Renaissance
Die «Vaterländischen» mit Andreas Glarner ziehen in ein neues Gefecht

Bald 100 Jahre nach ihrer Gründung ist es ruhig geworden um die Vaterländische Vereinigung. Das soll sich in der Europadebatte wieder ändern. Christoph Blochers Komitee gegen einen EU-Beitritt hat sich der Vaterländischen Vereinigung angeschlossen.

Urs Moser
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Aufmarsch in Vindonissa: Die Gründungsversammlung 1918.

Aufmarsch in Vindonissa: Die Gründungsversammlung 1918.

ZVG

«Wachsam seit 1918», so wird man auf der Website der Aargauischen Vaterländischen Vereinigung AVV begrüsst. 1918, da drohte der Generalstreik. 12 000 Mann strömten ins Amphitheater Vindonissa, um ihren Schwur auf das Vaterland zu erneuern und es wenn nötig «mit Gut und Blut» gegen die befürchtete Invasion bolschewistischer Truppen zu verteidigen.

Der bolschewistische Umsturz fand nicht statt, der Eiserne Vorhang ist längst gefallen, aber die «Vaterländischen» sind immer noch da und bleiben wachsam. Ein Anachronismus, ein nostalgisches Relikt, vor wem oder was gilt es uns zu bewahren und bewachen?

Andreas Glarner: «Der Vaterlandsbegriff hat hohe Aktualität»

Andreas Glarner: «Der Vaterlandsbegriff hat hohe Aktualität»

André Albrecht

Wie oft, wenn es um eine Frage (auf-)richtigen Bürgertums geht, führt der Weg nach Oberwil-Lieli – zu Andreas Glarner, Unternehmer, Gemeinderat und Präsident der SVP-Grossratsfraktion. Er steht der Vaterländischen Vereinigung seit bald 20 Jahren vor und wurde eben an der Generalversammlung für eine weitere Amtsperiode bestätigt.

Gerade in einer Zeit wie jetzt, wo neue Unsicherheiten auftauchen, zwei Flugstunden von der Schweiz entfernt Kriegszustand herrscht, habe der Vaterlandsbegriff hohe Aktualität, sagt Glarner. Da sei es wichtig, dass es Gruppierungen ausserhalb der politischen Parteien gibt, die die Entwicklungen wachsam verfolgen.

Bereit zum Kampf gegen die EU

Nach aussen sichtbare Aktivitäten hat die Vaterländische Vereinigung in den letzten Jahren allerdings kaum entwickelt. Auf ihrer Homepage findet sich als aktuellste die Einladung zu einem öffentlichen Vortrag von «Weltwoche»-Chef Roger Köppel unter dem Titel «Die Schweiz unter Druck». Er fand im September 2009 statt. Der Abstimmungskampf zum EWR-Beitritt 1992 oder jener zur Initiative «Stop F/A-18!» gegen die Beschaffung neuer Kampfflugzeuge ein Jahr später, das waren die letzten Höhepunkte.

Nach der Gripen-Abstimmung fragte Präsident Glarner im vierteljährlich erscheinenden Bulletin «Die Lupe» selbstkritisch: «Wo war unser Engagement? Waren wir wirklich alarmiert? Waren wir wie 1993 auf dem Bundesplatz? Haben wir den Pin getragen, weil er uns gefallen hat – oder weil wir jeden Abend für unseren Gripen unterwegs waren?»

Zugegeben, im Moment konzentriere sich die Energie eher darauf, das Andenken zu bewahren und das 100-jährige Bestehen zu erleben, scherzt Glarner. Um aber gleich wieder ernst zu werden: «Wir kämpfen nach wie vor für die Freiheit und Unabhängigkeit unseres Landes.» Und da gibt es einen, der in dieser Sache auch in seinen wohl letzten grossen Kampf zieht: Christoph Blocher.

Christoph Blocher zieht in seinen vielleicht letzten grossen Kampf.

Christoph Blocher zieht in seinen vielleicht letzten grossen Kampf.

Keystone

Seinem Komitee «Nein zum schleichenden EU-Beitritt» hat sich auch die Vaterländische Vereinigung angeschlossen. Auch wenn er noch keine konkreten Pläne vorlegen kann, verspricht Präsident Glarner: In der Auseinandersetzung um das Verhältnis der Schweiz zur Europäischen Union «wird man wieder von uns hören». Im Vorstand der Vaterländischen Vereinigung sitzt auch Pascal Furer, SVP-Grossrat und Parteisekretär. Er wurde als Verbindungsmann zum Blocher-Komitee eingesetzt und nimmt auch an dessen Sitzungen teil.

Kein SVP-Ableger

Der Kampf an Blochers Seite gegen fremde Richter und für die Unabhängigkeit soll also auch den «Vaterländischen» im Aargau zu einer Renaissance verhelfen. Die anderen bürgerlichen Parteien sehen allerdings eher in der zunehmenden Radikalisierung der SVP und ihren isolationistischen Initiativen eine Gefahr für das Vaterland. Ist aus dem Bollwerk gegen revolutionäre Umtriebe und für den Erhalt der demokratischen und föderalistischen Struktur des Landes ein blosser SVP-Ableger geworden?

Der Präsident widerspricht vehement. Wäre dem so, dann hätte die Vaterländische Vereinigung tatsächlich ihre Daseinsberechtigung verloren, sagt Glarner. Man sei eine echt überparteiliche beziehungsweise parteiunabhängige Organisation, darauf legt er Wert. Hingegen seien jene Freisinnige, die sich ihnen anschliessen, eben «echte» oder «Ur-Freisinnige», während die Auftritte von FDP-Schweiz-Präsident Philipp Müller (bezeichnete die angekündigten SVP-Initiativen zum Asyl- und Völkerrecht als «brandgefährlich» und «absurd») eher Ausdruck eines «krampfhaften Abgrenzungsversuchs» seien.

Wie gross ist heute das Potenzial der Vaterlandstreuen, die ausserhalb von Parteistrukturen für einen politischen Kampf mobilisiert werden könnten? Die Vereinigung gibt ihre Mitgliederzahl mit rund 600 an – über die Jahrzehnte deutlich gesunken, aber in letzter Zeit eher stabil. Die wegsterbenden würden durch Neueintritte vermehrt wieder jüngerer Mitglieder kompensiert, sagt Glarner. Wie zum Beweis hat er just am Tag des Besuchs des Journalisten ein Anmeldeformular in der Post.