Vincenza Trivigno
Die neue Staatsschreiberin: «Der Aargau hat sich extrem gemausert»

Vincenza Trivigno will keine Verwalterin sein und lernte den Aargau hinter der Bar kennen

Mario Fuchs
Merken
Drucken
Teilen
Die Zuger Aussicht auf Innerschweizer Berge Vincenza Trivigno vermissen. In den Bergen kann sie sich «sammeln» und «richtig schnuufe».

Die Zuger Aussicht auf Innerschweizer Berge Vincenza Trivigno vermissen. In den Bergen kann sie sich «sammeln» und «richtig schnuufe».

Chris Iseli

Für die Familie Trivigno war es ein vorzeitiges Weihnachtsgeschenk, als der Kanton Aargau am 18. Dezember 2015 eine Medienmitteilung verschickte. Titel: «Neue Staatsschreiberin gewählt».

Vorspann: «Mit Vincenza Trivigno leitet ab 1. Juni 2016 erstmals eine Frau die Staatskanzlei des Kantons Aargau». Wochen später sitzt Trivigno, 45, weisse Bluse, roter Blazer, in ihrem jetzigen Büro in der Zuger Gesundheitsdirektion und sagt: «Mein Bruder konnte es kaum glauben. Meine Eltern erst recht nicht.»

Dass die gleiche Vincenza, die in einem Oltner Arbeiterquartier gross wurde und erst im Kindergarten Deutsch lernte, dereinst in der Schweiz für und mit der Regierung arbeiten würde, lag ausserhalb der Vorstellungen ihrer süditalienischen Arbeiterfamilie.

Der Bruder kam in Italien zur Welt, Vincenza bereits in der Schweiz. Heute sagt sie, sie sei eigentlich «in zwei Kulturen aufgewachsen», wisse genau, «was Chancen und Risiken einer Integration sind».

Mamma und Papa arbeiteten. Wenn sie nicht in der Schule war, war sie oft alleine zu Hause, hatte früh einen eigenen Wohnungsschlüssel. Wie man sich den anderen Kindern im Innenhof anschliesst, lernte sie schnell. «Am Anfang war das schwierig, aber mit der Zeit genoss ich es, machen zu können, was ich wollte, selbstständig zu sein.»

Fürs Team auf Aussicht verzichtet

Geschadet hat es ihr offenbar nicht. Sie erlangte die Matur und schloss 1996 an der Uni Bern in Volkswirtschaft und Soziologie ab. Als sie sich 2015 in Zürich als FDP-Kantonsrätin bewarb, beschrieb sie auf ihrer Website, wie sie «trotz mittellosen und ungebildeten Eltern aus Süditalien» dank Einsatz, Fleiss und guten Lehrern ohne Vitamin B einen Job gefunden habe, der ihrer Ausbildung entspreche. In der Wahlkampfwerbung lautete ihr Fazit: «Ich bin ein Beispiel für das Schweizer Erfolgsmodell. Ein echtes Schweizer Produkt!» Eine Seconda zeigt mit dem Finger auf die Eidgenossenschaft und ruft Danke.

Dass früh aufstehen sollte, wer weit kommen will, hat Trivigno verinnerlicht: Täglich um 5.40 Uhr schnürt sie sich in der Zürcher Wohnung die Laufschuhe und joggt der Limmat entlang. Früher rannte sie mit Ehemann Stefan Brupbacher, ehemals Generalsekretär der FDP Schweiz, doch seit Brupbacher 2014 als Generalsekretär zu Johann Schneider-Ammann nach Bern gewechselt hat, muss er noch früher aufstehen – und sie rennt alleine, um «mich und meinen Tag zu ordnen».

Mehr gemeinsame Zeit verbringt das freisinnige Paar an Wochenenden, dann geht es hinauf zu Stock und Stein und Schnee. Bergsteigen, Klettern, Tourenskifahren. «Ich brauche das», sagt Trivigno, sie sei «chli das Heidi». Während einer Tour könne sie sich sammeln und «richtig schnuufe». An ihrem Arbeitsplatz in Zug hat sie dennoch freiwillig auf Alpensicht verzichtet. Das Verwaltungsgebäude liegt nur 100 Meter vom Ufer des Zugersees entfernt, den See und die Innerschweizer Berge sieht man von ihrem Büro aus aber nicht. Ja, sie habe wählen dürfen, wie bei einem Hotelzimmer: See oder Stadt? Der Blick über das Team war ihr wichtiger als jener auf die Idylle.

Welche Arbeit ihr am ehesten liegt, das musste sie herausfinden. Nach einer Stelle beim Bundesamt für Konjunkturfragen (heute Seco) folgten fünf Jahre als Referentin von Bundesrat Pascal Couchepin (genau: auch FDP), ein Abstecher in die Pharmabranche zu Interpharma und Syngenta, und zuletzt, bevor sie nach Zug kam, war sie bis 2012 in der Konzernleitung der Stadler Rail von SVP-Nationalrat Peter Spuhler.

«Ich war immer an der Schnittstelle zwischen Politik und Wirtschaft», sagt Trivigno. Aber überall sei der Fokus wieder ein neuer gewesen. Wo sie ihn im Aargau setzen will, kann sie noch nicht absehen. Dazu müsse sie sich zuerst einarbeiten: «Jeder muss seine eigenen Schwerpunkte entwickeln. Auf jeden Fall verstehe ich mich nicht als Verwalterin der Staatskanzlei, sondern als Schnittstelle zwischen Verwaltung, Regierung und Volk.»

Jene, die mit ihr zusammengearbeitet haben, beschreiben sie als «extrem intelligent» und «visionär». Parteikollege Patrik Brunner, Vizepräsident der Orts-FDP im Zürcher Kreis 6, sagt, sie sei «durch und durch eine Macherin», die aber auch delegieren und «im richtigen Moment beharrlich sein» könne. Diese Erfahrung sollen auch schon Journalisten gemacht haben, die Trivigno als Sprecherin von Peter Spuhler kennen lernten. Seit 2016 ist die Staatsschreiberin in spe zudem Mitglied im Institutsrat der schweizerischen Heilmittelbehörde Swissmedic. Präsidentin Christine Beerli beschreibt sie als «eine kompetente Vertreterin der Kantone».

Wieder näher an der Heimat

Ihr ist bewusst, dass sie den Posten von einem übernimmt, der das Amt als Trampolin nutzte und im Sessel des Avenir-Suisse-Direktors landete. Sie nimmt es lässig, aber nicht gelassen: «Ich freue mich sehr, auch wenn ich weiss, dass ich grosse Schuhe ausfüllen darf.» Die Freude sei umso grösser, da sie überhaupt nicht damit gerechnet habe, die Stelle zu erhalten. «In Zug etwa würde wohl kaum ein Nicht-Zuger oder eine Nicht-Zugerin ins Landschreiberamt gewählt werden. Das zeugt von der Offenheit des Kantons Aargau.» Sie freue sich auch, jetzt wieder näher an der Heimat Olten zu arbeiten.

Erste Eindrücke des Aargaus hatte sieals Jugendliche gesammelt, im Musikclub «Moonwalker» in Aarburg. Nicht etwa vor, sondern hinter der Bar, als Teilfinanzierung ihres Studiums. «In den 90er-Jahren hatte der Aargau kein klares Profil, war einfach industriell geprägt», erinnert sie sich. Seither habe sich der Kanton «extrem gemausert». Er sei zwar nach wie vor ein Kanton mit hohem Industrieanteil, aber die Unternehmen seien innovativ und fortschrittlich: «Ich denke da etwa an ABB, aber auch an Strukturen, wie sie im Innovationspark Innovaare aufgebaut werden.»

Bei dieser Beurteilung verlässt sie sich auf das, was man in der Zeitung lesen kann – und was ihr Bruder und ihre beste Freundin erzählen: Beide arbeiten im Aargau. Sicher gehöre es aber zur obersten Priorität, erst «den Meccano von Verwaltung und Politik im Aargau kennen zu lernen». Vorderhand warten die letzten Pendenzen in Zug. Finanzausgleich und Budget gaben viel zu tun, zudem befasst sich Trivigno mit der Verkleinerung des Regierungsrats auf fünf Sitze.

Es ist eben bei diesem Weihnachtsgeschenk nicht anders wie bei allen anderen: Man muss sich zuerst etwas gedulden, bevor man es öffnen darf.