Traubenernte
Die Suzukii-Fliege frustriert viele Aargauer Rebbauern

Trotz verschiedener Massnahmen hat ein kleiner Schädling eine frühe Noternte und massive Ertragsausfälle in vielen Rebbergen verursacht. Immerhin konnten bei den weissen Trauben die gewünschten Öchslezahlen erreicht werden.

Hans Lüthi
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Wilfried Kaufmann zeigt in Klingnau eine mit der Kalk-lösung behandelte Traube.

Wilfried Kaufmann zeigt in Klingnau eine mit der Kalk-lösung behandelte Traube.

Hans Lüthi

«Das gab es noch nie», ist unter den Aargauer Weinbauern zu einer gängigen Floskel geworden. Dabei ist immer die Rede von den nur zwei bis drei Millimeter kleinen Kirschessigfliegen oder Drosophila suzukii. Nach dem Befall von Kirschen und Zwetschgen wüten sie heuer erstmals in den Rebbergen. Nie zuvor hat man nur einen Tag nach den weissen Trauben, den Riesling-Sylvanern, auch schon die Blauburgunder geerntet.

Normalerweise gönnt man den blauen Trauben gerne zwei bis drei schöne Herbstwochen. Dadurch steigt der in Öchslezahlen gemessene Zuckergehalt auf ein Niveau für einen gehaltvolleren Wein. Am Döttinger Winzerfest-Wochenende wüssten die Aargauer Rebbauern ohnehin Besseres zu tun, als Trauben zu schneiden.

Jetzt aber stehen sie da und müssen jede Traube dreimal umdrehen, um sie mühsam nach befallenen oder faulen Beeren abzusuchen. Der Aufwand wird drastisch grösser, der Ertrag teilweise dramatisch kleiner. Eine solche Ernte bereitet keine Freude. Das zeigte sich am Freitag und Samstag in vielen Rebbergen, auch in Klingnau.

Bildung von Essigsäure

Bis im Sommer deutete alles auf einen hervorragenden Jahrgang hin. Trotz des vielen Regens waren die Früchte kerngesund, der Behang an den Stöcken überdurchschnittlich gross. Der Befall durch Kirschessigfliegen ist darum so schlimm, weil sich in den angestochenen Beeren Essig bildet. Beim Einschleppen in den Keller wäre das für den Wein verheerend. Darum hat das Bundesamt für Landwirtschaft Spritzmittel erlaubt, die sonst ab Mitte August verboten sind.

Einmalig darum auch die Situation bei der Ernte in Klingnau, dass im Grundstück nebenan das Spritzfahrzeug zirkulierte. Die vom Würenlinger Rebbauern Andreas Meier auch in Klingnau eingesetzte Kalklösung hat an den Trauben weissliche Spuren hinterlassen. Aber mit dem grossen Vorteil, dass in den behandelten Gebieten vom verfluchten Schädling wenig zu sehen ist. Befallen sind nur vereinzelte Beeren.

Ein Unglück kommt selten allein: Weniger durch die Suzukii-Fliegen als vielmehr durch das feuchtwarme Wetter hat sich die Pilzkrankheit Botrytis stark ausgebreitet. 20 bis 25 Prozent der weissen Trauben mussten etwa im Klingnauer Rebberg Dornestigele auf den Boden geschnitten werden. Und bei den Blauburgundern grassiert zudem die Stiellähme und reduziert die Menge.

Die Folgen sind ungewiss

Weil die Situation einmalig ist, sind die Folgen für die Kelterung des Weins und für die nächsten Jahre ungewiss. Immerhin: Bei den weissen Sorten sind die gewünschten Öchslezahlen erreicht oder übertroffen worden, was eine sehr gute Qualität verspricht. In den Rebbergen mit Pinot noir riecht es vielerorts schlimm nach Essig – was noch mehr Essigfliegen anzieht.

«Selbst in der Fachwelt ist es umstritten, ob die Spritzmittel überhaupt wirken», sagt Rebbaukommissär Peter Rey. «Im nächsten Jahr können wir mehr dagegen tun», lautet seine Hoffnung. Vorerst aber müssen die Rebbauern mit massiven Ertragseinbussen kämpfen – entsprechend besorgt bis frustriert sind viele.