Tiefenlager

Die Nagra lässt auf Vorrat vibrieren – doch um Bienen macht sie einen Bogen

Wie ein Echolot geben die Vibrationsfahrzeuge bei Fisibach Impulse in den Untergrund. Marian Hertrich (Nagra, links) und Andreas Pekruhl (DMT) leiten das Projekt.

Wie ein Echolot geben die Vibrationsfahrzeuge bei Fisibach Impulse in den Untergrund. Marian Hertrich (Nagra, links) und Andreas Pekruhl (DMT) leiten das Projekt.

Nach dem Gebiet Jura Ost untersucht die Nagra nun das Gebiet Nördlich Lägern mit hochpräzisen Messmethoden. Ein Problem dabei sind die Bienen.

Gespenstische weisse Fahrzeuge rollen zurzeit durch den Herbstnebel im Aargauer Zurzibiet. Über Felder, Wiesen und Strassen ziehen sich kilometerweit orangefarbige Kabel. Die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) lässt hier die Erde erzittern. In Kaiserstuhl führte die Nagra gestern Montag vor, wie 3-D-Seismik zur Untersuchung der Gesteinsschichten funktioniert. Zwischen Bülach ZH, Fisibach AG und dem badischen Hohentengen wird mit dieser Messmethode im kommenden Winter der Untergrund auf einer Fläche von 100 Quadratkilometern haargenau vermessen.

So lange in der Schweiz die Atomkraftwerke in Betrieb sind, fällt radioaktiver Abfall an, der für Zehntausende Jahre sicher entsorgt werden muss. Bisher lagern die nuklearen Abfälle im Zwischenlager Würenlingen. Markus Fritschi, Geschäftsleitungsmitglied der Nagra, sagt deshalb: «Wir sollten jetzt vorwärtsmachen und die Probleme der Endlagerung nicht auf unsere Kinder und Kindeskinder abschieben. Die Grundlagen dazu liegen vor.»

3D-Seismik – Ein Blick in den geologischen Untergrund

3D-Seismik – Ein Blick in den geologischen Untergrund

Was sind 3D-seismische Messungen? Wozu braucht es Geofone und Vibrationsfahrzeuge? Welche Informationen aus dem geologischen Untergrund erhält man? Der 5-minütige Film der Nagra liefert Antworten.

Nagra rät von Nördlich Lägern ab

Im Aargau wurde im vergangenen Winter das Gebiet Jura Ost am Bözberg untersucht, jetzt folgt Nördlich Lägern. Allerdings: Die Nagra hat vorgeschlagen, das Gebiet Nördlich Lägern wegen geologischer Schwierigkeiten nicht weiter zu untersuchen. Weil aber die Bundesbehörden, allen voran das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat Ensi, sich alle Standorte offen halten will, muss auch hier der geologische Untergrund untersucht werden. Die zehn Millionen Franken teuren Messungen sind also eigentlich nur eine Untersuchung auf Vorrat.

Markus Fritschi erklärt: «Die Daten, die wir jetzt erheben, können auch dazu beitragen, dass Nördlich Lägern nicht weiter als Standort für das Tiefenlager verfolgt wird.»  Der Bundesrat entscheidet bis Ende 2018, welcher von den sechs ursprünglich vorgeschlagenen Standorten ausgewählt wird. Unabhängig davon führt nun die Firma DMT (Deutsche Montan Technologie) aus Essen im Auftrag der Nagra die seismischen Messungen durch.

Der definitive Standortentscheid des Bundesrats soll 2029 erfolgen. Falls Nördlich Lägern doch eine Option wäre und man jetzt die Messungen nicht durchführt, würde man drei Jahre verlieren, so Fritschi. Betroffen sind die zwei Aargauer Gemeinden Fisibach und Kaiserstuhl, die deutsche Gemeinde Hohentengen und zwölf Gemeinden im Kanton Zürich. Vorgesehen für die Oberflächenanlagen, von denen die Abfälle unter Tage gebracht würden, wären die Gemeinden Weiach und Stadel im Zürcher Unterland.

Den Bienenstöcken ausweichen

Wie ein Echolot senden die riesigen Vibrationsfahrzeuge über eine Bodenplatte Impulse in den Boden. Mit einem Netz aus hochsensiblen Geofonen werden die Signale empfangen und in den Messfahrzeugen vor Ort ausgewertet. So kann die Gesteinsdichte genau bestimmt werden.

Dafür müssen kilometerlange Kabel verlegt werden, auch über Strassen, durch Gärten, Äcker und Felder. Die Zusammenarbeit mit den Gemeinden und den Grundbesitzern sei sehr gut, sagt Fritschi. Bei Fluglärm und starkem Regen müssen die Messungen unterbrochen werden. Da die Gegend genau in der Anflugschneise des Zürcher Flughafens liegt, müssen die Messtechniker ständig die Flugzeuge abwarten und in den kurzen Zwischenräumen messen.

Nur den Bienenstöcken muss man ausweichen. Die Bienen reagieren sehr sensibel auf die Erschütterungen und könnten aus dem Winterschlaf geweckt werden. Für Mensch und Tier sind die Vibrationen sonst keine Gefahr. Als die Vibrationsfahrzeuge mit Getöse die Erde erzittern lassen, weiden die Kühe auf der Wiese nebenan seelenruhig weiter.

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