Reportage
Sintflut beendet den Match: Am Schluss sind die Zuschauer im Aarauer Public Viewing pflotschnass – aber glücklich

Beste Stimmung im Public Viewing im Aarauer Schlossgarten, bis der Bildschirm in der 86. Minute schwarz wird. Nun hat Schutz vor der Regenwand höchste Priorität. Doch sobald im Trockenen, wird das Spiel auf dem Handy fertig geschaut.

Ann-Kathrin Amstutz
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Kreischende Gäste, klirrende Gläser, umgekippte Stühle: Plötzlich geht alles drunter und drüber, Chaos im Aarauer Schlossbiergarten.

Der Match zwischen der Schweiz und der Türkei ist fast zu Ende, als der Himmel seine Schleusen öffnet, die Angestellten wie auf Kommando alle Sonnenschirme zuklappen und Dutzende Menschen innert Sekunden durchnässt dastehen. Die kalte Dusche lässt die Menschen kopflos durcheinanderlaufen und irgendwo Schutz suchen, sei er auch noch so klein.

Fussball EM. Schweiz-Türkei aus dem Public Viewing im SCHLOSSBIERGARTEN AARAU.
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Fussball EM. Schweiz-Türkei aus dem Public Viewing im SCHLOSSBIERGARTEN AARAU.
Fussball EM. Schweiz-Türkei aus dem Public Viewing im SCHLOSSBIERGARTEN AARAU.
Fussball EM. Schweiz-Türkei aus dem Public Viewing im SCHLOSSBIERGARTEN AARAU.
Fussball EM. Schweiz-Türkei aus dem Public Viewing im SCHLOSSBIERGARTEN AARAU.
Fussball EM. Schweiz-Türkei aus dem Public Viewing im SCHLOSSBIERGARTEN AARAU.
Fussball EM. Schweiz-Türkei aus dem Public Viewing im SCHLOSSBIERGARTEN AARAU.
Fussball EM. Schweiz-Türkei aus dem Public Viewing im SCHLOSSBIERGARTEN AARAU.
Fussball EM. Schweiz-Türkei aus dem Public Viewing im SCHLOSSBIERGARTEN AARAU.
Fussball EM. Schweiz-Türkei aus dem Public Viewing im SCHLOSSBIERGARTEN AARAU.

Fussball EM. Schweiz-Türkei aus dem Public Viewing im SCHLOSSBIERGARTEN AARAU.

Roland Schmid

Dass der grosse Fernseh-Bildschirm zugleich schwarz wird, bemerken die meisten kaum. Plötzlich ist das Fussballspiel sekundär.

Doch von Anfang an: Drei Stunden früher hängen die Gewitterwolken apokalyptisch über der Aarauer Altstadt. Es scheint, als stünde das Wetter an diesem Abend sinnbildlich für die Lage der Schweizer Nationalmannschaft, für die es bald um alles oder nichts geht.

Die Blitze und das Donnergrollen sind eine passende Kulisse für den bald beginnenden Fussballmatch. Im Schlossbiergarten neben dem Aarauer Schlössli retten sich die Fans unter die riesigen Sonnenschirme. Trotz des drohenden Unwetters sind sie, die hartgesottenen EM-Fiebrigen, zu Dutzenden da.

Trotz Unwetter: Beste Stimmung im Public Viewing im Aarauer Schlossgarten.

Ann-Kathrin Amstutz

Jetzt kauern sie sich zusammen, der Kiesboden löst sich im strömenden Regen in kleine Bäche auf. Im hinteren Teil des Biergartens findet sich eine Schicksalsgemeinschaft zusammen: Rolf und Jana aus Aarau sind zu Thomas und Yannick aus Vordemwald geflüchtet. Was traut die Gruppe den Schweizern an dieser EM noch zu? «Nicht mehr viel, wenn sie so weiterspielen», erklärt Jana lachend. Trotzdem hat sie das Nati-Leibchen montiert - Ehrensache!

Dem 12-jährigen Yannick macht der Regen nichts aus: «Wir sind ja am Schärme», meint er. Nicht so David aus Aarau. «Ich bin pflotschnass!», ruft er aus. Mit seinen Kollegen David und Dimitri hat er einen Tisch am Rand erwischt - keine Chance, dem Regen zu entkommen.

«Ich habe auf ein 5:0 getippt, sie müssen einfach gewinnen»

Die Stimmung lassen sie sich auf jeden Fall nicht verderben: «Ich habe auf ein 5:0 für die Schweiz getippt», erklärt Dimitri. «Sie müssen einfach gewinnen.» Sein WG-Kollege David glaubt dagegen nicht, dass die Türken gegen die Schweiz völlig untergehen: «Die haben noch mehr Nationalstolz als wir – eine hohe Niederlage wäre für sie ein grösseres Desaster.»

Vergeblich versucht David, sich mit dem nassen Feuerzeug eine Zigarette anzuzünden. Zwanzig Minuten vor Anpfiff gibt es ein Problem mit dem Livestream, auf einmal sind Ton und Bild weg. Drei mit Pelerinen bewehrte Servicekräfte machen sich an die Lösung des Problems.

«Lieber jetzt als während des Spiels», kommentiert David. Dann wird der Regen endlich schwächer. Rechtzeitig auf den Anstoss, während ein paar Fans mit mehr Inbrunst als Musikalität die Nationalhymne mitsingen. Dann rollt der Ball.

Schon in der vierten Minute schnellt der Puls ein erstes Mal in die Höhe: der erste türkische Torschuss wird von Torhüter Yann Sommer bravourös pariert. Allseits heisst es: «So wird das nichts mit dem Sieg!»

Zwei Schüsse, zwei Tore: «Das nenne ich Effizienz, Alter!»

Als hätten das die Schweizer Fussballer gehört, geht es in die andere Richtung, und in der sechsten Minute schiesst Haris Seferovic den Aarauer Schlossbiergarten ins Glück. 1:0 für die Schweiz! Und der Schweizer Lauf geht weiter.

Als Xherdan Shaqiri zwanzig Minuten später zum 2:0 einschiesst, gibt es kein Halten mehr. «Das nenne ich Effizienz, Alter! Zwei Schüsse, zwei Tore», tönt es aus der vordersten Reihe. Da sitzen der 16-jährige Eduard aus Erlinsbach und seine 15 Kollegen. Sie sind es, die Stimmung machen im Schlossbiergarten.

Als Shaqiri zum nächsten Alleingang ansetzt, schreien ihn die Jungs in Richtung des türkischen Tores. Und greifen sich an den Kopf, als der Torhüter seinen Schuss mit dem Fuss ablenkt und der Ball knapp am Tor vorbeirollt.

Mittlerweile sind im Public Viewing fast alle Plätze besetzt. Die Stimmung geht in den Keller, als die Türken in der 62. Minute den Anschlusstreffer erzielen. Das grosse Zittern beginnt. Es folgt die Erleichterung, als Shaqiri mit dem 3:1 alles klar zu machen scheint. Und dann, in der 86. Minute, kommt der sintflutartige Regen.

«Plötzlich haben sie die Schirme ohne Vorwarnung zugeklappt», ruft Tobi aus, der direkt unter einem Schirm sass. «Da habe ich die volle Ladung abgekriegt.» Das Ende des Matches verfolgen die Menschen am Handy. Als der erste Schreck verflogen ist, kommen alle aus ihrem Unterschlupf. Sie sind komplett durchnässt, aber sie jubeln. Die Schweiz hat gewonnen.

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