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«Die neue Helvetia»: Wie Doris Leuthard der politische Durchbruch gelang

Am Anfang der Karriere von Doris Leuthard stand eine grosse Enttäuschung, denn die Ehe mit Roland Hausin blieb kinderlos. Wegen zwei Medienberichten nach ihrem Einstieg in die Politik stieg die Popularität Leuthards rasant.

Die Ehe von Doris Leuthard und Roland Hausin bleibt kinderlos. Das tut weh. Familienmensch Doris Leuthard wäre gerne Mutter geworden.

Hätte sie auch als Mutter eine politische Kariere eingeschlagen? Oder war der kompromisslose Entscheid für die Politik eine logische Konsequenz aus der Kinderlosigkeit? Hätte sie sich für die Familie und gegen den Bundesrat entschieden?

Doris Leuthard hat kürzlich in einem Interview mit dem Journalisten und Buchautor Werner Vogt diese Fragen klar beantwortet: «Ich für mich hätte nie das Amt einer Bundesrätin angestrebt, wenn ich zur gleichen Zeit in einer Mutterrolle mit kleinen Kindern gewesen wäre. (…) Wäre ich Anwältin geblieben, hätte ich problemlos auf ein Teilzeitmodell zurückgreifen können. Aber dies war bei uns ja nicht die Frage des Modells; ich wurde nicht schwanger.»

In anderem Zusammenhang sagt sie offen: «Es war schwer, die Kinderlosigkeit zu akzeptieren.»

Freiamt–Aargau–Bern

Die junge Anwältin engagiert sich im Freiamt. Sie präsidiert den DTV Merenschwand, wird Stiftungsrätin im Kreisspital Muri, politisiert mit den CVP Frauen in Muri, wird in stiller Wahl zur Schulrätin gewählt.

Die CVP setzt sie auf die Grossratsliste und 1997 wird sie auf Anhieb Grossrätin. Das war zur Zeit, als die CVP noch fünf von zehn Grossratsmandaten im Bezirk Muri innehatte. In der kantonalen Politik angekommen, beeindruckt sie rasch und so sehr, dass sie nach nicht einmal zwei Jahren im Grossen Rat von der kantonalen CVP bereits als National- und Ständerätin nominiert wird.

«Vor allem die Ständeratskandidatur war schon etwas kühn, immerhin trat sie gegen den freisinnigen Thomas Pfisterer an», sagt Leuthard-Mentor Kurt Fricker rückblickend. Betreut von einem unermüdlichen Wahlkampfkomitee, in dem auch der heutige Berner Polizeidirektor Reto Nause kräftig mitwirkt, tritt Doris Leuthard einen Wahlkampf an, der in die Geschichte eingehen und schweizweit für Aufsehen sorgen sollte. Das war so zwar nicht beabsichtigt. Schuld waren ein Duschbeutel und die neue publizistische Ausrichtung der AZ.

Duschen mit Doris

Wer die Idee hatte, lässt sich heute nicht mehr zuverlässig ermitteln. Jedenfalls beschliesst das Wahlkomitee, mit dem Slogan «Erfrischender Aargau» in den Ständeratswahlkampf zu starten; man verteilt im ganzen Kanton Tausende von Beuteln mit Dusch-Shampoo, darauf das Konterfei der fröhlich lachenden Doris Leuthard und der Slogan vom erfrischenden Aargau.

Wahrscheinlich wäre wenig passiert, wenn das Wahlkomitee den Beutel mit dem Dusch-Shampoo nicht auch noch der Aargauer Zeitung geschickt hätte. Denn bei der AZ arbeitet jetzt Urs Helbling als neuer Aargau-Chef. Man hat ihn vom «Blick» zur AZ gelotst, damit die Zeitung ein bisschen angriffiger, peppiger, sogar boulevardesker werde. Helbling erkennt das journalistische Potenzial des Beutels, bringt die Geschichte etwas grösser und setzt durch, dass der Titel «Duschen mit Doris» auch tatsächlich gedruckt wird. Dann geht alles sehr schnell. Obschon das Internet noch in den Kinderschuhen steckt, macht «Duschen mit Doris» innert Stunden die Runde und Doris Leuthard national bekannt. Später werden die Duschbeutel begehrte Sammlerobjekte; auch das Museum Aargau hat sich inzwischen ein Exemplar gesichert.

«Die Schweiz gibts nur einmal. Kämpfen Sie für unser schönes Land!»: die Abschiedsrede von Doris Leuthard in voller Länge

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5. Dezember 2018: Die abtretende Bundesrätin Doris Leuthard mahnte zum Abschied im Hinblick auf das Rahmenabkommen mit der EU: «Je länger wir keine Lösung mit der EU finden, desto höher wird der Preis.»

Niemand wundert sich, als Doris Leuthard im Herbst 1999 auf Anhieb in den Nationalrat gewählt wird; die Wahl in den Ständerat verliert die Newcomerin im zweiten Wahlgang knapp gegen das freisinnige Urgestein Thomas Pfisterer. Der Unterschied beträgt bloss 6582 Stimmen, fünf von elf Bezirken entscheidet Leuthard für sich.

Auch beruflich ergibt sich eine Veränderung: Sie macht sich als Anwältin selbstständig und bezieht ein eigenes Büro in Muri, die Kanzlei heisst jetzt Fricker & Leuthard. Spätestens jetzt ist Nationalrätin Leuthard im ganzen Kanton populär.

«Die neue Helvetia»

In Januar 2006 tut sie es. Sie ist inzwischen eine nationale Grösse, Präsidentin der CVP Schweiz und wird bereits als mögliche Bundesratskandidatin gehandelt. Da willigt sie ein und lädt die «Schweizer Illustrierte» für eine Homestory zu sich nach Merenschwand ein. Unter dem Titel «Die neue Helvetia» richtet die Zeitschrift gross an, zeigt, wie «die Powerfrau mit Köpfchen» lebt, zeigt, wie sie in Cowboy-Manier und Hanteln stemmend auf einem Designer-Stuhl mit Schweizer Kreuz als Rückenlehne sitzt.

Diese Inszenierung gibt zu reden. Die Schweizerische Depeschenagentur (SDA) reiht Doris Leuthard sofort in die Reihe der «prominenten Schuhfetischistinnen» ein. Und PR-Berater Klaus Stöhlker nörgelte: «So darf man sich nicht ablichten lassen!» Stöhlker glaubt, ein gewisses Macho-Verhalten zu erkennen, was darauf schliessen lasse, dass diese Frau Bundesrätin werden wolle. Auch der Kommentator in der AZ zeigte sich besorgt und hob den Mahnfinger: «Der Grat, den Doris Leuthard seit dem Nationalratswahlkampf 1999 bis zur jüngsten Ikonisierung beschritten hat, ist äusserst schmal. Und die Luft wird dünner, je höher der Medienstar steigt.»

Doch dem Schweizer Publikum gefällt der Einblick ins private Leben und ins Wohnzimmer des Ehepaars Leuthard Hausin in Merenschwand. Diese Ausgabe der «Schweizer Illustrierten» verkauft sich äusserst gut und ist bald an vielen Kiosken ausverkauft. Die Popularität von Doris Leuthard steigt weiter und erreicht einen ersten Höhepunkt am 12. Juni 2006: Die Frau vom Land aus Merenschwand wird tatsächlich zur Bundesrätin gewählt.

Doris Leuthards Karriere in Bildern:

Autor

Jörg Meier

Jörg Meier

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