Personen und solche mit Vorerkrankungen ein höheres Risiko für schwere Verläufe haben.

Der Kantonsärztliche Dienst erhebt auch, wo die Menschen sterben. In der zweiten Welle starben 26 Personen im Spital und 14 in Alters- und Pflege­heimen. Eine Person starb zu Hause. Bei sechs ist unklar, wo sie gestorben sind, weil das Bundesamt für Gesundheit das Meldeformular aufgrund unleserlicher oder fehlender Angaben nicht zuordnen konnte.

Von den 26 Patientinnen, die im Spital starben, wurden nur zwei vorher auf der Intensivstation behandelt. «Alle anderen haben keine intensivmedizinische Behandlung gewünscht und sind auf der normalen Station gestorben», sagt die Kantonsärztin. Hummel führt das darauf zurück, dass ältere Personen und solche mit Vorerkrankungen, wenn sie sich mit Covid-19 anstecken, zwar schnell in einen Zustand kommen, in dem eine Behandlung im Spital angezeigt ist: «Aber dort entscheiden sie sich dann in vielen Fällen gegen eine Behandlung auf der Intensivstation.»

Pflegeheime sind immer wieder betroffen

Auffällig ist, dass sich das Coronavirus auch in den Pflegeheimen wieder ausbreitet. Seit Beginn der Pandemie kam es in Aargauer Heimen zu 123 Ansteckungen. Auch hier fällt auf, dass praktisch alle davon, nämlich 101, in den letzten paar Wochen gemeldet wurden. Andre Rotzetter ist Spartenpräsident Pflegeinstitutionen beim Verband Vaka. Er kennt die Zahlen, weiss, dass sie um ein Vielfaches höher sind als im Frühling. Aber die Situation sei heute eine andere: «Im Frühling hatten wir das Besuchsverbot. Die Pflegeheime waren abgeriegelt.» Dadurch sei es zu wenig Ansteckungen gekommen, sagt er.

«Gleichzeitig haben wir aber negative Auswirkungen festgestellt, weil sich Bewohner und Angehörige während Wochen nicht sehen konnten. Das wollten wir bewusst kein zweites Mal und haben uns auch beim Kanton dafür eingesetzt.» Dieser Entscheid gegen das Besuchsverbot schlage sich nun in den Zahlen nieder.

«Sind die Häuser offen, kommt es zu mehr Situationen, in denen das Virus übertragen werden kann.» Das grösste Risiko sei, dass sich ein Bewohner bei einem Angehörigen anstecke und so das Virus ins Heim bringe. «Im Gegensatz zu den Mitarbeitenden tragen die Bewohnerinnen und Bewohner im Heim auf den Wohngruppen keine Maske», sagt Rotzetter.

«Das Virus hat seinen Schrecken etwas verloren»

Im Vergleich zur ersten Welle seien die Pflegeheime heute viel besser vorbereitet. «Man kann fast sagen, das Virus hat seinen Schrecken etwas verloren», sagt Rotzetter. Im Frühling sei die Angst gross gewesen, dass eine einzige Ansteckung dazu führen könnte, dass zahlreiche Bewohnerinnen und Bewohner sterben.

Das ist zum Glück nicht passiert. Während der zweiten Welle sind im Aargau 14 Personen in Alters- und Pflegeheimen gestorben. Zwei weitere Pflegeheimbewohner sind laut Rotzetter im Spital gestorben. «Die vorhandenen Daten zeigen, dass etwa 20 bis 30 Prozent der Pflegeheimbewohner, die sich mit dem Coronavirus angesteckt haben, sterben. Positiv formuliert: 70 Prozent sterben nicht.»

Im Aargau leben rund 1000 Menschen in einem Pflegeheim. «Auch in einem Jahr ohne Corona stirbt rund ein Drittel dieser Menschen», sagt Rotzetter. Das dürfe man nicht vergessen. «In einem Pflegeheim gehören Todesfälle dazu. Sie sind der Lauf des Lebens – einige Bewohner, die gestorben sind, wären auch ohne Covid-19 gestorben.»

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