Der Arbeitsplatz, der die Polizeiarbeit verändern soll, ist unspektakulär. Zwei Bildschirme, Bürostuhl, Rechner, Tastatur, Maus – mehr ist da nicht.

Entscheidend sind die Karten und Tabellen, welche die Software Precobs auf den Monitoren zeigt. Das Ziel: Einbrüche verhindern, bevor es dazu kommen kann. Was nach Science-Fiction tönt, testet die Aargauer Kantonspolizei bereits seit einem halben Jahr.

Am Pult im Aargauer Polizeikommando sitzt André Gloor, Dienstchef des Lage- und Analysezentrums. Er sagt: «Precobs ist keine Glaskugel, keine Wunderwaffe.»

Verstärkung im Kampf gegen Einbrecher erhofft er sich von der Software trotzdem. Die Hoffnung ist nicht unbegründet, das zeigen die Beispiele der Stadt Zürich und des Kantons Baselland, die Precobs weltweit als erste einsetzen und seither einen deutlichen Rückgang bei den Einbrüchen melden.

So sieht eine Precobs-Karte aus: Beispiel Wettingen.

So sieht eine Precobs-Karte aus: Beispiel Wettingen.

Die Kapo braucht mehr Zeit

Im Aargau ist man noch nicht ganz so weit: Die Testphase, ursprünglich auf ein halbes Jahr angesetzt, wird nun um weitere sechs Monate verlängert.

«Die Zeit war zu kurz, um die Software vertieft beurteilen zu können», sagt André Gloor. «Wir wollen bis Ende Jahr prüfen, ob Precobs die Erwartungen erfüllen kann.»

Die Verlängerung der Pilotphase hiesse aber nicht, dass man damit nicht zufrieden sei. Von den Vorteilen profitierten allen voran die Einsatzleiter an der Front.

Statt mühsam selbst nach Häufungen und Serien zu suchen, können sie nun auf den Computer zählen: Er sagt, wo die Hotspots sind, wo die grösste Gefahr für weitere Verbrechen herrscht. Kein Orakel, sondern Wahrscheinlichkeitsrechnung.

Voraussetzung für genaue Analysen ist eine möglichst umfangreiche Datensammlung. Jeden Morgen gibt deshalb ein Mitarbeiter aus Gloors Team die Daten der letzten 24 Stunden ins System ein.

Wichtig sind die Details: Um welche Zeit schlugen die Täter zu? Wie gingen sie vor? Welche Werkzeuge setzten sie ein? Was nahmen sie mit? Alles kann entscheidend sein.

Das hilft Precobs, beginnende Einbruchsserien zu erkennen. Das Programm macht sich zunutze, dass Einbrecher häufig mehrmals im gleichen Quartier aktiv werden – auch Verbrecher erliegen der Macht der Gewohnheit. «Near repeats» heisst das Phänomen.

Haben Gloors Mitarbeiter die aktuellsten Informationen erfasst, gleicht der Computer die neuen mit den Daten der letzten drei Jahre ab und berechnet, in welchem Kantonsteil eine Einbruchsserie drohen könnte. Wird er fündig, schlägt er Alarm.

Ein roter Kreis auf einer Karte zeigt die gefährdete Region, die zusätzlich in farbige Quadrate unterteilt ist – rot bedeutet, dort ist die Wahrscheinlichkeit für weitere Einbrüche am höchsten.

Bei Alarm gibt es zwei mögliche Strategien: Präsenz markieren und abschrecken oder im Versteckten beobachten und die Täter wenn möglich auf frischer Tat ertappen.

Doch die virtuellen Alarmglocken läuten längst nicht jeden Tag. Mehrere dutzend Male kam dies bislang vor; wobei auch schon drei Gebiete gleichzeitig als besonders gefährdet galten. An diesem Mittwochnachmittag sei alles ruhig, sagt Gloor. «Heute ist kein Alarm raus.»

Auch bei Raubüberfällen möglich

Aktuell setzt die Kapo Precobs nur zur Bekämpfung von Einbrüchen in Wohnungen, Ein- und Mehrfamilienhäuser ein. «Sobald ein definitiver Entscheid gefällt ist, werden wir die Software nach Möglichkeit auch bei anderen Delikten einsetzen», sagt Gloor.

Denkbar wäre der Einsatz beispielsweise auch bei Raubüberfällen oder Auto-Diebstählen. Einzige Einschränkung: Die Methode funktioniert nur bei seriellen Verbrechen.

Wie viel Precobs den Kanton kosten wird, können die Verantwortlichen bei der Kapo noch nicht sagen. Michael Schweer von der deutschen Herstellerfirma «Institut für musterbasierte Prognosetechnik» sagt, die Kosten liessen sich nicht pauschal berechnen.

Sie würden von der Grösse des Einsatzgebiets und der Anzahl der Delikte abhängen. Die Stadtpolizei Zürich bezahlte für die Anschaffung des Systems rund 100 000 Franken.