Die freiberufliche Pflegefachfrau fährt Tag für Tag durch den Kanton. Besucht die psychisch kranken Patienten daheim, hilft ihnen, wo es nötig ist. Patrick Meier* ist der erste Patient an diesem Freitagnachmittag. Er sitzt am Küchentisch und erzählt seine Lebensgeschichte. Es ist eine Geschichte von vielen Schicksalsschlägen. Schwerer Velounfall, Mobbing, Jobverlust, Alkohol, Medikamente, Klinik. Die Negativspirale beginnt, als ihm nach 20 Jahren beim gleichen Arbeitgeber gekündigt wird. «Damals ist eine riesige Welt zusammengebrochen. Ich bin von sehr weit oben, sehr tief gefallen», sagt er. Nun kämpft er sich zurück, mit ehrgeizigen sportlichen Zielen – er möchte zu Fuss 250 Kilometer nach Genf wandern – und der Hilfe von Brigitt Hardegger. Sie unterstützt ihn in allen Lebenslagen, begleitet ihn zu Behörden und Ärzten, rät ihm von allzu ambitionierten Vorhaben ab («Die lange Wanderung ist nicht sinnvoll.»)

50 Prozent arbeitet Patrick Meier* wieder in einer Spedition; ein geschützter Arbeitsplatz. Der Lohn, den die IV zahlt, sei allerdings viel zu tief, sagt Brigitt Hardegger. «Dagegen wehren wir uns.» Häufiges Problem bei Depressionen: Betroffene verdrängen alles – bis sich Briefe und Probleme stapeln. «In Krisen sind sie auf eine starke Person an ihrer Seite angewiesen, die sich für sie einsetzt.» Von Zeit zu Zeit muss die zierliche Frau auch mal auf den Tisch hauen. «Zwischendurch brauchst du starke Leitplanken, oder?», sagt sie zu ihrem Patienten und lacht.

Die ausgebildete Psychiatriepflegefachfrau kommt elegant daher. Blonde Haare, goldener Schmuck, weisse Bluse. Vor 17 Jahren kündigte sie bei der Spitex und machte sich selbstständig. Damals war sie eine der ersten Personen, die diesen Schritt im Aargau wagten. Inzwischen ist Brigitt Hardegger eine von über 90 freiberuflichen Pflegerinnen und Pflegern im Aargau. Sie bieten Pflege zu Hause an – ähnlich wie die Spitex. Abgerechnet wird über die Krankenkasse der Patienten, die Tarife sind identisch. Doch als Konkurrenz zur Spitex sieht sich Hardegger nicht, speziell im psychiatrischen Bereich nicht. «Wir helfen einander aus.»

Die Zusammenarbeit sei insgesamt gut, sagt Max Moor, Geschäftsleiter Spitex-Verband Aargau. «Eigentliche, grosse Konfliktsituationen sind uns keine bekannt.» Doch der Konkurrenzgedanke sei durchaus vorhanden. Abgeschwächt werde dieser allerdings dadurch, dass Tarife sowie Minimalstandards für alle Leistungserbringer vorgegeben seien. «Das hat auch Vorteile: Da wir uns nicht über die Preise unterscheiden können, ist dies lediglich über Qualität möglich. Das heisst, die Konkurrenz fördert das Qualitätsdenken, was wiederum den Klientinnen und Klienten zugutekommt», sagt Moor.

Im Unterschied zur Spitex wissen allerdings nur wenige, dass es selbstständige Pflegende wie Brigitt Hardegger gibt. Das möchte die Interessengemeinschaft der freiberuflichen Pflegefachfrauen und -männer nun ändern, unter anderem mit einem Besuch bei den Grossräten. Werbung machen die freiberuflichen Pflegeleute dennoch kaum. Ihr Dilemma: Die meisten Mitglieder sind ausgebucht.

Das ist bei Brigitt Hardegger nicht anders. 30 Personen betreut sie derzeit. Das sei eigentlich zu viel, sagt sie, abgeben jedoch auch keine Option. Die meisten der Patienten kennt und betreut sie seit langer Zeit. Elf Jahre sind es im Fall von Kathrin Bucher*, die an diesem Nachmittag ebenfalls Besuch von Brigitt Hardegger erhält. «Die enge Beziehung und die Konstanz», hält sie für die grössten Vorteile der freiberuflichen Pflege. Inzwischen kennt sie den Freundeskreis ihrer Patientin, ermuntert sie zu sozialen Kontakten. «Du könntest doch morgen zum Mittagessen abmachen», schlägt sie vor.

Was simpel tönt, kann helfen, Krisen zu verhindern. Fehlende Tagesstrukturen sind bei Depressiven besonders gefährlich. Ohne fixe Termine fehlt der Anreiz, um aufzustehen. «Das Bett ist für viele der Zufluchtsort», sagt Hardegger. Durch die regelmässigen Besuche versucht sie, die Alarmzeichen – wie Krankmeldungen, die sich häufen oder Wäsche, die sich stapelt – zu erkennen, bevor das tiefe Loch kommt.

Doch Krisen halten sich nicht an Bürozeiten. Deshalb ist die Psychiatriepflegerin 24 Stunden auf dem Handy erreichbar. Das werde nicht ausgenutzt, sagt sie. «In der Nacht ruft nur höchst selten jemand an.» Auf der Fahrt zum dritten Besuchstermin ein Anruf: «Habe ich das richtig gemacht?», will die Patientin nach einem selbstständigen Gang zu den Behörden wissen. Brigitt Hardegger antwortet über die Freisprechanlage ihres roten Cabrios. «Das ist super», versichert sie. «Ich freue mich, dass du das selbst gemacht hast.» Die Anruferin legt auf, die Pflegerin sagt: «Manchmal könnten sie sich ruhig etwas mehr selber zutrauen.»

Wie wichtig die ständige telefonische Erreichbarkeit ist, zeigt sich beim dritten Besuch der nachmittäglichen Tour. Sarah Studer* empfängt auf dem Gartensitzplatz und sagt: «Zu wissen, im Notfall immer anrufen zu können, gibt enorme Sicherheit.» Und schwierige Situationen hat die alleinerziehende Mutter von zwei Kindern schon viele erlebt. Seit Jahren kämpft sie mit starken Schmerzen und schweren Depressionen. Kommen dann etwa Schulprobleme der Kinder dazu, wirft sie das schnell aus der Bahn. In diesen akuten Situationen, sagt sie, fühle sie sich nicht mehr imstande, dies ohne fremde Hilfe zu bewältigen. «Ich bin froh um sie», sagt Sarah Studer zum Schluss. «Sie ist eine Retterin in der Not.»

*Alle Namen geändert.