Am Mittwochnachmittag wurde in Buchs eine deutsche Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft. Ort des Grosseinsatzes der Polizei, Feuerwehr und Ambulanz war ein Standort der Kantonspolizei Aargau am Amsleracherweg, ein Industriegebiet zwischen den Bahngleisen und einem Wohnquartier.

Das Gebiet wurde grossräumig abgesperrt und Dutzende Menschen bereits vor dem Mittag aus Wohnungen und Firmengebäuden evakuiert. Die Bombe wurde nicht etwa dort gefunden, sondern von der Kantonspolizei vom Polizeiposten an der Laurenzenvorstadt nach Buchs transportiert. Erst dort haben die Polizisten festgestellt, dass es sich bei dem rostigen, faustgrossen Metallobjekt um etwas sehr Gefährliches handeln könnte.

Der Wurf-Sprengkörper ist eine Schlachtfliegerbombe

Der Wurf-Sprengkörper ist eine Schlachtfliegerbombe (Beitrag vom 5. September 2019)

Armee rückt sofort aus

Bei der Identifikation hat die Kapo auf das Wissen des Kommandos Kamir (Kampfmittelbeseitigung und Minenräumung) der Armee vertrauen können. Nachdem das Kommando ein Bild der Bombe erhalten hat, rückte sofort eine Equipe nach Buchs aus.

Zusammen mit einer Abteilung der Forensischen Einheit der Stadtpolizei Zürich machen sich die Spezialisten daran, die Splitterbombe zu entschärfen. Auch der Bombenroboter kommt zum Einsatz. Die Munition ist klein, aber heimtückisch.

«Im Körper von Bomben dieses Typs befinden sich 250 Gramm Sprengstoff», sagt Alexandro Spora, Chef Einsatz von Kamir. «Die sprengtechnische Kraft ist nicht sehr stark, es kann aber zu einer starken Explosion mit Splitterwirkungen über grosse Reichweiten kommen.» Heisst: Diese Bombe wurde gemacht, um Menschen zu töten.

Bilder vom Einsatzort in Buchs:

Um 15 Uhr kreist ein Helikopter über Buchs. Die Spezialisten und Feuerwehrleute bauen auf einer abfallenden Betonrampe am südlichen Ende des Gebäudes einen Verschlag. Der Heli bringt Dämmmaterial. Die Wucht der Splitterbombe soll mit Sandsäcken abgefangen werden. Die Stimmung am Amsleracherweg ist angespannt.

«Das Problem bei dieser Munition ist nicht die Ladung, sondern der Zünder», sagt Spora. «Das Zündsystem dieser Munition ist sehr heikel und die Bombe unter Umständen scharf.» Über Lautsprecher verkündet ein Jeep der Feuerwehr Buchs: «Bitte bleiben Sie im Gebäude und schliessen Sie Türen und Fenster.»

Nachdem die Bombe im Verschlag platziert worden ist, muss sie aus Sicherheitsgründen 40 Minuten ruhen, bevor mit der Entschärfung begonnen werden konnte. Kurz nach 17 Uhr knallt es in Neubuchs. Doch das ist nicht die Bombe. «Die Spezialisten haben für die Bombe ein sprengtechnisches Entschärfungsverfahren angewendet», sagt Alexandro Spora.

Beitrag Tele M1 zur Bombenentschärfung in Buchs.

Bombenentschärfung in Buchs (Beitrag vom 4. September 2019)

Mit einer Explosion neben der Bombe wurde diese unschädlich gemacht. Auf den Klapf folgt Stille. Wie zuvor muss wieder gewartet werden, bis sich jemand der Bombe nähern darf. Kurz vor 17.30 Uhr ziehen die Feuerwehrleute ihre Schutzanzüge wieder aus. Entspannung macht sich breit, die Ambulanz fährt davon.

«Die Entschärfung ist nach Plan verlaufen», bestätigt Aline Rey, Sprecherin der Kantonspolizei Aargau. Die Munition bekommen die wartenden Journalisten nicht zu Gesicht, sie wird schnell abtransportiert. Zurück bleibt ein Ring von Sandsäcken, der auch ohne die Bombe ein ungutes Gefühl aufkommen lässt.

Wer hat die Bombe abgegeben?

Der Grosseinsatz ist glimpflich ausgegangen, niemand wurde verletzt. Doch wieso transportiert die Polizei eine Bombe durch die halbe Stadt, um sie direkt neben Wohn- und Geschäftshäusern zu entschärfen?

Die Munition wurde auf dem Polizeiposten der Kapo an der Laurenzenvorstadt in Aarau abgegeben. Wer die Bombe gebracht hat und wie lange sie dort gelagert wurde, sei noch Gegenstand von Abklärungen, sagt Rey.

Moment der Detonation.

Bombenentschärfung in Buchs: der Moment der Detonation (Beitrag vom 5. September 2019)

Jeder Bürger kann Waffen und Munition, die nicht mehr gebraucht werden, bei der Polizei abgeben. Stösst man jedoch auf der Bergwanderung oder im Keller auf einen Gegenstand, der gefährlich wirkt, gilt die Blindgänger-Devise: Nicht berühren, Fundstelle markieren, via Notruf 117 melden. «Auf keinen Fall soll versucht werden, die Munition nach Hause zu nehmen», sagt Alexandro Spora.

Das sorgte für den Alarm in Buchs: Hitlers mörderische «Schmetterlinge»

Die «Schlachtfliegerbombe SD2» war eines von Hitlers Lieblings-Kriegsgeräten. Das geht aus einer Fussnote in Ernst Stillas Dissertation mit dem Titel «Die Luftwaffe im Kampf um die Luftherrschaft» (Bonn, 2005) hervor. Ein Beispiel für Hitlers Detaileingriffe im Bereich der Luftwaffe, schreibt der Autor, finde sich während der militärischen Planungen des Angriffes auf Sewastopol.

Gestützt auf eine Besprechungsnotiz vom 17. April 1942, stellt Stilla fest, Hitler selber habe nicht nur bestimmt, wie viele zusätzliche Flakbatterien zum Schutz der Belagerungsartillerie vom Typ Dora heranzubringen seien, sondern er habe auch «entscheidenden Wert auf die Verwendung von SD2-Bomben» gelegt.

«Gute Splitterwirkung vor allem gegen lebende Ziele»

Die zylinderförmige SD2 mit einem Durchmesser von 78 mm und einer Länge (inklusive Verbindungsstück) von 303 mm, auch «Butterfly Bomb» (Schmetterlingsbombe) genannt, war ein im Zweiten Weltkrieg von der Wehrmacht eingesetzter Vorläufer der inzwischen weitherum geächteten Streumunition. Seit 2008 haben über 100 Staaten die Konvention über Streumunition unterzeichnet. 2010 ist diese in Kraft getreten.

Was die Nazis mit den tödlichen Schmetterlingen bezweckten, geht aus der Dienstanweisung vom 11. Februar 1941 hervor. Unter der Überschrift «Verwendungszweck» ist dort zu lesen: «Die SD2 ist eine Tiefangriffsbombe von guter Splitterwirkung insbesondere gegen lebende Ziele, Kolonnen, ungepanzerte Fahrzeuge/Flugzeuge und andere leicht verletzliche Ziele.»
Die SD2 wog rund 2 Kilogramm und war mit 250 Gramm «Füllpulver 2» (Deckname für den Sprengstoff TNT) gefüllt.

Die Bombe konnte im Tiefangriff aus jeder beliebigen Höhe abgeworfen werden. Die zweckmässige Abwurfhöhe wurde mit 5 bis 50 Metern angegeben. Allerdings enthielt die Dienstanweisung diesbezüglich einen Warnhinweis: «Bei Flugzeuggeschwindigkeiten bis 400 km/h ist jedoch bei einer Abwurfhöhe unter 10 m mit Blindgängern zu rechnen.»

Nach dem Abwurf öffneten sich die Bremsflügel der SD2 im Luftstrom und drehten die Spindel des Zünders heraus. Für die Zündung gab es drei Varianten: Zündung beim Aufschlag, Zündung rund 200 Meter hinter dem Flugzeug (Zeit-Zündung) und nach Ablauf einer Verzugszeit von maximal 2,5 Sekunden nach dem Aufschlag beziehungsweise 2 bis 4 Sekunden nach dem Abwurf.

«Schmetterlingsbombe» wurde die SD2 genannt, da sich ihr Gehäuse öffnete und sich aus den «Büchsendeckeln» ein Paar rotierender Flügel bildete. Die beiden Bremsflügel, bestehend aus dem Rest des aufgeklappten Gehäuses, sollten bewirken, dass schon aus einer Abwurfhöhe von 30 Metern eine seitliche Streuung von 20 bis 30 Metern auftrat. Diese reichte laut Dienstanweisung aus, «um Strassen bzw. Kolonnen mit dieser Munition wirksam zu überdecken».

Die SD2 wurde aber auch gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt. Offenbar so präpariert, dass sie beim Kontakt mit dem Finder detonierte. 1943 bombardierte die deutsche Luftwaffe die nordenglische Küstenstadt Grimsby.

Dabei wurden 14 Menschen getötet und 11 schwer verletzt. Mehr Opfer forderten Hitlers «Schmetterlinge»: Nach dem Bombardement verliessen die Menschen die Luftschutzbunker und Schutzräume und sahen, dass die Strassen von merkwürdigen, geflügelten Gegenständen übersät waren.

Über 2500 heimtückische «Schmetterlinge» waren abgeworfen worden. Kinder, die sie für Spielzeug hielten, aber auch Erwachsene kamen mit ihnen in Kontakt. Über 30 Personen verloren so ihr Leben, ebensoviele wurden verletzt.

Wie fand die Nazi-Bombe den Weg in die Schweiz?

Nun liegt die Region Aarau aber weder auf der Krim, noch in England, noch sonst in einer Weltgegend, wo Hitlers Flieger Kampfeinsätze flogen. Wie also kommt eine «Schmetterlingsbombe» nach Aarau

Fakt ist, dass es im Zweiten Weltkrieg punktuell zu Kampfhandlungen zwischen der Schweizer Luftwaffe und deutschen Kampffliegern über schweizerischem Gebiet kam. 1940, im Zuge der deutschen Offensive gegen Westen, nahmen die Grenzverletzungen durch deutsche Flugzeuge zu.

Im Mai und Juni 1940 erfolgten 233 Grenzverletzungen durch Nazi-Deutschland. Schweizer Kampfpiloten schossen 11 deutsche Maschinen ab. Zudem mussten deutsche Kampfbomber in der Schweiz notlanden. Die Schweizer Luftwaffe hatte in der gleichen Phase drei Tote und den Verlust zweier Flugzeuge zu beklagen.

Solange nicht weitere Fakten bekannt werden, steht die Frage nach der Herkunft der Aarauer Bombe im Raum. Kann sie von den Luftkämpfen von 1940 stammen? Die Dienstanweisung für die SD2 datiert erst vom 11. Februar 1941. Oder hat vielleicht ein Wehrmacht- oder NS-Fan so eine Bombe in die Schweiz gebracht?