Abschiedsserie (2/4)
«Die Spezies Mensch ist hochgradig gefährdet»

az-Redaktor Hans Lüthi im Gespräch mit Johannes Jenny, dessen Naturschutz Schlagzeilen macht. Jenny sagt, warum die Natur immer verliert und warum er eben nicht für Blüemliwiesen und Streichelzoos plädiert.

Hans Lüthi
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az-Redaktor Hans Lüthi beim Gespräch mit Johannes Jenny im «Da Giusi» am Ziegelrain Aarau. Zu Natur und Energie liefert der Geschäftsführer von Pro Natura Aargau öfters Schlagzeilen. Das giftblaue Getränke ist übrigens Heidelbeer-Gazosa aus dem Misox.Emanuel Freudiger

az-Redaktor Hans Lüthi beim Gespräch mit Johannes Jenny im «Da Giusi» am Ziegelrain Aarau. Zu Natur und Energie liefert der Geschäftsführer von Pro Natura Aargau öfters Schlagzeilen. Das giftblaue Getränke ist übrigens Heidelbeer-Gazosa aus dem Misox.Emanuel Freudiger

20 Jahre Auenschutzpark feiert der Aargau mit dem Projekt am Rhein in Rietheim. Werten Sie das als einen grossen Erfolg?

Johannes Jenny: Ja, und wir sind stolz darauf, dass der Aargau der einzige Staat auf der Welt ist, der den Auenschutz in der Verfassung festgeschrieben hat. Dort steht ein Prozent der Kantonsfläche als Minimum, und wir Aargauer sind sicher keine Minimalisten. Der Chly Rhy in Rietheim ist ein ganz besonderes Projekt. Es hat den grössten Anteil von Landwirtschaftsland. Das gab viele Widerstände, von der Idee zur Realisierung vergingen 15 Jahre!

Sind die Aargauer umweltsensibler als die Bewohner in den anderen Kantonen?

Die Annahme der Auen-Initiative der Umweltverbände heisst schon viel, die meisten Initiativen werden ja abgelehnt. Wir haben im Aargau traditionell eine starke Pro-Natura-Sektion und als Pendant eine starke und gute Abteilung Landschaft und Gewässer beim Kanton aufgebaut.

Und wo läuft es falsch im Aargauer Umweltschutz?

Es läuft nicht so viel falsch. Wir konnten das Aussterben des Laubfrosches verhindern und den Kuckuck gibt es auch noch. Aber die Tatsachen im Land sprechen gegen uns: Die Bauzonen wachsen und die Arten verschwinden.

Wie stark beeinflusst das Wachstum die Zersiedlung bei jährlich 70 000 bis 90 000 neuen Einwohnern in der Schweiz?

Das ist eine grosse Herausforderung, es ist klar, dass wir an unsere Grenzen kommen. Es gibt einen intensiven Konkurrenzkampf um die Flächen, das sehen wir in den Diskussionen um Landwirtschaft und Bauzonen. Pro Natura ist der grösste private Grundeigentümer im Aargau, aber die Natur verliert immer noch.

Haben auch viele Grüne und Umweltschützer der Masseneinwanderungsinitiative zugestimmt?

Das Resultat ist eine Reaktion darauf, dass sich die Sachpolitik diesen Fragen verschlossen hat. Aber wir müssen darüber reden, wie viele Einwohner in der Schweiz Platz haben. Und auch über den Flächenbedarf pro Person, der beim Wohnen und beim Verkehr stark zugenommen hat.

Pro Natura will eine nachhaltige Landwirtschaft mit Naturerlebnis, Plädieren Sie damit für Blüemliwiesen und Streichelzoos?

Nein, das heisst es gerade nicht. Ich finde es grundlegend falsch, den Naturschutz von der Landwirtschaft zu trennen. Viele heutige Arten verdanken wir der Landwirtschaft. Wir brauchen Bauern, welche den Boden erhalten und die Biodiversität auch. Sie bewirtschaften unsere Schutzgebiete nachhaltig, mit dem Mähen der Naturwiesen und dem extensiven Beweiden.

Woher, bitte, sollen denn unsere Nahrungsmittel kommen?

Im Zweiten Weltkrieg wollten wir uns mit der Anbauschlacht selber ernähren. Das ist nicht ganz gelungen, bei damals unter fünf Millionen Einwohnern. Die Schweiz ist, das schleckt keine Geiss weg, eine Stadt mit grossen Parks dazwischen. Mit diesen Flächen können wir die acht Millionen Einwohner nicht ernähren, wenn wir die Böden nicht kaputtmachen wollen.

Mit Import stehlen wir das Essen vom Tisch der Ärmsten, hat der frühere Bauernpräsident Andreas Villiger gesagt.

Mit kaputten Böden müssen wir in Zukunft noch mehr importieren. Den Versorgungsgrad kann man erhöhen, wenn man auf Soja-Import verzichtet und nur noch so viele Tiere hält, wie unser Boden ernähren kann, und zwar auf den nicht ackerfähigen Flächen, etwa im Jura. Dort erschliessen uns die Tiere Kalorien. Aber wenn wir sie mit Futter füttern, das wir selber essen könnten, ist das nicht nachhaltig und wir reduzieren den Versorgungsgrad. Es ist ein Trugschluss, wenn wir einfach viele Futtermittel, Dünger und Hilfsstoffe importieren und meinen, das sei Schweizer Landwirtschaft.

Sollen wir vielleicht das Fleisch aus Argentinien importieren?

Wenn wir nur Filet, Entrecôte und Huft aus Argentinien importieren, ergibt das eine sehr gute Ökobilanz. Weil wir Rosinenpicker sind und nur die Edelstücke essen, entstehen bei uns sehr viele Fleischabfälle. Es lohnt sich nicht, dafür ein ganzes Tier zu produzieren und viel Energie in die Entsorgung zu stecken. In Argentinien wird alles gegessen. Zudem haben die Argentinier die Filets nicht besonders gern. Wenn man sie stundenlang grilliert, kann man damit jemanden erschlagen, aber essen kann man es sicher nicht mehr.

Sie sind ja regelmässig in der Pampa in Südamerika unterwegs. Denken Sie auch ans Auswandern?

Das habe ich mir auch schon überlegt. Aber ich bin gern ein Wanderer zwischen den Welten. Die Weite der Pampa weitet auch den Horizont. Wenn ich sehe, was die Leute dort bewegt, bin ich mit unseren Problemen wieder zufrieden.

Die Sektion Aargau fährt gern einen anderen Kurs als Pro Natura Schweiz, gibt das viele Konflikte?

Wenn man Neues macht, wird diskutiert, das ist klar. Aber wir versuchen, im Konsens mit Pro Natura Schweiz zu agieren. Zu den Ausnahmen gehörte die Verbotsinitiative für die Hasenjagd. Unseres Erachtens sollte man nicht jene Leute bestrafen, die sich stark für die Hasen einsetzen.

Bei der Energie wollen Sie nur sparen. Warum wollen Sie nicht auf Wind- und Solarstrom setzen?

Mit Wind und Sonne geht es physikalisch nicht auf. Dieser Strom ist unsinnig teuer und fällt nicht dann an, wenn wir ihn brauchen. Heute haben wir ja oft Dumpingpreise im europäischen Markt. Die Deutsche Bahn heizt im Sommer die Weichen, um Solarstrom zu verbrennen.

Und woher kommt die nötige Bandenergie ohne AKW?

Wir brauchen in erster Linie Spitzenenergie, wenn Wind und Sonne fehlen. Wenn am meisten Strom gebraucht wird, kann man am meisten sparen. Die Heizwasserpumpen sind überdimensioniert, mit der nötigen Grösse könnte man das AKW Mühleberg im Winter einsparen. Darum muss man das zuerst machen, die richtigen Alternativen bei der Produktion fehlen noch. Die künstliche Photosynthese brächte lagerfähige Energie, das wird auch kommen.

Bis dann setzen Sie auf Import, von Kohlestrom aus Deutschland oder von Atomstrom aus Frankreich?

Autonom können wir nicht funktionieren, bei der Nahrung und beim Strom nicht. Aber wir können weniger verschwenden. Als gutes Beispiel hat Gontenschwil beim Gemeindezentrum zuerst das realisiert, was am wenigsten kostet und die grösste Effizienz bringt. Wir müssen das Geld dort investieren, wo wir am meisten Energie ernten.

Und in der Politik, können Sie als freisinniger Grossrat etwas bewirken, oder müssten Sie bei den Grünen sein?

Freisinniger als Kostenwahrheit und Abschaffung aller Subventionen für Kern-, Wind- und Sonnenenergie» geht es doch gar nicht. Ohne die FDP-Baudirektoren der letzten Jahrzehnte gäbe es den Aargauer Auenschutzpark nicht. Die Umweltthemen sollten nicht nur in einer Partei behandelt werden. Darum bin ich bei den Freisinnigen am goldrichtigen Ort.

Blicken Sie trotz allem mit Zuversicht in die Zukunft?

Die Natur selbst braucht keinen Naturschutz. Die Erde hat noch ein paar Millionen Jahre Zeit, um neue Arten zu entwickeln, bis die Sonne definitiv untergeht. Wer keine Zeit hat, ist die Spezies Mensch, sie ist hochgradig gefährdet. Die Erhaltung der Vielfalt macht nur Sinn für die Menschen, unabhängig, ob das hier ist oder in Südamerika.