Tourismus

Die Schweiz bleibt daheim – macht sie nun Ferien im Aargau?

Das Schloss Hallwyl gehört zu den schönsten Schlössern der Schweiz. Auch im Sommer ist das Wasserschloss ein Touristenmagnet.

Das Schloss Hallwyl gehört zu den schönsten Schlössern der Schweiz. Auch im Sommer ist das Wasserschloss ein Touristenmagnet.

Viele Leute verzichten diesen Sommer auf Auslandreisen. Den Aargauer Tourismus trifft die Coronakrise weniger stark als das Berner Oberland oder Luzern, die stark von Gruppenreisen abhängig sind. Trotzdem dürfte es ein harter Sommer für den kantonalen Tourismus werden.

Das Licht am Ende des Tunnels ist sichtbar. Erste Lockerungen des Lockdowns stehen unmittelbar bevor – und doch ist schon heute klar, dass dieser Sommer anders wird als die in den Jahren zuvor. Ob die Grenzen aufgehen, steht noch in den Sternen. Aber selbst wenn die Schweiz ihre Einigelung löst: Viele Menschen werden nicht verreisen, viele werden in der Schweiz bleiben, hier ihre Freizeit und ihre Ferien verbringen. Ist das eine Chance für den ansonsten hinter anderen Schweizer Tourismus-Destinationen in Vergessenheit geratenen Kanton Aargau?

Andrea Portmann, Direktorin von Aargau Tourismus, zögert, als sie am Telefon das Wort Chance hört. Dann sagt sie: «Es ist schwierig, in der momentanen Situation von einer Chance zu sprechen.» Noch ist alles zu. Museen, Thermalbäder, Restaurants, auch die meisten Hotels. «Es gibt praktisch keine Nachfrage. Zwischen Aarau und Baden haben nur wenige Häuser geöffnet – und alle laufen miserabel», sagt Dominik Wyss, Präsident des Aargauer Hoteliervereins.

Die 18 schönsten Aussichtspunkte im Aargau:

Die Konkurrenz um Schweizer Touristen wächst

Überhaupt sieht Wyss für seine Branche düster. Das heisst vor allem für die Hotels im Aargau. «Nahezu alle Hotels im Kanton sind auf den Geschäftstourismus ausgerichtet, auf reisende Geschäftsleute oder Seminare. In diesen Bereichen darf man kaum viel erwarten», sagt er.

Auch weil noch immer unklar ist, wann die Grenzen wieder geöffnet werden, wann wieder Leute der Grosskonzerne ABB, GE oder Zehnder anreisen. Wyss: «Der Geschäftstourismus braucht mindestens ein halbes Jahr, bis er wieder einigermassen normal läuft. Und im Moment dürfen wir froh sein, wenn Veranstaltungen im Herbst nicht schon jetzt abgesagt werden.» Corona macht den Hoteliers einen dicken Strich durch die Rechnung.

Schöne Orte im Aargau:

Aber kann man die vielen in der Schweiz bleibenden Schweizer Touristen nicht für den Aargau begeistern? Mit den vielen Velowegen, den Schlössern und Museen, den Thermalbädern, den Wanderungen. «Es werden sicher mehr Schweizer in der Schweiz Ferien machen», sagt Peter Schläpfer, Geschäftsführer von Bad Zurzach Tourismus, «aber es werden alle Tourimusregionen der Schweiz um sie buhlen.» Die Berggebiete, die Städte, die Wellnessorte. Zentral wird die Kommunikation sein – und ein gutes Angebot.

Bad Zurzach hat der Lockdown heftig getroffen. Das Thermalbad ist geschlossen, die meisten Hotels, es kommen kaum noch Reha-Gäste, weil fast nicht mehr operiert wird. Aber auch an der Grenze zu Deutschland sieht man Licht am Ende des Tunnels: Am 29. April werden Teile des Spas wiedereröffnet. Massagen, Kosmetikbehandlungen und Solarium werden in reduziertem Umfang (Mittwoch bis Samstag; 10 bis 18 Uhr) wieder möglich sein.

Im Zuge der der Lockerungen der Corona-Massnahmen öffnet das Bad Zurzach ab dem 29. April wieder seinen Wellnessbereich.

Im Zuge der der Lockerungen der Corona-Massnahmen öffnet das Bad Zurzach ab dem 29. April wieder seinen Wellnessbereich.

Die Arbeit an Hygiene- und Sicherheitsmassnahmen läuft auf Hochtouren. Gesichtsmasken werden beschafft, Desinfektionsmittel, Plexiglasscheiben werden angeschraubt. Wann aber das Thermalbad öffnet, ist ungewiss. Schläpfer rechnet im besten Fall mit einer Öffnung im Juni. Der Sommer ist für Thermalbäder oft eine Herausforderung. Je besser das Wetter und je höher die Temperaturen, desto schwieriger. Deshalb will Schläpfer kommunikativ auch andere Dinge in den Vordergrund stellen: das Velofahren, die Natur, das Wandern – Beschäftigungen, bei denen man sich nicht zu nah auf die Pelle rückt. Abstand als oberstes Prinzip. Der neue Corona-Alltag.

Schlösser locken die Menschen auch im Sommer an

Und dann sind da natürlich die Schlösser. Vier der grössten und wichtigsten Schlösser sind unter dem Dach von Museum Aargau vereint. Lenzburg, Hallwyl, Wildegg und Habsburg. Als eines der grössten historischen Museen der Schweiz gehören zu den neun Standorten des Museum Aargau zum Beispiel auch das Kloster Königsfelden oder das Römerlager Vindonissa samt Legionärspfad und Museum. Noch ist alles zu, die angekündigte Sonderausstellung über die Industriegeschichte des Kantons verschoben in den Herbst, die Leihobjekte sind zurückgegeben, Führungen abgesagt, die Plakatkampagne vorerst abgeblasen.

Impression vom Legionärspfad in Vindonissa

Impression vom Legionärspfad in Vindonissa

Aber auch hier ist Besserung in Sicht. Vieles deutet derzeit daraufhin, dass die Schlösser ihre Tore im Juni wieder öffnen dürfen. «Während andere Museen im Sommer kaum Leute nach drinnen locken können, haben wir mit unseren Schlössern eine Attraktion, die auch in den warmen Monaten die Leute anzieht», sagt Museumsdirektor Marco Castellaneta. Er gibt sich realistisch. Denn natürlich wird vieles nicht so sein wie früher. Zugangsbeschränkungen, Hygienevorschriften – die Einschränkungen sind allgegenwärtig. «Es wird kein normales Jahr», sagt Castellaneta. Grosse Veranstaltungen wie der Mittelaltermarkt auf Schloss Lenzburg stehen auf der Kippe. Aber noch besteht Hoffnung. «Wir arbeiten für die grossen Veranstaltungen in verschiedenen Szenarien – auch mit kleineren Ausführungsvarianten», erzählt der Direktor.

Schloss Lenzburg ist ein beliebtes Ausflugsziel im Aargau.

Schloss Lenzburg ist ein beliebtes Ausflugsziel im Aargau.

Die Abhängigkeit vom Ausland ist auch hier gering. Die Hälfte der Besuchenden kommt aus dem Aargau, die andere Hälfte sind ausserkantonale (45%) und internationale Gäste. Sobald man die Tore also öffnen kann, wird die Kommunikation zentral. Unabhängig von der Coronakrise hat sich die Museumsgruppe kurz vor dem Lockdown eine neue Digitalstrategie verpasst. Man arbeitet jetzt im Newsroom, produziert Videos mit Mittelaltermenüs zum Nachkochen, bietet filmische 360-Grad-Begehungen, zeigt sonst verborgene Ecken und Räume. Damit bespielt man nicht nur den Blog auf der eigenen Webseite, sondern auch So­cial-Media-Portale wie Facebook, Instagram oder YouTube.

Wie man die «Community» wieder mobilisiert

Social Media sind in den letzten Jahren zu einem der zentralsten Kanäle für den Tourismus geworden. Sie transportieren Emotion, aber eben auch Information. Deshalb werden sie auch beim Hochfahren des touristischen Betriebs zentral sein. «Wir haben eine relativ grosse Fangemeinde», sagt etwa Andrea Portmann, Direktorin von Aargau Tourismus. Man müsse diese «Community» aber in den nächsten Wochen erst wieder mobilisieren. Während Corona wurde die Kommunikation über diese Kanäle stark reduziert. «Den richtigen Moment zu erwischen, ist wahrscheinlich eine der schwierigsten Aufgaben», sagt Portmann.

Andrea Portmann ist die Direktorin von Aargau Tourismus.

Andrea Portmann ist die Direktorin von Aargau Tourismus.

Ab Sommer, vielleicht Spätsommer, hofft Portmann, dass man sich wieder relativ frei bewegen könne. Vorerst aber fokussieren sie und ihr Team auf Anfang Mai. Die Initialzündung quasi, der Anfang der Öffnung. Es geht nicht darum, die Leute zu zweiwöchigen Ferien im Aargau zu bewegen, sondern um Ausflüge, Tageserlebnisse, vielleicht auch ein bisschen mehr. Von den vom Kanton gesprochenen 300 Millionen Franken für besonders stark getroffene Unternehmen und Selbstständige kriegt der Tourismusverband nichts. Portmann sagt: «Wir selbst sind finanziell nicht so heftig betroffen. Andere brauchen das Geld viel dringender.»

Normalität kehrt wohl erst in anderthalb Jahren wieder ein

Trotzdem ist die Tourismusdirektorin auf Sponsorensuche. Bei Privaten und wenn irgendwie möglich auch beim Staat. «Wir planen eine Gutschein­aktion», verrät Portmann. Für 35 Franken möchten sie den Leuten einen Wertgutschein über 50 Franken verkaufen, mit dem man dann ins Kino gehen, ins Restaurant essen gehen oder ein Bierchen trinken gehen kann. Für die 15 Franken Differenz sollen aber nicht die teilnehmenden Tourismus- und Gastbetriebe aufkommen, sondern entweder Sponsoren oder der Tourismusverband selbst. Man prüft gerade das Budget. «Auch viele Private hat die Krise hart getroffen, wir wollen auch diesen Leuten eine Freude bereiten», sagt Portmann. Hauptsache: Sie gehen raus, die Leute. Die Schlösser, Velowege, Museen und Thermalbäder warten, genauso die Hotels und Restaurants.

Doch bis Normalität einkehrt, dürfte ordentlich Wasser die Aare runterfliessen. In der Branche rechnet man damit, dass es rund anderthalb Jahre braucht, um wieder auf dem Niveau anzuschliessen, wo man vor Corona war. Ob die Schweizer nun im Sommer daheim bleiben oder ihr Land bereisen. Die Krise ist noch nicht ausgesessen.

Aargauer Schlösser in Bildern:

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