Lenzburg

Die Nonne mit dem guten Herz für die Straftäter von Lenzburg

Schwester Iniga, Nonne vom Kloster Baldegg, war während zwölf Jahren Gefängnis-Seelsorgerin in der Strafanstalt Lenzburg. Aline Wüst

Schwester Iniga, Nonne vom Kloster Baldegg, war während zwölf Jahren Gefängnis-Seelsorgerin in der Strafanstalt Lenzburg. Aline Wüst

Nach zwölf Jahren bei Mördern und Dieben ist für Seelsorgerin Schwester Inga Schluss. Sie hat ihr Amt im Gefängnis Lenzburg abgegeben. Im Gespräch äussert sie sich über Kriminelle und Menschen mit Stöpsel in den Ohren.

Ein Gespräch mit Schwester Iniga ist anstrengend – auf eine angenehme Art. Die bald 70-jährige Nonne aus dem Kloster Baldegg provoziert und fordert ihre Gesprächspartner heraus.

Vor allem zugehört und auf Zwischentöne geachtet, hat Schwester Iniga in den vergangenen zwölf Jahren bei den Mördern und Dieben, bei Gefangenen mit leichten und schwersten Delikten, die ihr gegenüber im bequemen Stuhl im Seelsorge-Zimmer der Justizvollzugsanstalt Lenzburg sassen und von ihren Nöten, Wünschen und Taten erzählten.

Damit ist nun Schluss. Die Nonne hat die Seelsorge im Gefängnis Lenzburg abgegeben.

Ein gern gesehener Gefängnisgast

Mit grossen Schritten ist Schwester Iniga kurz zuvor durch die Strafanstalt Lenzburg gegangen – vom Eingang durch den langen unterirdischen Gang, hinauf durch die Sicherheitsschleuse, hinein in den Zellentrakt. «Hallihallo», begrüsst sie einen Gefangenen, der Schwester Iniga schon von weitem entgegenlächelt.

Sie tritt nah zu ihm. Die beiden unterhalten sich ein paar Minuten.

Vor dem Kontrollturm, der sich in der Mitte des sternförmig ausgerichteten Zellentraktes erhebt, stehen zwei Blumensträusse und ein handgeschriebener Abschiedsgruss von Schwester Iniga. «Vielen, vielen Dank!», steht darauf.

Es ist halb fünf Uhr abends und im Gefängnis riecht es bereits nach Essen. Schwester Iniga verabschiedet sich vom Gefangenen, winkt einem anderen zu, spricht kurz mit den Vollzugsbeamten und steigt dann zügig die Treppen hinauf in den zweiten Stock zum Seelsorgezimmer.

Sie bewegt sich so selbstverständlich im Gefängnis wie andere Menschen in der Migros.

Im Seelsorgezimmer sass sie in den vergangenen zwölf Jahren mehrmals jede Woche. Ob sie während der Gespräche mit den Gefangenen auch mit dem Fuss wippte?

Der Mensch, nicht die Tat

Schwester Iniga, wie ist es, wenn Ihnen ein Mörder das Herz ausschüttet? Die Schwester muss nicht lang überlegen, sie hat die Fragen wohl schon oft beantwortet. Ob ein Mensch ein grausames Delikt oder nicht verübte, das spiele doch keine Rolle, sagt sie.

Es geht doch immer um den einzelnen Menschen und nicht um seine Tat. «Wir meinen, wir können klassifizieren. Aber wir haben nie das Recht, jemanden zu verurteilen.» Auch wenn die Tat unverzeihlich sei – sofort korrigiert Schwester Iniga diese Aussage: «Nein, vor Gott gibt es nichts Unverzeihliches.»

Das ist einer dieser herausfordernden Momente im Gespräch mit der Ordensfrau, die weder einen Mörder verurteilt noch solche, die mit Fingern auf Straftäter zeigen, damit sie sich selber besser fühlen.

Stöpsel in den Ohren

Was sie Gefangenen riet, die bereuten, das will die Nonne nicht verraten. «Das ist doch bei jedem Menschen anders», sagt sie. Damit ist das Thema abgeschlossen.

Das Wichtigste sei das Zuhören,  wie überall in der Seelsorge. Davon, dass es speziell ist, wenn eine Ordensfrau in der Gefängnisseelsorge arbeitet, will die Schwester auch nichts wissen.

Aber sie bedauert die Leute, die ihr ausserhalb der Gefängnismauern täglich begegnen, stets mit Stöpseln in den Ohren oder sich festhalten an einer Zigarette und nur nach dem Lustprinzip leben.

«Viele Menschen halten sich selber nicht aus.» Seien ständig auf der Flucht vor sich selber. Natürlich mache sie das traurig. «Aber wem würde das etwas bringen, wenn ich den ganzen Tag weinen würde?»

Zu Schwester Iniga in die Seelsorge kamen Menschen verschiedenster Religion. Ob Muslim oder Christ, Schwester Iniga spielt das keine Rolle. Denn der Herrgott werde einmal nicht fragen, welche Religion man hatte. «Er wird fragen: Warst du ein guter Mensch?»

Die innere Berufung zur Nonne kam früh. Schwester Iniga lebte während des Studiums in Italien besuchte in dieser Zeit ein Gefängnis in Neapel – da erwachte in ihr der Wunsch, Gefangenenseelsorgerin zu werden. Es dauerte viele Jahre, bis dieser Wunsch in Erfüllung ging.

Auch wenn sie nun keine Gefängnis-Seelsorge mehr macht – ein bisschen auf dem Weg begleiten wird Schwester Iniga die Gefangenen auch weiterhin. Auch künftig leitet sie jeden Mittwochabend eine Freizeitgruppe.

Die Schwester gesteht aber auch, dass es ihr nichts ausmache, wenn es ruhiger werde in ihrem Leben. Oft hat die 70-jährige Frau bloss Zeit für ein Sandwich zum Zmittag und abends ist sie manchmal erst spät zurück im Kloster. Auch an diesem Tag werden die Nonnen in Baldegg wieder ohne Schwester Iniga ihr Abendessen einnehmen.

Dann verabschiedet sich die Nonne und ihr dunkelblauer Polo verschwindet im Feierabendverkehr – ihre Fahrweise ist genauso forsch wie ihre Art zu sprechen.

Es gilt wohl für alles in ihrem Leben: «Mache ich etwas, dann mache ich es ganz.»

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