Fall Adeline
«Die Todesstrafe schreckt einen schweren Straftäter nicht ab»

Josef Sachs hat als forensischer Psychiater der Klinik Königsfelden regelmässig mit gefährlichen Straftätern zu tun. Er wehrt sich dagegen, dass die Psychiatrie mit ihren Gutachten die Verantwortung für das Täterrisiko übernehmen soll.

Fabian Hägler
Drucken
Teilen
Josef Sachs ist seit über 20 Jahren Leiter des Departements Forensik der Psychiatrischen Dienste Aargau. Annika Bütschi

Josef Sachs ist seit über 20 Jahren Leiter des Departements Forensik der Psychiatrischen Dienste Aargau. Annika Bütschi

Der Fall Adeline bewegt seit Tagen die Schweiz. Die Frage, die sich dabei alle stellen: Warum wurde nicht rechtzeitig erkannt, dass der mutmassliche Mörder Fabrice A. gefährlich ist?

Ein Täter ist nicht immer gleich gefährlich. Detaillierte Risikoabschätzungen werden regelmässig gemacht, zum Beispiel alle sechs Monate oder jährlich. Die wichtigsten Risikofaktoren des einzelnen Täters können aber bei jedem Kontakt geprüft werden. Das können konflikthafte Beziehungen zu Frauen, Missbrauch von Alkohol oder Drogen oder sozialer Rückzug sein.

Wer hätte diese Risikofaktoren beurteilen müssen?

Ein ausgebildeter Psychiater achtet auf diese Risikofaktoren, Veränderungen können aber nicht in jedem Fall rechtzeitig erkannt werden. Wenn die Tatvorbereitung im Kopf stattfindet, kann auch ein forensischer Psychiater nicht das Stethoskop auspacken und in den Täter hineinhören, ob sich ein Erdbeben ankündigt.

Hätte die Therapeutin selber nicht merken können, dass Fabrice A. ihr gefährlich werden kann?

Bei einer therapeutischen Beziehung kann man einen Menschen nicht gleich objektiv beurteilen, wie wenn man von aussen kommt. Zudem zeichnen sich derartige Delikte selten im unmittelbaren Vorfeld ab. Für das Umfeld kommen sie häufig wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Deshalb ist eine periodische Beurteilung durch einen neutralen, an der Therapie nicht beteiligten Gutachter notwendig.

Haben Sie nach dem Fall Adeline nun Angst, dass es im Aargau auch einen Täter gibt, den Sie fälschlicherweise als ungefährlich eingestuft haben?

Das ist immer wie ein Schatten hinter mir. Es kann auch bei uns passieren, dass bei einem Menschen, bei dem man es nicht erwarten würde, eine Katastrophe passiert. Es ist eine schwierige Gratwanderung zwischen strengsten Sicherheitsmassnahmen ohne therapeutische Möglichkeiten und Vollzugsöffnungen, die für die Resozialisierung unumgänglich sind. Dieser Umgang mit dem Risiko ist nicht einfach.

Spielen Täter den Forensikern bewusst etwas vor, um sie zu täuschen?

Es gibt Täter, die wichtige Dinge wie Fantasien nicht offenbaren in der Therapie. Parallel dazu findet eine unbewusste Verdrängung statt. Der Täter schätzt sein Handeln und die Risikosituation als weniger gefährlich ein, um sich selber zu schützen. Er legt sich Dinge so zurecht, dass sie ins eigene Weltbild passen. Ein Beispiel: Eine Frau ist in den Augen des Täters ein Sexualobjekt, entsprechend passt er auch seine Wahrnehmung an.

Dennoch gibt es unter den Tätern wohl auch gute Schauspieler, die ihren Therapeuten etwas vorgaukeln?

Ja, das kommt vor, vor allem bei Tätern, die lange in der Therapie sind. Diese wissen mit der Zeit relativ genau, worauf Psychologen und Therapeuten schauen. Sie kennen die Konsequenzen gewisser Äusserungen. Und sie wissen, was sie nicht sagen dürfen, wenn sie grösseren Freiraum möchten.

Wie verhalten Sie sich als Forensiker bei Tätern, wenn nicht klar ist, welche ihrer Aussagen wirklich stimmen?

Es wäre falsch, immer Detektiv zu spielen, dann kommt ein Therapeut in eine falsche Rolle. Man muss mit dem arbeiten, was jemand anbietet, und kann nicht jedes Wort hinterfragen. Die Therapie darf aber nicht im luftleeren Raum stattfinden, der Therapeut muss Kontakt haben mit dem Umfeld des Täters. So kann man abschätzen, ob das Verhalten in der Therapie mit dem Verhalten ausserhalb übereinstimmt oder ob es grosse Unterschiede gibt.

Das heisst aber, dass ein gewisses Vertrauensverhältnis zwischen Therapeut und Täter vorhanden sein muss?

Ja, das ist notwendig – und zugleich der Grund, warum ein Therapeut die Gefährlichkeit eines Täters nicht besonders gut beurteilen kann. Deshalb müssen wichtige Einschätzungen, vor allem Gutachten, von aussen gemacht werden.

Wie viel Verantwortung übernehmen Sie als forensischer Psychiater mit einem Gutachten über einen Täter?

In einem Gutachten wird nie stehen, ein Mensch werde zu 100 Prozent nie eine Straftat begehen – oder ganz sicher. «Ein Rückfall ist auszuschliessen» wäre zum Beispiel eine völlig falsche Aussage in einem Gutachten. Man macht eine Risikoeinschätzung, ein hohes Risiko wären zum Beispiel 70 bis 90 Prozent, ein niedriges im einstelligen Prozentbereich. Je mehr sich das Risiko zur Mitte bewegt, umso unschärfer wird die Vorhersage.

Dennoch gibt es Fälle, bei denen als wenig gefährlich eingeschätzte Menschen schreckliche Taten begehen.

Das ist das Kernproblem: Wir können nur Wahrscheinlichkeiten angeben. Einem Opfer oder seinen Angehörigen hilft es aber nichts, wenn das Risiko im Gutachten mit 5 Prozent angegeben wurde. Die Öffentlichkeit will eine eindeutige Vorhersage, keine Einschätzung: Passiert etwas oder passiert nichts? Und eine solche absolute Aussage kann kein Gutachter liefern.

Die Entscheidung über das Strafmass trifft letztlich ein Gericht. Doch wird sich kein Gericht über ein psychiatrisches Gutachten hinwegsetzen?

Die Gerichte neigen dazu, die Psychiatrie für das Risiko verantwortlich zu machen. Dabei ist es letztlich ein gesellschaftlicher Entscheid, wie viel Risiko man in Kauf nehmen will. Und es hängt auch sehr von der Tat ab: Wenn das Rückfallrisiko bei einem Ladendieb bei 30 Prozent liegt, ist dies eine völlig andere Situation, als wenn es sich um einen Sexualmörder handelt.

Es gibt relativ wenige forensische Psychiater in der Schweiz – besteht nicht die Gefahr, dass immer wieder der gleiche Experte einen Täter beurteilt?

Die Risikobeurteilung muss immer ein anderer Psychiater vornehmen, der den Täter noch nie behandelt oder begutachtet hat. Ich bin Mitglied der Fachkommission für die Beurteilung von gemeingefährlichen Straftätern. Dort werden Täter beurteilt, bevor sie entlassen werden oder wenn grössere Lockerungen anstehen. Es kommt vor, dass man kaum noch einen Experten findet, der noch nie mit dem Täter zu tun hatte.

Nach dem Fall Adeline stellt die FDP Aargau den Resozialisierungsgedanken grundsätzlich infrage.

Tatsache ist: Nicht jeder Täter ist resozialisierbar. Nicht resozialisierbar sind Rückfalltäter, die mehrere erfolglose Therapien hinter sich haben. Es ist wichtig, dass solche Täter erkannt werden. Heute haben Gerichte aber die Tendenz, schon bei relativ geringer Therapieaussicht eine Therapie anzuordnen.

Im Zusammenhang mit dem Fall Fabrice A. ist die Forderung nach der Todesstrafe aufgekommen – was sind das für Leute, die so etwas fordern?

Die Forderung basiert auf der Idee, dass man mit schwierigen Menschen nichts zu tun haben will. Dies mit der Idee, wir würden sicherer leben ohne diese Menschen. Dies würde aus meiner Sicht aber nichts bringen, die Todesstrafe allein schreckt einen schweren Straftäter nicht ab.

Was schreckt denn einen schweren Straftäter ab?

Das Risiko, erwischt zu werden. Eigentlich müsste bei einem schweren Straftäter immer jemand dahinter stehen und ihm auf die Finger klopfen, wenn er etwas Falsches macht. Der Täter muss merken: Sobald ich eine gewisse Grenze überschreite, registriert das jemand und es hat Konsequenzen.

Aktuelle Nachrichten